Aphasie, Schlaganfall

Aphasie nach Schlaganfall: Hirnimplantat liefert vier Jahre verlässliche Signale

Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 04:11 Uhr | Redaktion boerse-global.de

VR, Hirn-Computer-Systeme und personalisierte Software erweitern die Forschung; die klinische Wirksamkeit digitaler Behandlungen wird weiter geprüft.

Digitale Therapien und Neurotechnik: Studien, Schnittstellen und neue Ansätze
Ein minimalistisches, helles medizinisches Forschungslabor mit moderner Ausstattung und ruhiger Atmosphäre. Illustration mit AI erstellt.

In der Behandlung von psychischen Störungen und neurologischen Erkrankungen gewinnen technologiegestützte Verfahren an Bedeutung. Während medikamentöse Therapien oft mit Nebenwirkungen einhergehen oder bei manchen Betroffenen keine ausreichende Wirkung zeigen, untersuchen Forschungsinstitute und Medizintechnikunternehmen zunehmend digitale Therapieansätze und Gehirn-Computer-Schnittstellen als ergänzende oder alternative Optionen. Das Spektrum reicht von immersiven Simulationen über Biomarker-gestützte Diagnostik bis hin zu implantierbaren Neurostimulatoren.

Virtuelle Realität bei Phobien und Entwicklungsstörungen

Ein zentrales Anwendungsfeld für digitale Interventionen ist die virtuelle Realität (VR). Am Universitätsklinikum Freiburg laufen zwei klinische Studien, in denen der therapeutische Einsatz von VR bei Menschen mit Höhenangst sowie mit sozialer Phobie untersucht wird.

Unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Katharina Domschke, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, wird erforscht, wie kontrollierte virtuelle Konfrontationen Betroffenen helfen können, Ängste schrittweise abzubauen. Interessierte können sich über Fragebögen als Probanden anmelden.

Neben Angststörungen wird VR auch bei neurologischen Entwicklungsstörungen erprobt. Das Regensburger Start-up Brainjo hat eine digitale Therapie entwickelt, die Kindern mit ADHS dabei helfen soll, alltägliche Herausforderungen spielerisch mithilfe einer VR-Brille zu bewältigen.

Die Initiative erfährt politische Aufmerksamkeit: Der Gesundheitspolitische Arbeitskreis der CSU sprach sich für eine gezielte Förderung solcher digitalen Innovationsansätze aus.

Gehirn-Computer-Schnittstellen und Neurostimulation

Bei schwerwiegenden neurologischen und psychischen Beeinträchtigungen rücken Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer (Brain-Computer Interfaces, BCI) in den Fokus der klinischen Forschung.

Am Münchner Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM) wurde 2022 weltweit erstmals einer damals 55-jährigen Patientin mit chronischer Aphasie nach einem Schlaganfall aus dem Jahr 2016 eine Hirn-Computer-Schnittstelle mit 256 Mikroelektroden implantiert.

Ein KI-System wertet die Gehirnsignale aus, während die Patientin dreimal wöchentlich trainiert. Langzeitdaten belegen mittlerweile eine verlässliche Signalqualität über vier Jahre hinweg.

In Deutschland ereignen sich jährlich rund 300.000 Schlaganfälle. Bei rund 40 Prozent der Betroffenen tritt im Anschluss eine Sprachstörung auf, die bei jedem Fünften dauerhaft bestehen bleibt.

Anzeige

Wer sich mit der langfristigen Gesundheit des Gehirns und der Vorbeugung neurologischer Einschränkungen befasst, findet in diesem Ratgeber wertvolle Ansätze. Der kostenlose Guide liefert praktische Alltagsübungen und Ernährungstipps, um die geistige Fitness nachhaltig zu fördern. 11 Alltagsübungen zur Demenzvorbeugung entdecken

Laut Prof. Bernhard Meyer ist die TUM die einzige Einrichtung in Europa, die zwei Menschen dauerhaft eine solche Schnittstelle implantiert hat; ein zweiter Eingriff erfolgte 2025 bei einem Patienten mit hoher Querschnittslähmung. Für die Fortführung der Aphasie-Studie werden weitere erwachsene Probanden aus dem Raum München gesucht, deren Schlaganfall mindestens ein Jahr zurückliegt.

Parallel dazu treiben Start-ups die Miniaturisierung und Kommerzialisierung von Neurotechnologien voran. Das Londoner Spin-off MintNeuro sicherte sich in einer von Odyssey Ventures angeführten Finanzierungsrunde fünf Millionen US-Dollar für die Markteinführung seiner Halbleitertechnologie.

Das Unternehmen schloss unter anderem einen mehrjährigen Liefervertrag mit Motif Neurotech ab, um Chips für minimalinvasive Neurostimulatoren zur Behandlung therapieresistenter Depressionen bereitzustellen.

Am 6. Oktober 2026 gaben zudem Bridge Neurotech und Butterfly Network eine Vereinbarung bekannt, um an nicht-invasiven Schnittstellen zu arbeiten. Geplant ist der Einsatz eines Ultraschallchips mit über 9.000 CMUT-Elementen. Das Vorhaben muss jedoch noch technische Hürden wie die Signalübertragung durch den Schädelknochen und die personenübergreifende Echtzeit-Decodierung bewältigen.

Personalisierte Software und digitale Selbsthilfe

Digitale Methoden setzen zudem direkt bei der individuellen Behandlungsplanung an. Das Schweizer Unternehmen DeepPsy erhielt vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) 1,99 Millionen Franken für eine vierjährige randomisierte Studie an 500 Erkrankten.

Ein unabhängiges akademisches Konsortium prüft dabei, ob Behandlungsentscheidungen auf Grundlage von Biomarkern aus EEG- und EKG-Daten die Therapieergebnisse bei schweren depressiven Störungen gegenüber Standardverfahren verbessern können.

Anzeige

Neben technologischen Innovationen ist die gezielte Stärkung der kognitiven Reserven ein wesentlicher Baustein für die mentale Gesundheit. Dieser kostenlose Fachreport zeigt auf, wie Sie Ihr Gedächtnis und Ihre Konzentration durch bewährte Methoden aktiv unterstützen können. Kostenlosen Ratgeber für mentale Fitness herunterladen

Auch softwarebasierte Selbsthilfeangebote werden wissenschaftlich evaluiert. An der Unimedizin Mainz untersuchten Forschende das emotionsbasierte Online-Selbsthilfeprogramm „epos“ an 308 Krebspatientinnen und -patienten.

Bei aktiven Nutzerinnen und Nutzern zeigte sich eine stärkere Verringerung depressiver und ängstlicher Beschwerden im Vergleich zur Kontrollgruppe, auch wenn der Effekt in der Gesamtstichprobe keine statistische Signifikanz erreichte.

Die Ergebnisse unterstreichen, dass digitale Therapien das Behandlungsspektrum zwar erweitern, die methodische Validierung im klinischen Alltag jedoch entscheidend bleibt.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70318950 |