Alzheimer: Review mit acht Studien findet keinen gesicherten Nutzen von 40-Hertz-Reizen
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 02:11 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein systematischer Review mit explorativer Meta-Analyse bewertet die wissenschaftliche Evidenz für das sogenannte Gamma-Entrainment mittels sensorischer Stimulation bei Alzheimer.
Die in der Fachzeitschrift GeroScience veröffentlichte Untersuchung unter der Leitung von Myeonghae Hyun, Yeseung Park, Seo Yoon Park und Ki Woong Kim von der Seoul National University widmet sich der nicht-invasiven 40-Hertz-Licht- und Klangstimulation.
Die Forschenden analysierten die bisherige Datenlage, um festzustellen, ob sensorische Reize in diesem spezifischen Frequenzbereich neurodegenerative Prozesse bei Betroffenen verlangsamen können.
Gemischte Evidenz bei Hirnvolumen und Kognition
Aus einem Pool von 1.310 Treffern schlossen die Wissenschaftler der Seoul National University acht Studien in ihre Analyse ein. Die Untersuchungen umfassten Teilnehmer ab 60 Jahren mit Stichprobengrößen zwischen 10 und 38 Probanden. Die Interventionen reichten von Einzelsitzungen bis hin zu einer sechsmonatigen täglichen Anwendung im visuellen, auditiven oder audiovisuellen Bereich bei rund 40 Hertz.
Hinsichtlich struktureller Hirnveränderungen ergab die Auswertung des Ventrikelvolumens zunächst einen DerSimonian-Laird-Wert von SMD -1,330 bei p=0,004. Nach Anwendung der Hartung-Knapp-Sidik-Jonkman-Korrektur lag das Konfidenzintervall jedoch zwischen -7,2 und 4,6 und war damit nicht mehr signifikant. Für den Hippocampus ergab sich ein gepoolter Wert von g=0,687, der zu keinem Zeitpunkt statistische Signifikanz erreichte.
Zwar berichteten zwei randomisierte Pilotstudien von Chan sowie Agger über eine geringere Ventrikelvergrößerung und reduzierte Hippocampus-Atrophie, und eine Studie von Da (sechs Monate tägliche Anwendung) stellte günstige Befunde bei der weißen Substanz fest, doch wies letztere ein hohes Verzerrungsrisiko auf.
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Die kognitiven Endpunkte blieben über die Studien hinweg inkonsistent. Bei gängigen Tests wie MMSE und MoCA zeigten sich keine signifikanten Gruppenunterschiede. Auch Biomarker in der Rückenmarksflüssigkeit wie Amyloid-beta 42, totales Tau und phosphoryliertes Tau wiesen keine wesentlichen Veränderungen auf, während der Entzündungsmarker TWEAK nach acht Wochen gesunken war.
Bei fünf EEG-Studien zeigte sich das Entrainment bei niedrigeren Frequenzen sowie höherer Luminanz ausgeprägter, wobei drei dieser Untersuchungen von den Autoren des Reviews selbst stammten. Als häufigste Nebenwirkung der Stimulation wurden Kopfschmerzen dokumentiert. Die Autoren fordern größere, scheinkontrollierte Studien.
Erkenntnisse aus Großstudien und Tiermodellen
Parallel dazu untersucht Annabelle Singer am Georgia Institute of Technology und an der Emory University die 40-Hertz-Stimulation. Frühe Arbeiten deuten auf eine mögliche Verlangsamung des kognitiven Abbaus und des Gewebeverlusts in gedächtnisrelevanten Regionen hin.
Zudem läuft eine Phase-3-Doppelblindstudie des Unternehmens Cognito Therapeutics mit fast 700 Patienten an 70 US-Standorten, deren Abschluss für einen späteren Zeitpunkt im Jahr 2026 erwartet wird und bei der Singer als wissenschaftliche Beraterin fungiert.
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Eine frühere Untersuchung mit zehn Patienten, an der James Lah von der Emory University beteiligt war, wies bereits Veränderungen in Rückenmarksflüssigkeit und Hirnwellenmustern nach.
Ergänzende präklinische Daten lieferten Forscher des Kunming Institute of Zoology in China an Rhesusaffen. Dort reduzierten 40-Hertz-Schallwellen, deren Klang an das Geräusch eines Kühlschrankmotors erinnerte, das Beta-Amyloid im Gehirn.
Als Mechanismus wird eine Resonanz mit Gamma-Wellen und die Aktivierung des glymphatischen Systems vermutet. Die Autoren betonten jedoch, dass die Ergebnisse nicht direkt auf den Menschen übertragbar seien und ein eigenmächtiges Hören von 40-Hertz-Tönen Risiken bergen könne, da die Frequenz hochpräzise kalibriert gewesen sei.
Stellenwert im therapeutischen Spektrum
Der weltweite Bedarf an wirksamen Therapien ist hoch: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation leben global 57 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen; über 7 Millionen US-Amerikaner ab 65 Jahren sind von Alzheimer betroffen, mit einer Projektion auf 13,8 Millionen bis zum Jahr 2060. Bislang zugelassene Antikörper wie Lecanemab und Donanemab bieten lediglich bescheidenen Nutzen, kosten rund 30.000 US-Dollar pro Jahr und bergen Risiken wie Hirnschwellungen.
Vor diesem Hintergrund gewinnen nicht-invasive Neuromodulationsverfahren an Aufmerksamkeit. Ein Review im Journal of Translational Medicine, verfasst unter anderem von Hou-Ming Kan von der Macau University of Science and Technology und Hong-Yan Ni vom Suqian First Hospital, evaluierte neun nicht-invasive Verfahren gegen postoperative kognitive Störungen, darunter 40-Hertz-Gamma-Entrainment.
Während Nagerstudien zeigten, dass Verfahren wie Gleichstromstimulation (tDCS) und Nahinfrarotlicht Entzündungsmarker wie IL-1beta und IL-6 senken sowie die Langzeitpotenzierung erhalten, fehlen im klinischen Bereich bislang groß angelegte, methodisch einheitliche Studien, um den therapeutischen Nutzen abschließend zu belegen.
