Altersarmut, Rentner

Altersarmut: 771.275 Rentner beziehen Grundsicherung – Höchststand

05.07.2026 - 04:09:18 | boerse-global.de

Die Zahl der Grundsicherungsempfänger im Rentenalter erreicht mit über 771.000 einen neuen Höchststand. Experten sehen eine hohe Dunkelziffer.

Altersarmut in Deutschland: Rekord bei GrundsicherungsbezĂĽgen
Altersarmut - Nahaufnahme der Hände einer älteren Person, die wenige Euro-Münzen auf einem Holztisch zählt, Symbol für Altersarmut. 05.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen: 771.275 Rentner beziehen derzeit Grundsicherung. Das sind rund 30.000 mehr als im Vorjahr. Im Vergleich zu vor vier Jahren ist die Zahl sogar um 180.000 gestiegen.

Seit Einführung der Grundsicherung im Jahr 2003 gab es nie mehr Betroffene. Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Schätzungen zufolge beantragen rund 60 Prozent der Anspruchsberechtigten die Leistungen nicht. Das deutet auf eine erhebliche verdeckte Altersarmut hin.

Niedrige Löhne, hohe Kosten – die Ursachen sind klar

Als Hauptgründe für die Entwicklung gelten niedrige Löhne während der Erwerbsphase und lückenhafte Erwerbsbiografien. Hinzu kommen die Inflation und steigende Wohnkosten. Besonders betroffen sind Frauen und Menschen in Ostdeutschland.

In Sachsen bezogen 21.490 Rentner Sozialhilfe – ein Plus von 1.600 Personen. In Sachsen-Anhalt sind es 11.835 Betroffene, in Thüringen 9.510. Die Zahlen steigen in allen drei Bundesländern.

Regionale Unterschiede bei der Rentenhöhe

Ein Blick auf die tatsächlichen Renten offenbart deutliche Unterschiede. In Mecklenburg-Vorpommern lag die durchschnittliche Rente nach 45 Beitragsjahren bei 1.550 Euro. Thüringen folgt mit 1.530 Euro, Sachsen-Anhalt mit 1.545 Euro. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 1.712 Euro.

Der Paritätische Armutsbericht vom Juni 2026 zeigt: 19,5 Prozent der über 65-Jährigen gelten als armutsgefährdet. Bei Frauen liegt der Wert mit 21,3 Prozent deutlich höher als bei Männern (17,3 Prozent). In Düsseldorf klafft die Rentenlücke zwischen den Geschlechtern besonders weit auseinander: Männer erhalten dort durchschnittlich 1.224 Euro, Frauen nur 970 Euro.

Jeder Zweite glaubt nicht an Durchhalten bis zur Rente

Doch es geht nicht nur ums Geld – sondern auch um die Gesundheit. Der DGB-Index „Gute Arbeit“ liefert alarmierende Zahlen. Grundlage sind Befragungen von 28.000 Erwerbstätigen zwischen 2022 und 2026. Ergebnis: 40 Prozent der Beschäftigten glauben nicht, dass sie ihren Job bis zum Rentenalter ausüben können.

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Besonders hart trifft es handwerkliche und pflegerische Berufe:

  • Sanitär- und Heizungsbau: 72 Prozent zweifeln am Durchhalten
  • Krankenpflege: 71 Prozent sind skeptisch
  • Altenpflege: 67 Prozent sehen eine vorzeitige Belastungsgrenze
  • Hochbau: 66 Prozent rechnen nicht mit einem Verbleib bis zur Rente

Zum Vergleich: Das tatsächliche Renteneintrittsalter lag 2024 bei 64,7 Jahren. Die Gewerkschaften fordern angesichts dieser Daten gesündere Arbeitsbedingungen und würdigere Übergänge in den Ruhestand.

Rentenreform: Höheres Alter, höhere Bezüge?

Die Politik diskutiert verschiedene Modelle zur Stabilisierung des Systems. Eine Rentenkommission schlägt vor, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Konkret: Steigt die Lebenserwartung um ein Jahr, sollen acht Monate mehr gearbeitet werden – die Ruhestandsphase wächst um vier Monate.

Nach diesem Modell könnte das Rentenalter für den Jahrgang 1973 bis 2041 auf 67,5 Jahre steigen. Für spätere Jahrgänge wird eine Grenze von 70 Jahren nach 2091 prognostiziert. Gleichzeitig gibt es Bestrebungen, die „Rente mit 63“ abzuschaffen. Die Erwerbsminderungsrente könnte dagegen unter bestimmten Bedingungen zwei Jahre vor dem regulären Eintritt abschlagsfrei gestellt werden.

Kurzfristige Entlastung – aber reicht das?

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Zum 1. Juli 2026 gibt es eine Rentenerhöhung um 4,24 Prozent. Der Rentenwert stieg von 40,79 auf 42,52 Euro. Für einen Eckrentner mit 45 Beitragsjahren bedeutet das ein Plus von rund 78 Euro brutto monatlich.

Doch Sozialverbände wie der SoVD warnen: Steigende Abgaben und Lebenshaltungskosten könnten die Erhöhung teilweise neutralisieren. Für 2027 und 2028 werden Rentensteigerungen von 4,75 beziehungsweise 2,39 Prozent erwartet. Ob das reicht, um die wachsende Altersarmut zu stoppen, bleibt fraglich.

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