Alzheimer-Risiko: Frauen stellen in den USA zwei Drittel der Erkrankten
Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 07:43 Uhr | Redaktion boerse-global.deNeurowissenschaftliche Analysen untersuchen verstĂ€rkt die Unterschiede zwischen dem weiblichen und mĂ€nnlichen Gehirn sowie jene genetischen Faktoren, die das Risiko fĂŒr neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer prĂ€gen können. Die Forschung zeigt dabei ein differenziertes Bild, das biologische Mechanismen beleuchtet und gĂ€ngige Stereotype hinterfragt.
Anatomische Befunde und hormonelle EinflĂŒsse
Wie die Neurowissenschaftlerin Dr. Barbara Studer darlegte, lassen messbare anatomische Unterschiede wie das durchschnittliche Gehirngewicht oder Vernetzungsmuster keine RĂŒckschlĂŒsse auf Denkvermögen oder Verhalten zu. Die Varianz innerhalb eines Geschlechts sei groĂ und Merkmale ĂŒberschnitten sich stark.
Die Vorstellung, Frauen seien rein hirnstrukturell emotionaler veranlagt, bezeichne sie als Mythos. Gleichwohl können hormonelle Umstellungen das Gehirn fordern: Ein ĂstrogenrĂŒckgang in der Menopause kann Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme und Hitzewallungen auslösen, wĂ€hrend sich das Organ ĂŒber neue Vernetzungen reorganisieren kann.
Dass hormonelle Schwankungen neuronale AblÀufe modulieren, belegt auch eine Untersuchung unter Leitung von Macià Buades-Rotger an der UniversitÀt Barcelona. Bei 116 Frauen korrelierte ein höheres Speichel-Progesteron mit einer geringeren Klassifikationsgenauigkeit von HirnaktivitÀtsmustern bei emotionaler Kontrolle.
Der indirekte Weg ĂŒber unschĂ€rfere frontale Muster erklĂ€rte 7,1 % der Stimmungsvarianz. Eine niederlĂ€ndische Langzeitstudie mit 1.095 Frauen am Amsterdam UMC sowie den UniversitĂ€ten Leiden und Rotterdam ergab zudem, dass PubertĂ€t und Schwangerschaft das Hirnvolumen in Regionen fĂŒr komplexe Funktionen reduzierten, wĂ€hrend die Menopause ĂŒberraschenderweise keine Volumenabnahme mit sich brachte.
Differenzen bei Krankheitsbildern und Schmerzverarbeitung
Klinische Beobachtungen verdeutlichen seit Langem Geschlechterunterschiede. Depressionen und Essstörungen treten laut dem NDR-Podcast Synapsen hÀufiger bei Frauen auf, wÀhrend Autismus und Alkoholismus öfter MÀnner betreffen.
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Dr. Rhonda Voskuhl von der David Geffen School of Medicine an der UCLA erforscht, wie das biologische Geschlecht die AnfĂ€lligkeit fĂŒr Krankheiten wie Multiple Sklerose prĂ€gt, da derselbe Krankheitsverlauf bei MĂ€nnern und Frauen unterschiedlich ausfallen kann.
Auch bei der Schmerzwahrnehmung bestehen deutliche Divergenzen. Eine Auswertung globaler Daten von ĂŒber 6 Millionen Personen aus 118 LĂ€ndern in Nature Medicine zeigte, dass Frauen in elf Körperbereichen höhere Schmerzwerte angeben, darunter eine 83 % höhere Wahrscheinlichkeit fĂŒr Gesichtsschmerzen und 74 % hĂ€ufiger Kopfschmerzen.
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Nach Angaben von Dr. Sucheta Garg von der University of Cincinnati spielen hier unterschiedliche Immunwege eine Rolle: Bei MĂ€nnern sind vor allem Mikrogliazellen beteiligt, bei Frauen T-Zellen.
Trotz dieser Unterschiede wurden biologische Variablen lange vernachlĂ€ssigt. Dr. Kinga Szyd?owska vom Nencki-Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften wies darauf hin, dass in ĂŒber 80 % historischer Studien Daten ohne Geschlechtertrennung analysiert wurden. In den USA stellen Frauen zwei Drittel der Alzheimer-Erkrankten dar.
Molekulare Schutzmechanismen und genetische Risiken
Auf molekularer Ebene identifizierten Forscher um Dr. Hideto Takahashi am IRCM der UniversitĂ€t Montreal mit Vstm2b und Nrxn2? ein SchlĂŒssel-Schloss-Paar, das Synapsen im ventralen Hippocampus geschlechtsspezifisch stabilisiert.
Daten des Meharry Medical College zeigten zudem, dass der Verlust des Gens TUSC2 bei MĂ€usen zu mitochondrialen Störungen im Hippocampus fĂŒhrt, was mĂ€nnliche Tiere stĂ€rker traf, wĂ€hrend weibliche Tiere adaptive Stressantworten aufwiesen.
Hinsichtlich des Demenzrisikos identifizierten Forscher in Hongkong eine Assoziation zwischen CCG-Wiederholungen im Gen FAM193B und Alzheimer. Eine Studie unter Leitung von Caghan Kizil an der Columbia-UniversitĂ€t zeigte wiederum, dass das Risikogen APOE ?4 die Produktion von Fibronectin an HirngefĂ€Ăen steigert und die Blut-Hirn-Schranke beeintrĂ€chtigt, wĂ€hrend eine seltene FN1-Mutation TrĂ€ger vor diesen Ablagerungen schĂŒtzen kann.
Zusammengenommen verdeutlichen diese Befunde, wie eng genetische Anlagen und biologisches Geschlecht bei Prozessen der Neurodegeneration zusammenwirken.
