Beratungslücke bei Pflege: 40% wollen Hilfe, nur 10% nutzen sie
Veröffentlicht am: 19.09.2026 um 17:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die häusliche Versorgung von chronisch Kranken und Pflegebedürftigen stützt sich in Deutschland maßgeblich auf Angehörige. Gleichzeitig offenbaren wissenschaftliche Erhebungen und Erfahrungen aus der Praxis eine spürbare Kluft: Während der Wunsch nach Orientierung und Information groß ist, bleibt die tatsächliche Inanspruchnahme bestehender Beratungsstrukturen hinter den Möglichkeiten zurück. Regionale Initiativen und Fachverbände machen deutlich, wie komplex die Versorgungsrealität vor Ort ausfällt.
Hohe Hürden bei der Inanspruchnahme von Hilfen
Eine im Fachjournal „Psychology & Health“ publizierte wissenschaftliche Auswertung, für die Erstautorin Hannah Isaac von der Universität Sydney Daten aus 29 Studien mit über 81.000 pflegenden Angehörigen über einen Zeitraum von 20 Jahren in Europa, den USA, Kanada und Australien analysierte, veranschaulicht das Problem.
Demnach wünscht sich jede dritte pflegende Person eine Beratung, doch weniger als jede sechste nutzte ein solches Angebot tatsächlich. Bei staatlichen Angeboten zeigte sich eine ähnliche Diskrepanz: 40 Prozent der Befragten äußerten Interesse an staatlicher Unterstützung, jedoch nahmen lediglich 10 Prozent diese in Anspruch.
In Deutschland wurden im Jahr 2023 rund 4,9 Millionen Menschen im häuslichen Umfeld versorgt. Die Zahl der pflegenden Angehörigen belief sich auf geschätzte 7,1 Millionen Personen. Wie stark das System durch dieses familiäre Engagement getragen wird, zeigen auch kommunale Strukturen.
Nach Angaben des Caritasverbands Rhein-Sieg leben im dortigen Landkreis etwa 45.000 Pflegebedürftige. Von ihnen werden 89 Prozent durch Angehörige betreut, zwei Drittel (66 Prozent) sogar ganz ohne die Unterstützung eines professionellen Pflegedienstes.
Niedrigschwellige Angebote in der Praxis
Um betroffene Familien zu erreichen, setzt die Praxis vermehrt auf dezentrale Anlaufstellen. So eröffnete der Caritasverband Rhein-Sieg ein neues Pflegeberatungsbüro im Kleverhof in Much. Die Einrichtungen stehen jedoch vor strukturellen Herausforderungen: In den sieben Pflegeeinrichtungen des Verbands liegt das Durchschnittsalter der Beschäftigten bei 58 Jahren.
Auf Landesebene werden ebenfalls gezielte Schwerpunkte gesetzt. In Hessen übergab Gesundheits- und Pflegeministerin Diana Stolz am 17. September 2026 einen Förderbescheid über 420.000 Euro an die Diakonie Hessen und die Alzheimer Gesellschaft Hessen für den Aufbau einer neuen Landesfachstelle Demenz.
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Die Maßnahme ist Teil der Hessischen Demenzstrategie, die am 2. März 2026 vom Kabinett beschlossen wurde und auf der Nationalen Demenzstrategie aufbaut. Im Bundesland leben rund 125.000 Menschen mit einer Demenzerkrankung.
Reformdebatten und Kritik an geplanten Weichenstellungen
Die Ausgestaltung der Beratung steht zugleich im Zentrum gesundheitspolitischer Auseinandersetzungen. Kritik übt der Caritasverband Rhein-Sieg an den Plänen des Referentenentwurfs für ein Pflege-Neuausrichtungs- und -Optimierungsgesetz (PNOG).
Demnach soll die Pflegeberatung künftig an Kostenträger ausgelagert werden. Zudem sei die Aussetzung der seit 2022 geltenden Tarifpflicht geplant, bei der das Einstiegsgehalt bei rund 3.500 Euro brutto im Monat liegt.
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Auch die Berufsverbände fordern Korrekturen an den Reformplänen. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) unter Präsidentin Vera Lux begrüßt zwar die von Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann geplante Strukturkommission Pflege, warnt jedoch vor weitreichenden Strukturentscheidungen vor deren Arbeitsbeginn.
Der Verband formulierte fünf Kernforderungen: die Begrenzung auf kurzfristige Finanzierungsmaßnahmen, den Ausbau der Pflegebegleitung, die Ablehnung einer Aussetzung der Tariftreue, das Zurückstellen höherer Pflegegrad-Schwellenwerte sowie die Sicherung der ambulanten Versorgung und der Rentenansprüche pflegender Angehöriger.
Die Debatte um den Zugang zu Beratungs- und Unterstützungsleistungen bleibt angesichts steigender Betroffenenzahlen ein zentraler Baustein für die Stabilität der häuslichen Pflege.
