Altern, Lebensstil

Altern: Nur 30% genetisch, 70% durch Lebensstil bestimmt

Veröffentlicht am: 28.07.2026 um 17:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Aktuelle Studien identifizieren Schlüsselenzyme und Lebensstilfaktoren, die den Alterungsprozess beeinflussen und potenziell verlangsamen können.

Longevity-Forschung: Neue Enzyme und Strategien gegen das Altern
Mikroskopische Aufnahme von Zellstrukturen und molekularen Filamenten in einem wissenschaftlichen Labor. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Nur 30 Prozent unserer Lebenserwartung sind genetisch bestimmt. Die restlichen 70 Prozent liegen in unserer Hand – durch Lebensstil und Umweltfaktoren. Die aktuelle Forschung liefert dafür immer präzisere Ansätze.

Telomerase TERT: Der Hauptregulator des Alterns

Ein Team um Forscher der Universität Köln identifizierte in Nature Aging (Juli 2026) ein Enzym als zentralen Schalter des Alterns: die Telomerase Reverse Transcriptase (TERT). Das Enzym verlängert nicht nur Telomere – es beeinflusst auch die Mitochondrienfunktion, epigenetische Prozesse und Entzündungsreaktionen.

In Mausmodellen führte die Wiederherstellung der TERT-Aktivität zu einer Verbesserung altersbedingter Merkmale – ohne das Krebsrisiko zu erhöhen. Allerdings mahnen Forscher zur Vorsicht: Bestimmte genetische Varianten im TERT-Locus sind mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden.

CMLase: Neues Enzym baut Altersablagerungen ab

In Nature Communications präsentierten Wissenschaftler ein weiteres vielversprechendes Enzym namens CMLase. Es baut sogenannte Advanced Glycation End Products (AGEs) ab – genauer: Carboxymethyl-Lysin (CML). Diese Verbindungen reichern sich mit dem Alter in Proteinen an und versteifen Gewebe.

Die Ergebnisse sind beeindruckend: Im Labor reduzierte CMLase CML in menschlichem Haut-, Augenlinsen- und Arteriengewebe um bis zu 70 Prozent. Bei Augenproteinen eines 64-jährigen Spenders waren es immerhin 45 Prozent. Eine klinische Anwendung am Menschen steht jedoch noch aus.

Viszerales Fett: Schon 100 Gramm lassen uns altern

Die Zeitschrift Obesity (Juli 2026) quantifizierte den Effekt von Bauchfett auf das biologische Alter. Bereits 100 Gramm viszerales Fett beschleunigen das phänotypische Alter bei Frauen um 0,32 Jahre, bei Männern um 0,16 Jahre. Bei Frauen zeigte sich zudem eine Verkürzung der Telomere.

Experten raten zur Kontrolle des Taillenumfangs und empfehlen eine Proteinzufuhr von 1,5 bis 2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Das beugt Insulinresistenz, Entzündungen und Muskelverlust vor.

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Ovarielle Alterung: Eierstöcke als Taktgeber

Ein weiterer Forschungszweig untersucht die Rolle der Eierstöcke. Sie altern oft schneller als andere Organe. Die Frage: Kann das Hinauszögern der Menopause systemische Alterungsprozesse verlangsamen? Östrogen scheint eine schützende Funktion für Gefäße und das Gehirn zu haben.

MarLeb-Projekt: Braunalgen gegen Diabetes und Alter

Seit Juli 2026 läuft das Projekt MarLeb der Universität Kiel und weiterer Partner. Bis Dezember 2028 untersuchen die Forscher Braunalgen und Küstenpflanzen wie Salicornia europaea auf ihre Wirkung gegen Diabetes und Alterungsprozesse. Erste Tiermodelle zeigen blutzuckersenkende und lebensverlängernde Effekte.

Diagnostik: Multi-Omics-Plattformen bestimmen das biologische Alter

Die Bestimmung des biologischen Alters erfolgt zunehmend über Multi-Omics-Plattformen. Sie kombinieren Daten aus Genomik, Proteomik und Metabolomik mit Werten von Wearables. In klinischen Untersuchungen konnten personalisierte Interventionen das biologische Alter innerhalb von 18 Monaten um bis zu drei Jahre reduzieren.

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S1P-Molekül: Neue Strategie gegen Gefäßverschlüsse

Die Universität Düsseldorf veröffentlichte in Science Advances (Juli 2026) einen neuen Ansatz zur Vermeidung von Thrombosen. Das Molekül S1P aktiviert einen Rezeptor, der die Produktion von Thrombomodulin im Endothel anregt. Im Mausmodell verhinderte dies arterielle Thrombosen ohne erhöhtes Blutungsrisiko. Eine Studie an 74 Patienten bestätigte: Höhere S1P-Spiegel korrelieren mit geringerer Gerinnungsaktivität.

Kommerzialisierung: Longevity-Sektor wächst rasant

Das Unternehmen Timeline setzt auf Urolithin A in Nahrungsergänzungsmitteln und arbeitet mit L'Oréal zusammen. Ziel ist eine jährliche Umsatzverdopplung. Politisch drängen Organisationen wie die Alliance for Longevity Initiatives auf regulatorische Klarheit und standardisierte Endpunkte in der Forschung – um die Zulassung altershemmender Therapien zu beschleunigen.

Ausblick: Fachkongress in Graz

Am 28. und 29. September 2026 plant die Medizinische Universität Graz einen Fachkongress zur evidenzbasierten Longevity-Medizin. Dort sollen unter anderem Genomschäden thematisiert werden – ein Schwerpunkt der Forschung an der Universität Köln. Der Kongress will die Brücke zwischen Grundlagenforschung und gesellschaftlicher Anwendung schlagen.

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