Arzneimittelversorgung, Schlafmittel

Arzneimittelversorgung: Jedes vierte Schlafmittel und Psychopharmakon fehlt

Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 20:32 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Lieferprobleme, Versandboni und ReformplĂ€ne prĂ€gen die Debatte ĂŒber Vor-Ort-Apotheken, Versorgungssicherheit und rechtliche Vorgaben im Arzneimittelhandel.

Apotheken unter Druck: LieferengpÀsse und Streit um Rx-Versand
Innenansicht einer modernen, hellen Apotheke mit leeren Regalen und neutraler Architektur. Illustration mit AI erstellt.

Die Sicherstellung einer stabilen Arzneimittelversorgung und der Erhalt einer flĂ€chendeckenden Apothekenstruktur stehen derzeit im Zentrum gesundheitspolitischer Debatten. Fachleute und politische Akteure diskutieren verstĂ€rkt ĂŒber Wettbewerbsbedingungen, LieferengpĂ€sse und die Auswirkungen geplanter Reformvorhaben auf die Patientenversorgung.

Politischer Dialog zur Situation der Vor-Ort-Apotheken

In jĂŒngster Zeit haben mehrere Bundestagsabgeordnete pharmazeutische Betriebe besucht, um sich ĂŒber die operative Lage zu informieren. Die SPD-Abgeordnete Nadine Heselhaus thematisierte bei einem Besuch der Gesundpunkt-Apotheke in Ahaus-WĂŒllen die ungleichen Wettbewerbsbedingungen zwischen lokalen Apotheken und Versanddienstleistern.

Weitere Schwerpunkte des Austauschs waren die schwierige Suche nach Betriebsnachfolgern, die AbhĂ€ngigkeit von Wirkstoffimporten aus dem asiatischen Raum sowie die Belastung durch bĂŒrokratische Auflagen.

Parallel dazu fĂŒhrte der Parlamentarische StaatssekretĂ€r Georg Kippels (CDU) GesprĂ€che mit der PrĂ€sidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe (AKWL), Gabriele von Elsenau Overwiening. In diesem Kontext wurden Forderungen nach einer Positivliste fĂŒr rezeptpflichtige (Rx) Arzneimittel ohne Rezept laut.

Zudem kritisierte die KammerprĂ€sidentin die Erhöhung des Kassenabschlags sowie die ungelösten Erstattungsfragen bei der Abgabe von Medikamenten an chronisch Kranke. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den grenzĂŒberschreitenden Versandhandel und die Notwendigkeit, pharmazeutische Dienstleistungen (pDL) rechtssicher auszugestalten.

Rechtliche HĂŒrden beim Rx-Versandverbot und Boni-Regelungen

Die Diskussion um ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten bleibt juristisch komplex. Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags Ă€ußerte Zweifel an der UnionsrechtskonformitĂ€t einer WiedereinfĂŒhrung eines solchen Verbots.

Zwar habe der EuropÀische Gerichtshof (EuGH) im Jahr 2003 entschieden, dass ein Versandverbot im Ermessen der Mitgliedstaaten liege, jedoch wurden auslÀndische Versender im Jahr 2016 von der deutschen Preisbindung freigestellt.

Trotz dieser Bedenken forderte der CSU-Abgeordnete Pilsinger gegenĂŒber dem Bundesministerium fĂŒr Gesundheit ein Rx-Versandverbot. Auch die Apothekerkammern von Westfalen-Lippe und Hessen streben eine StĂ€rkung der ParitĂ€tischen Stelle an, um gegen Boni und Rabatte auslĂ€ndischer Versandapotheken vorzugehen.

WĂ€hrend das Apotheken-Wettbewerbsgleichstellungsgesetz (ApoVWG) die persönliche Haftung klĂ€re, blieben institutionelle Kostenrisiken bestehen. Hessen fordert in diesem Zusammenhang Sanktionen, die bis zum Ausschluss vom Rahmenvertrag gemĂ€ĂŸ § 129 SGB V reichen können.

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Kontroversen um die Notfallreform und das Dispensierrecht

Im Rahmen einer Anhörung zur Notfallreform im Gesundheitsausschuss zeigten sich deutliche Differenzen zwischen den Akteuren. Vertreter des HausĂ€rzteverbandes, der KassenĂ€rztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der BundesĂ€rztekammer (BÄK) forderten eine Ausweitung des Ă€rztlichen Dispensierrechts auf Bereitschafts- und Hausbesuchsdienste. Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) plĂ€dierte fĂŒr eine Einbeziehung der Notaufnahmen.

Die Bundesvereinigung Deutscher ApothekerverbĂ€nde (ABDA) lehnt die ReformplĂ€ne ab, die es Ärzten in Notfallpraxen ermöglichen sollen, Medikamente fĂŒr eine dreitĂ€gige ÜberbrĂŒckung abzugeben. Stattdessen wird eine bessere Einbindung der bestehenden Apothekenstruktur gefordert. Krankenkassen brachten zudem die Installation von telepharmazeutisch unterstĂŒtzten Abgabeautomaten fĂŒr die Versorgung außerhalb regulĂ€rer Öffnungszeiten ins GesprĂ€ch.

Strategien gegen LieferengpĂ€sse und fĂŒr Versorgungssicherheit

Die Versorgungssicherheit bleibt ein kritisches Thema. Laut PHAGO-PrĂ€sident Windischbauer sind aktuell 1.300 Arzneimittel als lieferkritisch gemeldet. Besonders betroffen sind Antidiabetika mit einer Quote von ĂŒber 40 Prozent sowie Schlafmittel, Beruhigungsmittel und Psychopharmaka, bei denen jeweils jedes vierte PrĂ€parat betroffen ist. In Österreich lagern fĂŒnf PHAGO-GroßhĂ€ndler VorrĂ€te an 23 Standorten.

Branchenvertreter von Pharma Deutschland und dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) fordern eine Abkehr vom reinen Preiskriterium bei RabattvertrÀgen der Krankenkassen.

Die geplante EU-Vergabereform (Public Procurement Act) soll öffentliche AuftrĂ€ge kĂŒnftig stĂ€rker nach QualitĂ€t, Versorgungssicherheit und Resilienz bewerten. Auch politische Forderungen der AfD zielen auf eine Erhöhung der Bevorratungspflicht im Großhandel auf einen Zwei-Monats-Bedarf ab.

QualitÀtsstandards im Versandhandel

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Ein Bericht vom September 2026 beleuchtet zudem Sicherheitsrisiken beim Online-Versand von Arzneimitteln. Da auslĂ€ndische Versender oft ungekĂŒhlt liefern, können extreme Temperaturen die Wirksamkeit von PrĂ€paraten beeintrĂ€chtigen.

Da niederlĂ€ndische Behörden die dort ansĂ€ssigen Versender nur stichprobenartig bei konkreten VerdachtsfĂ€llen prĂŒfen, bemĂ€ngeln Experten eine unzureichende Kontrolle gegenĂŒber deutschen Standards. Ein frĂŒherer Versuch, strengere Temperaturkontrollen per Verordnung einzufĂŒhren, scheiterte bereits an der EU-Kommission.

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de | wissenschaft | 70083397 |