Anti-Aging, Social

Anti-Aging auf Social Media: 31 Prozent der BeitrÀge ohne Belege

Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 10:02 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Analyse findet bei 31 Prozent der geprĂŒften Social-Media-BeitrĂ€ge zu Langlebigkeit keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage.
Ein minimalistisch gestalteter, leerer Laborraum mit einem einzelnen Glasbecher auf einem weißen Labortisch bei Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

In sozialen Netzwerken verzeichnet das Thema Langlebigkeit eine wachsende Aufmerksamkeit. Wie Steven Austad von der University of Alabama at Birmingham unter Verweis auf Zahlen des XRC Brand Capital Fund hervorhob, lagen die entsprechenden Suchanfragen im Internet Ende 2025 viermal höher als im Vorjahr. Gleichzeitig wÀchst die fachliche Kritik an den dort verbreiteten RatschlÀgen.

Ein gemeinsamer Bericht der spanischen Fachgesellschaft SEMAL und des Instituto #SaludsinBulos bemĂ€ngelt, dass zahlreiche populĂ€re Anti-Aging-Empfehlungen wissenschaftlich unbegrĂŒndet seien. Zudem warnten die Organisationen vor den psychischen Belastungen, die durch eine einseitige Fixierung auf extreme LebensverlĂ€ngerung entstĂŒnden.

Hohe Quote unbelegter Heilsversprechen auf Online-Plattformen

Die Untersuchung von SEMAL und dem Instituto #SaludsinBulos zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Evidenz und medialer Darstellung. Bei 31 Prozent der untersuchten BeitrĂ€ge auf YouTube, Instagram und TikTok – konkret in 22 von 70 analysierten FĂ€llen – fehlte eine ausreichende wissenschaftliche Grundlage.

Von diesen problematischen Inhalten versprachen 45 Prozent das Stoppen oder gar Umkehren des Alterungsprozesses. In 23 Prozent der FÀlle wurden NahrungsergÀnzungsmittel wie NAD+, Resveratrol, NMN, Peptide oder Berberin beworben. Zudem wiesen 27 Prozent der beanstandeten BeitrÀge sensationelle Titel auf, wÀhrend 5 Prozent biologische Alterstests anpriesen.

AuffÀllig ist dabei die Inszenierung der Akteure: Bei 68 Prozent der problematischen Inhalte gaben sich die Protagonisten als Mediziner oder Wissenschaftler aus. Nahezu ein Drittel, nÀmlich 32 Prozent, verlinkte direkt auf kommerzielle Produkte.

Die fehlerhaften oder irrefĂŒhrenden Inhalte verteilten sich zu 55 Prozent auf YouTube, zu 32 Prozent auf Instagram und zu 9 Prozent auf TikTok. Eine im Bericht zitierte Metaanalyse im Journal of Health Psychology beziffert die PrĂ€valenz von Gesundheitsdesinformation bei Ă€lteren Menschen auf 47 Prozent bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 33 bis 60 Prozent.

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Myrtani Pieri von der University of Nicosia warnte in diesem Zusammenhang davor, dass vorlĂ€ufige Studienresultate hĂ€ufig vorschnell in Produkte umgemĂŒnzt wĂŒrden. Oftmals reiche eine einzige Untersuchung aus, damit ein MolekĂŒl von diversen Anbietern vermarktet werde.

Als Beispiel nannte sie die Plasmapherese, die gesunden Personen ohne entsprechende Nachweise als verjĂŒngende Detox-Maßnahme angeboten werde, was mit Nebenwirkungen einhergehe und das Vertrauen in eine essenzielle medizinische Therapie gefĂ€hrde.

Kommerzialisierung und der Druck zur Selbstoptimierung

Die Kritik richtet sich auch gegen die psychologischen Begleiterscheinungen des Trends. Carmen Lanchares, frĂŒhere Beauty-Direktorin der Zeitschrift Vogue, bezeichnete die Tendenz zum extremen Gesundheitskult als beinahe diktatorisch. Der permanente Zwang zur Selbstoptimierung könne Stress sowie eine erhöhte CortisolausschĂŒttung auslösen, was den Alterungsprozess wiederum beschleunige.

Lanchares bezifferte die Kosten aktueller Longevity-Programme auf mindestens 10.000 Euro, obgleich deren Wirksamkeit unklar bleibe und ein Erreichen von 150 Lebensjahren biologisch nicht möglich sei. Gleichzeitig verwies sie auf Untersuchungen, nach denen ab einem Alter von 50 oder 60 Jahren eine ansteigende Kurve des persönlichen Wohlbefindens möglich ist.

AdĂ©la Ć ponerovĂĄ von Radio Wave ordnete Begriffe wie Longevity und Biohacking im Rahmen der Serie „Zt?lesn?ní“ als moderne Bezeichnungen fĂŒr klassische PrĂ€vention ein und warnte davor, dass scheinbar gesunde Lebensweisen in obsessive Verhaltensmuster umschlagen könnten.

Fehlende Belege bei populÀren PrÀparaten

Auch klinische Daten dĂ€mpfen die Hoffnungen auf einfache Lösungen aus der Dose. Zwar können bestimmte PrĂ€parate wie Nicotinamid-Mononukleotid (NMN) den NAD+-Spiegel im Blut anheben, doch fehlen laut Berichten wissenschaftliche Belege fĂŒr eine Reduktion von Krankheiten oder eine VerlĂ€ngerung der Lebensspanne.

Aladdin Shadyab von der University of California San Diego betonte, dass kein Medikament oder Supplement das Leben verlĂ€ngere und Tierstudien nicht unbesehen auf den Menschen ĂŒbertragbar seien.

Große klinische Studien verdeutlichen die Grenzen isolierter Substanzen: In der SELECT-Studie mit mehr als 35.000 MĂ€nnern konnte Selen das Auftreten von Prostatakrebs nicht verhindern, wĂ€hrend Vitamin E im weiteren Verlauf sogar mit einem erhöhten Risiko einherging.

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Die VITAL-Studie an rund 25.000 Personen zeigte zudem, dass Vitamin D und Omega-3-FettsÀuren ohne vorliegenden Mangel weder Krebserkrankungen noch kardiovaskulÀre Ereignisse reduzierten.

Als wissenschaftlich gesicult gelten stattdessen bekannte Basismaßnahmen: regelmĂ€ĂŸige Bewegung, Krafttraining, ausgewogene ErnĂ€hrung, der Verzicht auf das Rauchen, geringer Alkoholkonsum, ausreichender Schlaf, soziale Kontakte sowie die Kontrolle von Blutdruck und Blutzucker.

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