Autoimmunerkrankungen: Frauen erhalten 74 Prozent häufiger psychosomatische Fehldiagnosen
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 17:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deFrauen mit chronischen Entzündungskrankheiten stehen im Gesundheitssystem häufig vor langwierigen Hürden, bis die eigentliche Ursache ihrer körperlichen Beschwerden erkannt wird. Eine in der Fachzeitschrift The Lancet eClinicalMedicine veröffentlichte Untersuchung der Universitäten Cambridge und East Anglia verdeutlicht nun das Ausmaß dieser geschlechtsspezifischen Unterschiede.
An der Untersuchung nahmen über 6.600 Personen mit Autoimmunerkrankungen teil, bei denen es sich überwiegend um Frauen aus Großbritannien handelte. Die Ergebnisse zeigen deutliche Diskrepanzen bei der Erstbeurteilung von Symptomen: 43% der befragten Frauen gaben an, dass ihre Beschwerden zunächst psychiatrisch erklärt worden seien. Bei den befragten Männern lag dieser Anteil hingegen bei 33%.
Deutliche Unterschiede bei psychosomatischen Zuschreibungen
Neben psychiatrischen Beurteilungen werden körperliche Leiden häufig auch als psychosomatisch eingestuft. Laut den Erhebungen erhielten 34% der Frauen eine solche psychosomatische Fehldiagnose, während dies nur auf 22% der Männer zutraf.
Um Verzerrungen durch andere Einflussfaktoren auszuschließen, wurden die Daten statistisch bereinigt. Nach einer Adjustierung für das Alter, den konkreten Krankheitstyp, die jeweilige Region sowie das Haushaltseinkommen blieb das Ungleichgewicht deutlich bestehen: Demnach erhielten Frauen um 46% häufiger eine psychiatrische Fehldiagnose und um 74% häufiger eine psychosomatische Fehldiagnose als männliche Patienten mit vergleichbaren Krankheitsbildern.
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Lange Verzögerungen und gesundheitliche Folgen
Die Fehleinschätzungen wirken sich unmittelbar auf die Dauer bis zum Beginn einer zielgerichteten Therapie aus. Während es bei Männern meist unter drei Monaten dauerte, bis die finale Diagnose feststand, vergingen bei Frauen meist ein bis zwei Jahre. Die Hauptautorin der Studie, Melanie Sloan, warnte in diesem Zusammenhang vor einem langfristigen Vertrauensverlust der Betroffenen gegenüber dem medizinischen System.
Verzögerte Behandlungen bergen zudem erhebliche körperliche Risiken. Wie die Neurologin Marwa Al-Dubai von der Uniklinik Magdeburg darlegte, basieren medizinische Studien meist auf der Männergesundheit. Bleiben Entzündungen jedoch über längere Zeiträume hinweg unbehandelt, können sie dauerhafte Nervenschäden verursachen.
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Hohe Betroffenheit und historische Forschungslücken
Das Ausmaß der Problematik ist auch vor dem Hintergrund der allgemeinen Verbreitung von Bedeutung: In Deutschland ist jeder zwölfte Mensch von einer Autoimmunerkrankung betroffen. Dabei verteilen sich diese Erkrankungen keineswegs gleichmäßig auf die Geschlechter. 80 Prozent aller Autoimmunerkrankungen betreffen Frauen, was wissenschaftlich mit dem doppelten X-Chromosom zusammenhängt.
Trotz dieser überproportionalen Betroffenheit spiegelte sich die Geschlechterverteilung in der medizinischen Forschung lange Zeit nicht wider. Bis zum Jahr 1993 waren Frauen aus Medikamentenstudien ausgeschlossen. Diese historische Forschungslücke wirkt sich bis heute auf Diagnosepfade und klinische Bewertungen aus und erschwert vielen Patientinnen den zeitnahen Zugang zu einer adäquaten Versorgung.
