Aspirin und Demenz: Genetische Untergruppe mit 70 Prozent geringerem Risiko
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 18:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aspirin gilt seit Jahrzehnten als Allzweckmittel gegen Schmerzen und als Prophylaxe gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ob das kostengünstige Medikament auch vor Demenz schützen kann, untersuchte ein Forschungsteam der Monash-Universität in Australien anhand genetischer Daten der ASPREE-Studie (Aspirin in Reducing Events in the Elderly).
Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift "Alzheimer's & Dementia: The Journal of the Alzheimer's Association" veröffentlicht. Sie liefern ein differenziertes Bild: Für die meisten älteren Menschen bringt Aspirin demnach keinen erkennbaren Demenzschutz – für eine bestimmte genetische Untergruppe könnte das anders aussehen.
GroĂźe Datenbasis, randomisiertes Design
Die Analyse stĂĽtzt sich auf genetische Informationen von 13.541 Teilnehmern der ASPREE-Studie mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 4,6 Jahre.
Die Teilnehmer stammten aus Australien und den USA, waren überwiegend über 70 Jahre alt – in den USA waren auch Personen über 65 eingeschlossen – und hatten zu Studienbeginn weder eine kardiovaskuläre Vorerkrankung noch eine Demenzdiagnose. Sie wurden randomisiert entweder einer täglichen Einnahme von 100 mg Aspirin oder einer Placebogruppe zugeteilt.
Im Beobachtungszeitraum wurden 345 neue Demenzdiagnosen sowie 414 schwere Blutungsereignisse registriert. In der Gesamtkohorte fand die ASPREE-Studie keinen schĂĽtzenden Effekt von Aspirin auf das Demenzrisiko.
Deutlicher Effekt in einer genetischen Untergruppe
Interessant wird es bei der Betrachtung jener Teilnehmer, die im obersten Fünftel eines genetischen Thrombozyten-Scores lagen – also eine genetische Veranlagung zu hohen Thrombozytenzahlen aufwiesen.
In dieser Gruppe erkrankten unter Aspirin-Einnahme 13 von 1.310 Personen (1,0 Prozent) an Demenz, verglichen mit 46 von 1.398 Personen (3,3 Prozent) in der Placebogruppe. Das entspricht einem um rund 70 Prozent niedrigeren relativen Demenzrisiko.
Auffällig ist zudem, dass sich der Unterschied zwischen Aspirin- und Placebo-Gruppe erst nach etwa zwei bis drei Jahren Nachbeobachtung zeigte. Der beobachtete Effekt war dabei unabhängig von bekannten Demenz- und Alzheimer-Risikogenen; auch das APOE-Gen veränderte die Wirkung von Aspirin nicht.
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Höheres Blutungsrisiko als Kehrseite
Dem möglichen Nutzen steht ein erhöhtes Risiko für schwere Blutungen gegenüber. In derselben genetischen Hochrisikogruppe traten unter Aspirin 58 schwere Blutungsereignisse auf (4,4 Prozent), gegenüber 29 unter Placebo (2,1 Prozent) – mehr als doppelt so häufig.
Die absolute Risikosenkung für Demenz lag bei etwa 2,3 Prozentpunkten, die absolute Risikoerhöhung für schwere Blutungen ebenfalls bei rund 2,3 Prozentpunkten.
Rechnerisch bedeutet das: Würden etwa 44 Personen aus dieser Gruppe behandelt, ließe sich ein Demenzfall verhindern, gleichzeitig käme aber ein zusätzliches schweres Blutungsereignis hinzu. Betroffen waren insbesondere innere Blutungen in Magen, Darm und Gehirn.
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Forscher warnen vor voreiligen SchlĂĽssen
Studienleiter Peter Fransquet von der Monash-Universität mahnte ausdrücklich zur Vorsicht vor Selbstmedikation. Der Befund müsse unabhängig bestätigt werden und reiche nicht aus, um bestehende Aspirin-Empfehlungen zu ändern.
Von einer eigenmächtigen Einnahme zur Demenzprävention riet er wegen des Blutungsrisikos ausdrücklich ab – eine Entscheidung dürfe nur in Rücksprache mit ärztlichem Personal getroffen werden. Die Autoren der Studie fordern, dass vor einer möglichen Aspirin-Einnahme zu diesem Zweck ein Gentest sowie eine ärztliche Verordnung stehen müssten.
Auch Thomas Holland von der Rush University betonte, Aspirin sei kein harmloses Medikament. Die Forscher der Monash-Universität selbst verweisen zudem auf methodische Grenzen ihrer Arbeit: Es handelt sich um eine explorative Nachanalyse einer Untergruppe, die keinen Kausalitätsnachweis liefert.
Die Teilnehmer stammten überwiegend aus europäischer Abstammung, alle Demenzformen wurden zusammengefasst betrachtet, die mediane Nachbeobachtungszeit lag unter fünf Jahren, und in der höchsten genetischen Gruppe wurden lediglich 59 Demenzfälle insgesamt erfasst.
Replikationsstudien sowie eine eigens darauf ausgerichtete klinische Studie seien nötig, bevor Aspirin gezielt zur Demenzprävention empfohlen werden könne.
Der Hintergrund, vor dem solche Forschung an Bedeutung gewinnt, ist beträchtlich: Schätzungen zufolge entwickeln 42 Prozent der Amerikaner über 55 Jahre im Laufe ihres Lebens eine Demenzerkrankung. Entsprechend groß ist das Interesse an präventiven Ansätzen – auch wenn die aktuellen Erkenntnisse zu Aspirin vorerst Grundlagenforschung bleiben und keine unmittelbare Handlungsempfehlung für die breite Bevölkerung darstellen.
