Antipsychotika und Diabetes: HbA1c steigt anfangs 14-mal schneller
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 00:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie medikamentöse Behandlung von Alltagsbeschwerden oder chronischen Begleiterkrankungen kann für Menschen mit Diabetes unvorhergesehene Risiken mit sich bringen.
Fachleute weisen darauf hin, dass die Einnahme bestimmter Präparate, darunter kortisonhaltige Medikamente oder gängige Erkältungsmittel, die Glukosewerte bereits kurzfristig signant verändern kann. Für Betroffene erfordert dies eine engmaschige Kontrolle und ein genaues Verständnis der pharmakologischen Wechselwirkungen.
Kortikoide und Erkältungspräparate treiben Werte rasch nach oben
Besonders ausgeprägt zeigt sich dieser Effekt bei Glukokortikoiden wie Prednison oder Methylprednisolon. Selbst eine kurzzeitige Therapie über wenige Tage hinweg kann den Blutzuckerspiegel spürbar ansteigen lassen. Glukokortikoide erhöhen die Insulinresistenz des Gewebes und kurbeln zugleich die Glukoseproduktion in der Leber an.
Eine Untersuchung im Fachjournal Clinical Endocrinology an 20 Teilnehmenden, die drei Tage lang morgens 20 mg Prednison erhielten, veranschaulicht das Muster: Bei Personen mit Typ-2-Diabetes stiegen die Werte vor allem nach den Mahlzeiten von der Mittagszeit bis in den Abend hinein an, während der morgendliche Nüchternwert unauffällig bleiben kann. Der Anstieg setzt häufig bereits wenige Stunden nach der Tabletteneinnahme ein.
Auch frei verkäufliche Erkältungsprodukte bergen Fallstricke. Während Antihistaminika wie Claritin, Zyrtec oder Allegra einen neutralen bis minimalen Einfluss auf den Glukosespiegel aufweisen, führen orale Dekongestiva wie Pseudoephedrin zu moderaten Steigerungen. Kombinationsmittel wie Alka-Seltzer Plus stufen Experten für Diabetiker meist als ungünstig ein.
Zum einen enthält das Präparat Acetylsalicylsäure, die insbesondere in Verbindung mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen Unterzuckerungen begünstigen kann, zum anderen treibt der abschwellende Wirkstoff Phenylephrin die Glukosewerte nach oben. Zudem enthalten die Brausetabletten pro Dosis etwa 445 bis 567 mg Natrium, was das empfohlene Tageslimit von unter 1.500 bis 2.300 mg stark belastet.
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Als zuckerfreie Alternativen gelten unter anderem Coricidin HBP, zuckerfreies Robitussin oder Salin-Nasensprays. Abschwellende Nasensprays mit Wirkstoffen wie Oxymetazolin, Tramazolin oder Xylometazolin wirken fünf bis acht Stunden und sollten bei zwei bis drei Anwendungen pro Tag nicht länger als maximal sieben bis zehn Tage eingesetzt werden.
Infektionen, Allergien und Verhaltensregeln im Krankheitsfall
Nicht nur die Medikamente, auch Erkrankungen selbst verändern den Stoffwechsel. Allergische Reaktionen setzen durch Entzündungsprozesse vermehrt die Stresshormone Cortisol und Epinephrin frei. Während Cortisol die Wirkung von Insulin hemmt, regt Epinephrin den Glykogenabbau an, was zu einem raschen Anstieg führt. Bei fieberhaften Infekten wie Grippe oder Erkältung steigt die Glykämie selbst bei geringer Nahrungsaufnahme.
Fachgremien empfehlen bei Krankheit eine Blutzuckermessung im Abstand von zwei bis vier Stunden; klettert der Wert über 240 mg/dL, sollte auf Ketone getestet werden. Bei hohen Werten raten Experten dazu, das Basal- und Mahlzeiteninsulin um 10 bis 20 Prozent zu erhöhen.
Treten Erbrechen oder Durchfall auf, sollten Metformin, SGLT2-Hemmer sowie Semaglutid-Tabletten pausiert werden, während DPP-4-Hemmer und Pioglitazon weiter eingenommen werden können. Sulfonylharnstoffe sind ebenfalls fortzuführen, sofern der Wert nicht unter 4 mmol/l sinkt. Eigenmächtige Dosisänderungen ohne ärztliche Rücksprache sollten vermieden werden.
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Risiken von Hypoglykämien und langfristige Stoffwechseleffekte
Neben unerwünschten Steigerungen stellt die Unterzuckerung eine ernste Gefahr dar. Diabetes-Medikamente wie Metformin oder Acarbose in Kombination mit Alkohol können den Blutzucker zusätzlich absenken. Zwar lösen Alpha-Glucosidase-Hemmer oder Biguanide alleine meist keine Hypoglykämie aus, im Verbund mit weiteren Substanzen steigt das Risiko jedoch.
Typische Warnzeichen sind kalter Schweiß, Heißhunger, Zittern, Schwäche oder Sehstörungen, die eine sofortige Einnahme von Glukose erfordern. Bei älteren Betroffenen mit Typ-2-Diabetes raten Mediziner oft zu weniger strengen Zielwerten, um schwere Stürze oder Herzrhythmusstörungen durch Hypoglykämien zu verhindern.
Dass auch andere Arzneimittelklassen tiefgreifend in den Glukosestoffwechsel eingreifen, belegt eine in The Lancet Psychiatry veröffentlichte Untersuchung unter Beteiligung des University College London und des Karolinska Institutet.
Die Analyse von fast 97.000 Erwachsenen im Alter von 18 bis 59 Jahren mit schweren psychischen Erkrankungen zeigte, dass nach dem Beginn einer Behandlung mit Antipsychotika der HbA1c-Wert in den ersten 90 Tagen etwa 14-mal schneller anstieg als im Zeitraum vor der Therapie.
Die Gewichtszunahme beschleunigte sich um das Neunfache, wobei Olanzapin die stärksten Zuwächse verzeichnete. Bei Personen mit bestehendem Prädiabetes entwickelten 19 Prozent innerhalb von zwei Jahren einen manifesten Typ-2-Diabetes. Dennoch warnen Fachleute davor, verordnete Psychopharmaka eigenmächtig abzusetzen.
