Biologisches Alter: KI-Modell bestimmt Netzhautalter mit 3-Jahren-Genauigkeit
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 00:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Bestimmung des biologischen Alters gewinnt in der präventiven Medizin zunehmend an Bedeutung. Während das chronologische Alter lediglich die verstrichenen Lebensjahre dokumentiert, spiegelt das biologische Alter den tatsächlichen Zustand von Geweben und Organen wider.
Neue methodische Ansätze unter Einsatz von maschinellem Lernen erlauben es inzwischen, individuelle Alterungsprozesse anhand leicht zugänglicher Biomarker präziser einzuschätzen. Ein an der Universität Lausanne entwickeltes System zeigt, welches Potenzial in der Analyse von Netzhautaufnahmen liegt.
Hohe Genauigkeit bei retinalen Bilddaten
Forschende der Universität Lausanne nutzten für ihr Modell mit der Bezeichnung RETFound Daten aus der britischen UK Biobank. Das System wurde mit Netzhautbildern von mehr als 70'000 Personen trainiert, die sich im Alter zwischen 40 und 79 Jahren befanden.
Die in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichte Untersuchung weist aus, dass das Modell das biologische Alter der Netzhaut mit einem mittleren Vorhersagefehler von unter 3 Jahren bestimmen kann.
Die Forschenden ordnen das Verfahren nicht als klassischen Diagnose-Test ein, sondern stufen es als Risikomarker ein. Ein über dem kalendarischen Alter liegendes Netzhautalter ist über einen Beobachtungszeitraum von 15 Jahren mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegsleiden, Krebs, Demenz sowie eine gesteigerte Gesamtmortalität verbunden.
Zudem traten geschlechtsspezifische Unterschiede zutage: Während sich bei Männern ein Zusammenhang mit dem metabolischen Syndrom abzeichnete, korrelierte ein erhöhtes Netzhautalter bei Frauen mit einem Thrombose-Risiko. Vor der Menopause erschien die Netzhaut im Schnitt biologisch jünger, nach den Wechseljahren hingegen älter.
Differenzierte Alterungsprozesse in Organen und Geweben
Dass das biologische Altern kein einheitlicher Vorgang im gesamten Körper ist, untermauern auch gewebespezifische Modellierungen. Eine Auswertung von 25'712 Gewebeschnitten aus 40 Gewebearten von 983 Personen auf Basis der GTEx-Datenbank verdeutlicht, dass unterschiedliche Organe mit ungleicher Geschwindigkeit altern.
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Sogenannte KI-Gewebeuhren erzielten dabei einen Vorhersagefehler von 4,9 Jahren. Bei Organen wie Lunge, Niere, Bauchspeicheldrüse und Nebenniere ließ sich eine beschleunigte Alterung bereits im Lebensalter zwischen 20 und 40 Jahren beobachten. Für die künftige Diagnostik befinden sich zudem blutbasierte Modelle in der Entwicklung.
Parallel dazu rücken kombinierte Biomarker-Scores in den Fokus der geriatrischen Forschung. An der Universität Leiden entwickelte Prof. Eline Slagboom den Score Personal-MetaboHealth, der darauf abzielt, Risiken für Gebrechlichkeit, kognitiven Verfall, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Ateminsuffizienz und Krebserkrankungen abzubilden. In diesem Zusammenhang wurden zudem Langlebigkeitsgene in Signalwegen identifiziert, die für Immunfunktionen und Entzündungsprozesse relevant sind.
Einflussfaktoren auf die biologische Alterung
Neben computergestützten Messungen zeigen molekulare Untersuchungen, welche Rolle der Lebensstil bei der Regulierung des Alterstempos spielt. Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), für die Daten von rund 7'500 Erwachsenen aus der Rheinland Studie und der EPIC-Potsdam-Kohorte herangezogen wurden, analysierte 850'000 DNA-Stellen.
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Das Ergebnis: Zehn ausgewertete gesunde Ernährungsweisen – darunter mediterrane, nordische sowie DASH- und MIND-Konzepte – standen allesamt mit einem verlangsamten biologischen Altern in Verbindung.
Über 70 Prozent der Signalwege erwiesen sich bei den untersuchten Ernährungsformen als deckungsgleich, wobei keine einzelne Ernährungsform als überlegen hervorging. Der verlangsamende Effekt auf die biologische Alterung zeigte sich bei Rauchern am stärksten. Diese Erkenntnisse verdeutlichen, dass biologische Alterungsprozesse zwar messbar, aber keineswegs starr vorgegeben sind.
