Arzneimittel-Engpässe: 797 Wirkstoffe nicht lieferbar
06.06.2026 - 01:30:55 | boerse-global.de
Geopolitische Krisen, Rohstoffengpässe und politische Rahmenbedingungen setzen Hersteller und Apotheken massiv unter Druck.
Rohstoffkrise: Helium wird zum Engpassfaktor
Der Ukraine-Krieg und die Konflikte im Nahen Osten treiben die Beschaffungskosten für Roh-, Hilfs- und Verpackungsmaterialien in die Höhe. Besonders prekär ist die Lage bei Helium: Laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) fehlen auf dem europäischen Markt bis zu 40 Prozent der üblichen Mengen.
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Auslöser war ein Angriff auf Betriebsanlagen von Qatar Energy Ende März 2026. Die weltweite Fördermenge brach ein, die Preise für kurzfristige Lieferungen haben sich seit dem Frühjahr verdoppelt. Helium ist für die Kühlung von MRT-Geräten und bei der Arzneimittelprüfung unverzichtbar – die EU stuft das Edelgas als kritischen Rohstoff ein.
Auch bei anderen Grundstoffen drohen Engpässe. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) warnt vor Versorgungsrisiken bei Ammoniak, Phosphat und Schwefel.
Apotheken kämpfen mit Rekordbelastung
Die Lieferprobleme sind im Arbeitsalltag der Apotheken längst spürbar. Laut Erhebungen für 2025 wendete das Personal durchschnittlich 20,1 Stunden pro Woche für die Verwaltung von Lieferengpässen auf. Zum Vergleich: Der EU-Durchschnitt liegt bei etwa 12 Stunden.
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) registrierte zuletzt 797 Engpässe bei versorgungsrelevanten Wirkstoffen. Besonders betroffen sind:
- Psychopharmaka und Antidepressiva: 173 bzw. 130 Meldungen
- Langzeit-Ausfälle: Lokalanästhetika waren im Schnitt 560 Tage nicht lieferbar, Antidementiva 400 Tage
- Weitere Engpässe: Lipidsenker, Antibiotika und Urologika fallen regelmäßig aus
Die wirtschaftliche Basis für die Produktion wichtiger Medikamente schwindet. Jörg Wieczorek, Vorstandsvorsitzender von Pharma Deutschland, kritisiert, dass steigende Herstellungs- und Logistikkosten aufgrund von Preismoratorien und Rabattverträgen kaum an die Kostenträger weitergegeben werden können.
Große Konzerne kürzen Investitionen
Die Folgen zeigen sich bereits in konkreten Entscheidungen. Eli Lilly reduziert eine geplante Investition am Standort Alzey von ursprünglich 2,5 Milliarden US-Dollar um die Hälfte. Damit verbunden ist auch ein Rückgang der geplanten 1.000 neuen Arbeitsplätze. Boehringer Ingelheim strich parallel Investitionen in Höhe von 900 Millionen Euro in Deutschland.
Die Industrie führt diese Kürzungen auf die geplante Gesetzgebung zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zurück. Die Sparpläne untergrüben die Standortattraktivität, so der Vorwurf. Ein Pharmadialog zwischen Politik und Industrie im November 2025 blieb ohne greifbare Ergebnisse.
Krankenkassen widersprechen
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Die Position der Krankenkassen ist eine andere. Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, bezeichnet die Ankündigung von Investitionskürzungen unmittelbar vor parlamentarischen Beratungen als inakzeptabel.
Sie verweist auf ein Gutachten des Sachverständigenrats für Gesundheit und Pflege: Das nationale Arzneimittel-Preisniveau habe keinen maßgeblichen Einfluss auf die Standortwahl internationaler Pharmaunternehmen. Zudem betont sie die weiterhin hohen Gewinne der betroffenen Konzerne.
Die Debatte um das GKV-Spargesetz bleibt ein zentrales Spannungsfeld. Die Frage, wie Versorgungssicherheit und Standortattraktivität in Einklang gebracht werden können, ist politisch noch längst nicht beantwortet.
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