Burnout bei Lehrkräften: Zwei Drittel leisten wöchentlich Mehrarbeit
Veröffentlicht am: 20.08.2026 um 01:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die systematische Erfassung der Arbeitszeit und der Schutz vor psychischer Überbelastung rücken zunehmend in den Fokus der bildungspolitischen Debatte. Am 18. August 2026 stellte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin die Anwendung „LehrZeit!“ vor.
Mit diesem digitalen Werkzeug reagiert die Organisation auf eine aus ihrer Sicht unzureichende Umsetzung gesetzlicher Vorgaben durch den Berliner Senat und eine chronische Überlastung der Lehrkräfte.
Rechtsstreit um die Arbeitszeiterfassung
Hintergrund der gewerkschaftlichen Initiative ist die rechtliche Verpflichtung zur Arbeitszeiterfassung, die das Bundesarbeitsministerium auf ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) vom 13. September 2022 zurückführt. Während die Berliner Bildungsverwaltung die Pflicht zur Erfassung unter Berufung auf eine EU-Ausnahmeregelung für Lehrkräfte bestreitet, sieht die GEW dringenden Handlungsbedarf.
Die Gewerkschaft plant zudem eine Machbarkeitsanalyse für eine mögliche Volksgesetzgebung im Bildungsbereich. Ziel sei es, dem hohen Personalmangel zu begegnen, da der tatsächliche Bedarf vom Senat nicht realistisch abgebildet werde.
Belastungsgrenzen im Schul- und Kitabetrieb
Eine Studie der Universität Göttingen unterstrich im August 2026 die Problematik der unbezahlten Mehrarbeit. Den Ergebnissen zufolge leisten zwei Drittel der Berliner Lehrkräfte zusätzliche Stunden, die nicht vergütet werden. Bei einer Vollzeitstelle liege die Mehrarbeit im Durchschnitt bei 2,5 Überstunden pro Woche. Auf das gesamte Jahr hochgerechnet summiere sich dies auf über 2 Millionen Arbeitsstunden.
Diese Entwicklung ist kein lokales Phänomen. Internationale Daten, etwa aus Australien vom August 2026, zeigen, dass dort 49 Prozent der Beschäftigten an Schulen Anzeichen von Burnout aufweisen. Als Hauptursachen gelten lange Arbeitszeiten und ein hoher Verwaltungsaufwand, wobei die durchschnittliche Wochenarbeitszeit dort bei 50 Stunden liege.
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Auch im Bereich der frühkindlichen Bildung ist die Lage angespannt. Eine Erhebung des Deutschen Kitaleitungskongresses (DKLK), an der 5.008 Einrichtungen teilnahmen, ergab im August 2026, dass jede zweite Leitung mindestens wöchentlich eine unzureichende Personaldecke meldet.
Eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung bestätigte, dass lediglich jede siebte Kita die empfohlene Personalbesetzung erreiche. In Rheinland-Pfalz berichten Beratungsstellen wie die Caritas Koblenz von einer hohen psychischen Erschöpfung bei Erzieherinnen; acht von zehn Klienten klagen über entsprechende Symptome.
Digitalisierung als Stressfaktor
Die fortschreitende Digitalisierung wird oft als Lösung zur Effizienzsteigerung präsentiert, aktuelle Forschungen zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild.
Eine gemeinsame Studie der Universitäten Göttingen und Wuppertal, die über fünf Monate den Einsatz eines digitalen Werkzeugs an einer Gesamtschule begleitete, kam zu dem Schluss, dass die Rationalisierung durch Digitalisierung oft eine Fiktion bleibe. Stattdessen führe die Auswahl und Pflege solcher Systeme zu einer Intensivierung der Arbeit.
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Parallel dazu untersuchte die IU Internationale Hochschule die Auswirkungen von digitalem Stress. Forscher fordern in diesem Zusammenhang eine strukturierte „Recovery Culture“. Technische Lösungen, wie das Ausblenden der Uhrzeit bei E-Mails, könnten zwar helfen, seien aber kein Ersatz für strukturelle Maßnahmen gegen die ständige Erreichbarkeit.
Laut einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom aus dem Jahr 2026 sind 66 Prozent der Berufstätigen auch im Sommerurlaub erreichbar, meist aufgrund von Erwartungen im Kollegenkreis oder durch Vorgesetzte.
Gesundheitliche Folgen und Präventionsansätze
Die Auswirkungen dieser Dauerbelastung spiegeln sich in den Krankenständen wider. Der BKK Dachverband verzeichnete für das Jahr 2025 einen Krankenstand von 5,83 Prozent. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei den psychischen Erkrankungen, die seit 2016 um 50 Prozent zugenommen haben.
Auch jüngere Generationen berichten vermehrt von psychischen Belastungen: In einer Studie von 1LIVE gaben 30 Prozent der 14- bis 34-Jährigen an, mindestens einmal im Monat mit körperlichem Unwohlsein zur Arbeit zu gehen.
Zur Früherkennung und Prävention werden verstärkt neue Ansätze erprobt. Die Plattform MUSTA unterstützt Unternehmen dabei, Burnout-Risiken rechtzeitig zu identifizieren. In einem Pilotprojekt wurden seit April 2026 bereits bis zu 1.000 Mitarbeiter betreut. Experten betonen zudem die Bedeutung der Regulierung des Nervensystems.
Ein Neurowissenschaftler wies darauf hin, dass chronischer Stress über die Herzrate und deren Variabilität messbar sei und Ruhephasen sowie Bewegung zentrale Hebel des Stressmanagements darstellen, jedoch keine Therapie ersetzen können. Die Universität Bremen bietet ergänzend dazu spezielle Gruppentherapien an, die sich mit dem Thema Perfektionismus als Stressquelle auseinandersetzen.
