Arbeitsstress, Hans

Arbeitsstress: Hans Rusinek rät, täglich eine ungeschriebene Regel zu brechen

Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 18:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Historische Beispiele reichen bis ins Mittelalter zurĂĽck; Arbeitsforscher Hans Rusinek fordert bessere Arbeitsbedingungen statt Selbstoptimierung.
Eine weitläufige, neblige Berglandschaft bei Tagesanbruch als Symbol für Beständigkeit und Ruhe. Illustration mit AI erstellt.

Chronische Erschöpfung und Überlastung gelten oft als Phänomene der modernen Leistungsgesellschaft. Historische und arbeitssoziologische Betrachtungen zeigen jedoch, dass das Ringen mit geistiger und körperlicher Mattigkeit weit in die Vergangenheit zurückreicht.

Der Historiker für Körper und Hygiene Georges Vigarello analysierte diese Entwicklung umfassend in seinem im September 2020 bei Éditions du Seuil erschienenen Werk Histoire de la fatigue du Moyen Âge à nos jours.

Vigarello legt dar, dass der historische Gewinn an individueller Autonomie in westlichen Gesellschaften paradoxerweise dazu geführt hat, dass jede verbleibende oder neu entstehende Einschränkung subjektiv schwerer zu ertragen ist.

Vom mittelalterlichen Seelenschmerz zum modernen Burnout

Die Begrifflichkeit des Burnouts etablierte sich zwar erst in den 1970er Jahren, doch die Kernsymptome chronischer Erschöpfung, Demotivation und emotionaler Leere sind keineswegs neu. Eine Recherche von David Robson für BBC Culture zeigt, dass solche Zustände mindestens seit dem Mittelalter bekannt sind und damals unter dem Begriff der acedia – einer geistigen und emotionalen Erschöpfung – beschrieben wurden.

Bereits der frühchristliche Mönch John Cassian dokumentierte Zustände, die sich aus ausgeprägter körperlicher Müdigkeit und tiefer Hoffnungslosigkeit zusammensetzten.

Auch zeitgenössische Lösungsansätze wiesen Parallelen zu heutigen psychologischen Konzepten auf: Der Theologe William Peraldus empfahl in seinem Werk Tratado sobre las virtudes y los vicios, negative Emotionen anzunehmen, statt aktiv gegen sie anzukämpfen. Zur Veranschaulichung nutzte er eine landwirtschaftliche Metapher: Ein dorniges Feld bringe nach entsprechender Ruhezeit wieder Früchte hervor.

Zudem rieten mittelalterliche Schriften dazu, sich an einem sinnbildlichen starken Berg als übergeordnetem Lebensziel oder an verlässlichen Bezugspersonen als emotionalen Ankern zu orientieren – ein Ansatz, der modernen Erkenntnissen über soziale Unterstützungsnetzwerke ähnelt.

Ausweitung der Belastungsgrenzen im Alltag

In Vigarellos historischer Bestandsaufnahme wandelten sich nicht nur die gesellschaftlichen Formen der Erschöpfung, sondern auch das Vokabular: Begriffe wie langueur, dépérissement oder pénibilité spiegeln den Wandel der jeweiligen Zeitepochen wider. Ein wesentlicher Wandel vollzog sich im 20. und 21. Jahrhundert.

Anzeige

Dauerstress und Erschöpfung sind oft Anzeichen dafür, dass das Nervensystem aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dieser kostenlose Report erklärt, wie Sie durch die gezielte Aktivierung eines speziellen Nervs Ihre Selbstheilungskräfte fördern und Stress in wenigen Minuten abbauen. Kostenlosen Vagusnerv-Ratgeber herunterladen

Während Belastung und Überarbeitung früher vor allem mit körperlicher Mühsal verbunden waren, dehnten sich Stress, Burnout und die sogenannte mentale Last sukzessive von der reinen Erwerbsarbeit auf den Haushalt, die Freizeitgestaltung und die gesamte alltägliche Lebensführung aus.

Verhältnisse anpassen statt Individuen optimieren

Die Frage nach dem Umgang mit Arbeitsstress beschäftigt auch die aktuelle Arbeitsforschung. Der Arbeitsforscher Hans Rusinek von der Universität St. Gallen und der ESMT Berlin, Autor des im Kösel-Verlag erschienenen Buchs Reclaim Work, plädiert für einen Perspektivwechsel bei anhaltender Unzufriedenheit. Er rät Betroffenen davon ab, die Ursache für Probleme reflexartig bei sich selbst zu suchen.

Oftmals fehle es nicht an individueller Resilienz, sondern die konkreten Arbeitsbedingungen seien mangelhaft. Die Devise müsse lauten, die Arbeit zu reparieren und nicht den Beschäftigten.

Anzeige

Wer sich mit belastenden Arbeitsbedingungen konfrontiert sieht, muss seine rechtlichen Möglichkeiten kennen. Dieser kostenlose Leitfaden bietet eine praxisnahe Anleitung zum betrieblichen Eingliederungsmanagement und hilft dabei, den eigenen Arbeitsplatz rechtssicher zu schützen. BEM-Leitfaden mit Muster-Vereinbarung kostenlos sichern

Als praktische Handlungsstrategie empfiehlt der Arbeitsforscher, einmal am Tag eine ungeschriebene Regel zu brechen – nicht aus reinem Prinzip, sondern um aktiv zu überprüfen, ob Abläufe und Vorgaben tatsächlich zwingend so bestehen bleiben müssen.

Nach seiner Auffassung ist Hoffnung eine soziale Praxis, während Krisenfähigkeit vor allem durch kleine Musterbrüche entstehe. Unternehmen sieht er in einer klaren Bringschuld, dafür Sorge zu tragen, dass Arbeit die Menschen nicht verschleißt. Betriebsräte erfüllten dabei eine zentrale Funktion, indem sie den Arbeitsplatz als sozialen Ort stärkten.

Den aktuellen Diskurs um künstliche Intelligenz ordnet Rusinek zudem kritisch ein: Dieser sei stark von Ängsten geprägt und diene bisweilen als Vorwand für Personalabbau, wobei bloße Effizienz keineswegs mit echter Produktivität gleichzusetzen sei.

Mehr zum Thema bei Frankfurter Rundschau: „Arbeitsforscher Rusinek: Brechen Sie einmal am Tag eine ungeschriebene Regel“

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70410797 |