Behandlungsfehler, Milliarden

Behandlungsfehler kosten 16,7 Milliarden Euro: AOK fordert Patientenrechte

Veröffentlicht am: 25.08.2026 um 00:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die AOK fordert höhere Abgaben auf Genussmittel und mehr PrÀvention. Zudem warnt die Kasse vor steigenden ZusatzbeitrÀgen und verteidigt die telefonische Krankschreibung.

AOK-Chefin Reimann: Höhere Tabak- und Alkoholpreise zur Gesundheitsvorsorge
Ein Stethoskop und ein grĂŒner Apfel auf einem Schreibtisch in einer Arztpraxis als Symbol fĂŒr prĂ€ventive Gesundheitspolitik. Illustration mit AI erstellt.

Die Debatte um steigende Kosten im Gesundheitssystem hat eine neue Zuspitzung erfahren: AOK-Vorstandsvorsitzende Carola Reimann plĂ€diert fĂŒr eine gesundheitspolitische Neuausrichtung, die PrĂ€vention stĂ€rker in den Mittelpunkt rĂŒckt. Konkret schlĂ€gt sie höhere Preise und eine eingeschrĂ€nkte VerfĂŒgbarkeit fĂŒr Alkohol und Tabak vor, um Krankheiten frĂŒhzeitig zu verhindern statt sie im Nachhinein teuer zu behandeln.

Kritik an niedrigen Preisen und dichtem Verkaufsnetz

Reimann kritisiert, dass Tabak und Alkohol in Deutschland vergleichsweise gĂŒnstig und an zu vielen Stellen erhĂ€ltlich seien. Eine Reduzierung der Verkaufsstellen sowie höhere Preise könnten demnach dazu beitragen, den Konsum – und damit die Zahl der Folgeerkrankungen – zu senken.

Diese Position ordnet sich in ein umfassenderes Positionspapier der AOK ein, das den Titel „Basis gesellschaftlicher ZukunftsfĂ€higkeit“ trĂ€gt und Gesundheit als Produktivkraft statt als reinen Kostenfaktor versteht.

Das Papier verweist auf 881,5 Millionen ArbeitsunfĂ€higkeitstage im Jahr 2024 und daraus resultierende ProduktionsausfĂ€lle von 134 Milliarden Euro. Als Beispiel fĂŒr den wirtschaftlichen Nutzen von Vorsorge fĂŒhrt die AOK an, dass eine Million Euro, die in KrebsprĂ€vention investiert werde, innerhalb von drei Jahren einen Nutzen von zwei Millionen Euro generiere.

Warnung vor weiter steigenden ZusatzbeitrÀgen

Hintergrund der Forderungen ist die angespannte Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen. Reimann warnt vor weiter steigenden ZusatzbeitrĂ€gen: Zwar habe die Kassenlandschaft im ersten Halbjahr 2026 einen Überschuss von mehr als zwei Milliarden Euro verzeichnet, doch die Leistungsausgaben seien gleichzeitig um sieben bis acht Prozent gestiegen. Das im Sommer verabschiedete Beitragssatzstabilisierungsgesetz, das Einsparungen von 18 Milliarden Euro vorsieht, reiche aus ihrer Sicht nicht aus, um die strukturellen Probleme zu lösen. Reimann setzt daher auf die eingesetzte Finanzkommission sowie auf Gesundheitsminister Linnemann (CDU), um weiterreichende Reformen anzustoßen.

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Streit um telefonische Krankschreibung

Ein weiterer Streitpunkt betrifft die telefonische Krankschreibung. Reimann spricht sich klar fĂŒr deren Erhalt aus und verweist darauf, dass kein Missbrauch feststellbar sei. Eine Attestpflicht bereits ab dem ersten Krankheitstag lehnt sie ab.

UnterstĂŒtzung erhĂ€lt sie dabei von arbeitsmedizinischer Seite: Der Arbeitsmediziner Hasselhorn stellte fest, dass entsprechende politische PlĂ€ne nicht auf Evidenz beruhten. Die telefonische Krankschreibung mache lediglich zwischen 0,8 und 1,2 Prozent aller FĂ€lle aus – ein Anteil, der aus seiner Sicht keine Grundlage fĂŒr eine Abschaffung liefert.

Patientenrechte und Behandlungsfehler als weiteres Handlungsfeld

ErgÀnzend fordert die AOK eine gesetzliche StÀrkung der Patientenrechte. Grundlage ist eine Statistik des Medizinischen Dienstes (MD) Bund, wonach zwischen zwei und vier Prozent der Klinikpatienten durch Behandlungsfehler geschÀdigt werden.

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Die dadurch entstehenden Kosten bezifferte die AOK fĂŒr 2025 auf 16,7 Milliarden Euro. Auch dieser Befund fließt in die Argumentation ein, wonach ein prĂ€ventionsorientierter und patientenzentrierter Ansatz langfristig sowohl gesundheitliche als auch finanzielle Vorteile bringen könnte.

Einordnung

Die verschiedenen VorstĂ¶ĂŸe der AOK-Chefin – von der Tabak- und Alkoholpolitik ĂŒber die Kritik am Beitragssatzstabilisierungsgesetz bis hin zur Verteidigung der telefonischen Krankschreibung – lassen sich als Teil einer einheitlichen Argumentationslinie lesen: Statt kurzfristiger Sparmaßnahmen bei Versicherten und Ärzten fordert Reimann strukturelle Investitionen in PrĂ€vention und Patientenschutz, die sich nach EinschĂ€tzung der AOK mittel- bis langfristig auch wirtschaftlich auszahlen sollen.

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