Autismus bei Frauen: Studie zeigt Diagnose im Schnitt erst mit 32,1 Jahren
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 13:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Berichte und Fachanalysen rĂŒcken zunehmend die besonderen HĂŒrden von Frauen in den Fokus, die erst im Erwachsenenalter eine Autismus-Diagnose erhalten. Viele Betroffene kompensieren und verbergen ihre Symptome ĂŒber Jahre oder Jahrzehnte hinweg.
Eine SpĂ€tdiagnose bedeutet dabei nicht, dass Autismus erst im spĂ€teren Leben entsteht; vielmehr wurde eine bereits in der kindlichen Entwicklung angelegte Verarbeitungs- und Beziehungsform frĂŒher nicht erkannt. WĂ€hrend in den 1990er-Jahren auf fĂŒnf Diagnosen lediglich eine weibliche Betroffene kam, liegt das VerhĂ€ltnis mittlerweile bei einer von drei erfassten Diagnosen.
Mechanismen des Camouflaging und Diagnoseverzögerungen
Ein zentraler Grund fĂŒr das spĂ€te Erkennen liegt im sogenannten Camouflaging oder Masking. Hierbei entwickeln MĂ€dchen und Frauen komplexe Strategien, um autistische Merkmale im Alltag unauffĂ€llig auszugleichen.
Katrin Beltermann vom Autismus-Therapiezentrum Netphen erklĂ€rt dazu, dass Jungen bei Belastungen eher nach auĂen reagieren, wĂ€hrend MĂ€dchen Verhaltensweisen verinnerlichen und soziales Verhalten imitieren. Da gĂ€ngige Testverfahren historisch stark auf mĂ€nnliche Verhaltensmuster ausgerichtet sind, bleiben MĂ€dchen oft unentdeckt.
Eine Studie der brasilianischen Universidade Federal do Rio Grande (FURG) mit 253 erwachsenen Probanden verdeutlicht diesen Unterschied: Frauen erhielten ihre Diagnose im Durchschnitt mit 32,1 Jahren, MÀnner hingegen bereits mit 29,1 Jahren. Zudem zeigte sich in der Untersuchung, dass Frauen deutlich hÀufiger vorab andere psychologische Diagnosen erhalten hatten und vermehrt Verhaltensweisen des Camouflaging aufwiesen.
Das Autismus-Therapiezentrum Netphen und Berichte der niederlĂ€ndischen Organisation InEssencia weisen auf die schwerwiegenden SpĂ€tfolgen dieser dauerhaften Anpassungsleistung hin. Das jahrelange Kompensieren geht hĂ€ufig mit RĂŒckzug, sozialen Ăngsten, Depressionen, Burn-out und chronischen Schmerzen einher. Zudem kann sich die sensorische Reizempfindlichkeit in spĂ€teren Lebensphasen wie den Wechseljahren weiter verstĂ€rken.
SpÀte Erkenntnis im Lebensverlauf
HĂ€ufig erfolgt die KlĂ€rung erst im Alter von 40, 50 Jahren oder spĂ€ter. Ein prominentes Beispiel ist die US-Schauspielerin Tisha Campbell, bekannt aus Serien wie âMartinâ. Sie erhielt im Alter von 57 Jahren nach Untersuchungen bei zwei Spezialisten die Diagnosen Autismus und ADHS.
Frauen erhalten ihre Autismus-Diagnose im Schnitt mit 32,1 Jahren â MĂ€nner bereits mit 29,1. Der Grund: jahrelanges Masking, das nach auĂen unauffĂ€llig bleibt. Unser kostenloser Leitfaden zeigt Ihnen die Merkmale, die dabei oft ĂŒbersehen werden. Kostenlosen Leitfaden jetzt anfordern
Auslöser fĂŒr die fachliche Begutachtung war unter anderem die Arbeit an ihrem Buch ĂŒber ihren Sohn Xen, bei dem bereits im Alter von 18 Monaten Autismus festgestellt worden war. Campbell berichtete von ausgeprĂ€gter LĂ€rmempfindlichkeit und jahrelangen Verhaltensanpassungen.
Der Psychiater Tales Vilela vom Instituto Essencialmente im brasilianischen Alfenas hebt hervor, dass eine solche spĂ€te Diagnose Betroffenen hilft, frĂŒhere Lebenserfahrungen neu einzuordnen. Zudem treten Autismus und ADHS hĂ€ufig gemeinsam auf. Auch die brasilianische Aktivistin Fernanda Fialho, die am 1. Oktober 2026 verstarb, wurde erst im Erwachsenenalter nach der Diagnose ihrer eigenen Tochter diagnostiziert.
In Deutschland verdeutlichen FĂ€lle wie der von Maren Scholz aus Soest oder Cordula Rode aus Witten die Situation. Scholz erhielt ihren Befund mit 48 Jahren, nachdem sie ĂŒber Jahrzehnte ReizĂŒberflutungen durch GerĂ€usche und GerĂŒche ertragen hatte. Die 60-jĂ€hrige Cordula Rode, die bei der Lebenshilfe Witten tĂ€tig ist, durchlief den diagnostischen KlĂ€rungsprozess ebenfalls erst als Erwachsene.
Anforderungen an Diagnostik und UnterstĂŒtzung
Da es fĂŒr Autismus keine Blut- oder bildgebenden Verfahren gibt, basiert das Verfahren ausschlieĂlich auf klinischen Untersuchungen. Diese mĂŒssen das individuelle Spektrum sorgfĂ€ltig von Erkrankungen wie Angststörungen, Traumata oder Depressionen abgrenzen. Im brasilianischen Gesundheitssystem SUS beginnt dieser Pfad in den Grundeinheiten UBS, von wo Ăberweisungen an spezialisierte Zentren wie CER und CAPS erfolgen können.
RĂŒckzug, soziale Ăngste, Depressionen, Burn-out, chronische Schmerzen â die Folgen jahrelangen Kompensierens zeigen sich oft erst spĂ€t. Ein kostenloser Leitfaden hilft Ihnen, die Zeichen einzuordnen und den Weg zur fachlichen AbklĂ€rung zu finden. Leitfaden zur AbklĂ€rung jetzt sichern
Parallel zur Diagnostik gewinnen angepasste UnterstĂŒtzungsformen an Bedeutung, darunter körperorientierte Therapien, wie sie etwa der niederlĂ€ndische Anbieter InEssencia offeriert.
Zudem thematisieren Fachveranstaltungen wie der fĂŒr den 17. und 18. Oktober im Espaço Acelerador in Alphaville bei SĂŁo Paulo terminierte 2. Congresso INA de Altas Habilidades e Superdotação vermehrt PhĂ€nomene mehrfacher Besonderheiten und die notwendigen Rahmenbedingungen im Berufs- und Lebensalltag Erwachsener.
