Arzneimittel-Rabatte, Abbvie

Arzneimittel-Rabatte: Abbvie sieht 54% Wertverlust durch Gesundheitsreform

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 08:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

AbbVie kritisiert höhere Herstellerrabatte und warnt vor Wertverlusten innovativer Medikamente, während der vfa eine AMNOG-Reform fordert.

AbbVie legt EU-Beschwerde gegen deutsche Arzneimittelrabatte ein
Leeres, steriles Labor mit Glasfläschchen auf einem Edelstahltisch in einer modernen Forschungseinrichtung. Illustration mit AI erstellt.

In der Debatte um die deutsche Arzneimittelpreispolitik hat der US-amerikanische Pharmakonzern Abbvie ein formelles Verfahren auf europäischer Ebene eingeleitet. Das Unternehmen, das in Deutschland Standorte in Wiesbaden und Ludwigshafen unterhält, reichte laut einem Bericht vom 23. September 2026 Beschwerde bei der Europäischen Union gegen die aktuelle Gesundheitsreform ein.

Die rechtliche Argumentation stützt sich dabei auf das EU-Beihilferecht. Im Kern wendet sich der Konzern gegen die neuen Rabattregelungen für innovative Medikamente und äußert die Befürchtung, dass der gleichberechtigte Zugang von Patienten zu modernen Krebstherapien gefährdet sein könnte.

Kritik an erhöhten Herstellerabgaben und Marktwertverlusten

Die Kritik von Abbvie richtet sich insbesondere gegen gesetzliche Maßnahmen, welche die Pflichtrabatte für Hersteller von 7 Prozent auf 15,5 Prozent anhoben.

Nach Einschätzung des Unternehmens, das weltweit 57.000 Mitarbeitende beschäftigt und im Vorjahr einen Umsatz von 61 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete, führen diese kumulierten Eingriffe zu einer erheblichen Entwertung von Innovationen. Berechnungen des Konzerns zufolge könne der Wert eines innovativen Arzneimittels durch die Maßnahmen um fast 54 Prozent sinken.

In Aussagen im Rahmen eines US-Handelsverfahrens (USTR Section 301) verdeutlichte das Unternehmen seine Position, wonach die deutsche Preis- und Erstattungspolitik den internationalen Handel beeinträchtige und Innovationen systematisch untergrabe.

Der EVP von Abbvie, Perry Siatis, wies darauf hin, dass transformative Medikamente in Deutschland zu niedrig bewertet würden, was künftige Investitionen gefährde.

Das Unternehmen argumentiert, dass Deutschland als wohlhabender Markt einen zu geringen Beitrag zu den globalen Kosten für Forschung und Entwicklung leiste, wodurch die finanzielle Last verstärkt auf das US-Gesundheitssystem verschoben werde. Angestrebt werde ein konstruktiver Weg für eine gerechtere Verteilung der Investitionslasten unter den wirtschaftsstarken Nationen.

Branchenweite Forderungen nach einer AMNOG-Modernisierung

Parallel zu den rechtlichen Schritten einzelner Unternehmen drängt der Verband forschender Pharmaunternehmen (vfa) auf eine grundlegende Reform des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG).

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Die Pflichtrabatte für Hersteller steigen von 7 auf 15,5 Prozent, und ein US-Konzern beziffert den Wertverlust innovativer Arzneimittel auf fast 54 Prozent — parallel drängt die Branche auf eine AMNOG-Modernisierung. Wer die Tragweite für Erstattungspreise und Standortentscheidungen einschätzen will, findet hier die wesentlichen Fakten und Forderungen gebündelt. Kostenlose Branchen-Analyse zur Arzneimittelpreispolitik anfordern

In einem Bericht vom 22. September 2026 legte der Verband Vorschläge für eine Modernisierung des seit 2011 bestehenden Systems vor. vfa-Präsident Han Steutel betonte, dass Deutschland kein gänzlich neues System, wohl aber ein zeitgemäßes AMNOG benötige, da sich die Rahmenbedingungen seit der Einführung grundlegend gewandelt hätten.

Der Verband, der rund 50 Hersteller und 100.000 Beschäftigte in Deutschland vertritt, fordert unter anderem:
* Die Berücksichtigung globaler Markteffekte durch einen sogenannten Most-Favored-Nation-Ansatz, da deutsche Preise international als Referenz wirken.
* Eine stärkere Orientierung an nutzenbasierten Verhandlungen und flexiblere Kriterien für die Bewertung von Präzisionstherapien.
* Die Entfristung vertraulicher Erstattungsbeträge sowie die Einbeziehung der bestverfügbaren Evidenz in die Bewertungsprozesse.

Der vfa warnt davor, dass Pharmaunternehmen neue Medikamente aufgrund der aktuellen Bedingungen verzögert oder unter Umständen gar nicht mehr zuerst in Deutschland einführen könnten.

Auswirkungen des Sparpakets auf das Gesundheitssystem

Die Proteste der Pharmabranche sind eingebettet in eine breitere Unzufriedenheit mit dem Sparpaket der Bundesregierung. In verschiedenen Städten Baden-Württembergs wie Stuttgart, Tübingen und Karlsruhe kam es bereits im September 2026 zu Protesttagen an Kliniken.

Hintergrund ist ein geplantes Entlastungsvolumen für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in Höhe von 16,3 Milliarden Euro für das Jahr 2027, um ein erwartetes Defizit von 15,3 Milliarden Euro zu decken.

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Deutschland gilt international als Referenzmarkt: Verhandelte Erstattungsbeträge wirken über die Landesgrenzen hinaus, und der Most-Favored-Nation-Ansatz verstärkt diesen Effekt. Der Verband forschender Pharmaunternehmen warnt, neue Medikamente könnten verzögert oder gar nicht mehr zuerst hier eingeführt werden — ein Risiko für Investoren, die auf Erst-Launch-Potenziale setzen. Analyse zu Referenzpreisen und Launch-Szenarien sichern

Das entsprechende Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze sieht neben den Sparvorgaben für die Pharmabranche und Kliniken auch spürbare Änderungen für Versicherte vor. So steigen ab dem 1. Januar 2027 die Zuzahlungen für Arznei- und Hilfsmittel auf mindestens 7,50 Euro und höchstens 15 Euro.

Auch in den Bereichen Heilmittel, häusliche Krankenpflege und Zahnersatz sind Leistungskürzungen oder höhere Eigenanteile vorgesehen. Während die Bundesregierung durch diese Maßnahmen die Zusatzbeiträge stabilisieren will, befürchten Verbände wie die BWKG einen massiven Anstieg der Defizite im Kliniksektor und Personalabbau.

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