Apotheken-Notstand in München: 21 Standorte in zwei Jahren weg
Veröffentlicht am: 10.08.2026 um 04:21 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Münchens Apothekennetz schrumpft dramatisch. Zwischen 2022 und 2024 sank die Zahl der Standorte von 329 auf 308 – bei gleichzeitig wachsender Bevölkerung. Besonders betroffen sind die Außenbezirke.
Versorgungslücken in 17 von 25 Stadtbezirken
Die Schließungen verteilen sich über den Großteil des Stadtgebiets. In 17 der 25 Münchner Stadtbezirke wurden Standortaufgaben registriert. Neuhausen-Nymphenburg verlor eine von 23 Apotheken, Allach-Untermenzing schrumpfte von sechs auf fünf Betriebe.
Der historische Vergleich zeigt die Dramatik: Ende der 1980er-Jahre versorgten rund 430 Apotheken etwa 1,3 Millionen Münchner. Heute leben rund 1,6 Millionen Menschen in der Stadt – doch die Zahl der Apotheken ist um mehr als ein Viertel gesunken. Steigende Betriebskosten und wachsende regulatorische Anforderungen setzen die verbliebenen Standorte zunehmend unter Druck.
Streit ums Geld: Zuschläge und Umwidmungen
Die Politik sucht nach Lösungen. Nordrhein-Westfalen brachte Anfang 2026 einen Vorschlag in den Bundesrat ein: einen speziellen Versorgungszuschlag für Apotheken in dünn besiedelten Gebieten. Die zusätzliche Vergütung soll über das Fünfte Buch Sozialgesetzbuch (SGB V) verhandelt werden.
Die Union drängt auf schnellere Hilfe. Ihr Vorschlag: ungenutzte Mittel für pharmazeutische Dienstleistungen in Höhe von rund 570 Millionen Euro umwidmen. Damit ließe sich der Festzuschlag pro Packung auf 9,50 Euro anheben – jährlich ein zusätzlicher Bedarf von etwa 945 Millionen Euro. Die Branche sieht das geplante Apotheken-Versorgungsstärkungsgesetz dagegen als unzureichend an.
München verliert immer mehr Apotheken – 21 Standorte in nur zwei Jahren. Besonders betroffen sind die Außenbezirke. Damit Sie auch künftig gut versorgt sind, zeigt Ihnen der kostenlose Ratgeber, wie Sie Apotheken in Ihrer Nähe finden und Medikamente rechtzeitig sichern. Jetzt kostenlosen Ratgeber anfordern
Neue Regeln: Rabattarzneimittel und Klimaschutz
Seit dem 1. Juli 2026 gelten zudem neue Vorgaben für den Austausch von Rabattarzneimitteln. Sind Medikamente nicht verfügbar, dürfen Apotheker nun vorrätige wirkstoffgleiche Präparate abgeben – mit spezifischen Dokumentationspflichten. Die Regelung ist bis Mitte 2028 befristet. Die genaue Handhabung der Sonderkennzeichen war zuletzt noch zwischen Standesvertretung und GKV-Spitzenverband umstritten.
Bayern geht bei den Aufgabenbereichen neue Wege. Ein Modellprojekt erlaubt Apotheken künftig, nicht-medizinische Hilfsmittel auf Rezept abzugeben. Dazu zählen Heizlüfter – ein Kontingent von 7.500 Geräten ist bereits vorgesehen – sowie Sandsäcke und Schlauchboote für Hochwassergebiete. Die Vergütung läuft über ein Punktesystem.
Investoren ziehen sich zurück
Wenn die nächste Apotheke plötzlich viel weiter weg ist, wird die tägliche Medikamentenversorgung zur Herausforderung. In 17 Münchner Stadtbezirken ist das bereits Realität. Der kostenlose Leitfaden hilft Ihnen, alternative Versorgungswege zu nutzen und Engpässe zu vermeiden. Leitfaden zur Versorgungssicherheit jetzt sichern
Die Verunsicherung erreicht auch die Großindustrie. Eli Lilly will eine geplante Milliardeninvestition in Alzey deutlich kürzen. Boehringer Ingelheim strich Investitionsvorhaben in Höhe von rund 900 Millionen Euro. Branchenverbände warnen vor einem dauerhaften Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit.
Bei den Inhabern gehen die Meinungen auseinander. Junge Apotheker setzen auf Skaleneffekte durch Mehrfachübernahmen. Andere kritisieren die wachsende Kompetenzerweiterung ohne entsprechende Vergütung. Immerhin: Die Übernahme einer traditionsreichen Familienapotheke in Berlin Anfang des Jahres zeigt, dass trotz bürokratischer Hürden eine Fortführung möglich bleibt – auch wenn die Nachfolgesuche lange dauerte.
