Apotheken ab Juli: Assistierte Telemedizin für 30 Euro pro Fall
24.06.2026 - 08:03:01 | boerse-global.de
Apotheken werden zu digitalen Gesundheitsstützpunkten
Ab dem 1. Juli 2026 ist es offiziell: Apotheken in ganz Deutschland dürfen assistierte Telemedizin (aTM) anbieten. Die neue Regelung basiert auf dem Digitalgesetz von 2024 und erlaubt Apothekern drei konkrete Einsatzbereiche: die strukturierte Ersteinschätzung von Patienten, die Durchführung von Videosprechstunden mit Ärzten oder eine Kombination aus beidem. Besonders in ländlichen und unterversorgten Regionen soll das Angebot die medizinische Lücke schließen.
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Das Bundesgesundheitsministerium hat eine gestaffelte Vergütung festgelegt. Für den Zeitraum 2026/27 erhalten Apotheken eine Pauschale von 30 Euro pro Leistung. Danach sinkt der Satz schrittweise: auf 25,50 Euro (2027/28), 23 Euro (2028/29) und ab 2029 auf 21,50 Euro. Die Abrechnung erfolgt zunächst noch in Papierform, später soll ein vollständig elektronisches System folgen.
Apothekenreform bringt weitere Befugnisse
Der Bundesrat hat zudem eine umfassende Apothekenreform verabschiedet. Künftig dürfen Apotheken alle Arten von Totimpfstoffen verabreichen und Blut abnehmen. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die Gesundheitsversorgung gerade in strukturschwachen Gegenden zu stärken. Die Apotheke entwickelt sich damit immer mehr zur ersten Anlaufstelle für medizinische Basisversorgung.
Krankenkasse integriert 116117-Terminservice
Parallel dazu treibt die Digitalisierung auch bei den Krankenkassen Fortschritte. Die SBK (Siemens-Betriebskrankenkasse) hat als erste gesetzliche Krankenversicherung den bundesweiten 116117-Terminservice nativ in ihre App integriert. Nach zehnmonatiger Entwicklungszeit können Versicherte in der „Meine SBK"-App direkt nach Ärzten und Psychotherapeuten suchen und Termine buchen.
Das System überträgt dabei nur die Stammdaten – die konkreten Buchungsdetails verbleiben bei den Ärzten oder der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die SBK sieht das Projekt als Blaupause für eine zentralisierte Terminbuchung im gesamten Primärversorgungssystem.
Sachsen: Große Ambitionen, kleine Wirkung
Trotz der nationalen Digitalisierungsoffensive bleibt die Umsetzung regional höchst unterschiedlich. In Sachsen sollen telemedizinische Hausbesuche die Hausärzte entlasten – doch die Praxis sieht anders aus. In Dresden nutzen einige Praxen Videosprechstunden für Patienten in Seniorenheimen, unterstützt durch spezialisierte Medizinische Fachangestellte wie VERAH (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis) oder NäPa (Nichtärztliche Praxisassistentin).
Die Zahlen zeigen die Diskrepanz: Landesweit gibt es 551 VERAH-Assistentinnen und 486 Praxen mit NäPa-Qualifikation. Doch die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KV Sachsen) verzeichnete im vergangenen Jahr nur einen einzigen abgerechneten Fall telemedizinischer Assistenz. Der Deutsche Hausärzteverband bezeichnet das Konzept zwar als vielversprechend, verweist aber auf erhebliche Hürden: hohe Kosten für Ausrüstung, komplexe Softwareanforderungen und aufwendige Zertifizierungsprozesse.
Physiotherapie: App überbrückt Wartezeiten
Auch in der Fachversorgung entstehen neue digitale Modelle. Die R+V BKK hat gemeinsam mit FPZ und Physiofit ein Pilotprojekt gestartet, das die oft dreiwöchige bis sechswöchige Wartezeit auf einen Physiotherapie-Termin überbrücken soll. Patienten erhalten per App zugewiesene Übungen, die sie bis zum persönlichen Termin absolvieren können. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse.
Rettungsdienst testet schnelle Einsatzkonzepte
In Norddeutschland läuft ein vielversprechender Versuch im Rettungsdienst. Seit Juli 2025 ist in Rendsburg ein spezielles „Akut-Einsatzfahrzeug" im Einsatz – besetzt mit Notfallsanitätern, aber ohne Transportkapazität. Rund 600 Einsätze hat das Fahrzeug inzwischen absolviert. Aufgrund der positiven Ergebnisse wird das Konzept auf vier weitere Standorte ausgeweitet, darunter Heide und Pinneberg.
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Bevölkerung skeptisch – Versorgungslücken spürbar
Die Digitalisierungsoffensive kommt zu einer Zeit wachsender öffentlicher Skepsis. Eine aktuelle Umfrage von Civey im Auftrag von Pharma Deutschland zeigt: 72,7 Prozent der Befragten haben wenig Vertrauen in die politischen Maßnahmen zur Sicherung der Arzneimittelversorgung.
Die Studie mit 5.000 Teilnehmern offenbart zudem konkrete Versorgungsengpässe: 47,1 Prozent der Patienten konnten in den letzten sechs Monaten mindestens einmal ihr gewünschtes Medikament nicht erhalten. Und 42,6 Prozent der Befragten sehen den aktuellen Zustand der Primärversorgung als erhebliches Problem. Der Druck auf die Politik, wirksame Lösungen gegen den Ärztemangel zu finden, wächst damit weiter.
