Burnout, Klinikpersonal

Burnout im Klinikpersonal: Nur zwölf Prozent ändern Abläufe strukturell

Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 00:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Hohe Arbeitsdichte, körperliche Beschwerden und geringe Unterstützung erschweren den Verbleib vieler Pflegekräfte im Beruf.
Ein leerer, schwach beleuchteter Krankenhausflur bei Nacht mit langen Schatten und glänzenden Bodenbelägen. Illustration mit AI erstellt.

Mehrere Studien und Berichte dokumentieren eine alarmierende Zunahme von Burnout und psychischen Belastungen bei medizinischem Fachpersonal. Als treibende Faktoren gelten vor allem extreme Arbeitslasten, Schichtdienste und unzureichende Rahmenbedingungen, die das Wohlbefinden der Beschäftigten gefährden und zunehmend Fachkräfte aus dem Beruf drängen.

Hohe Arbeitsdichte und physische Beschwerden in der Pflege

Die konkreten Ausmaße dieser Belastung verdeutlicht ein Faktenblatt der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) auf Basis der Erwerbstätigenbefragung von BIBB und BAuA aus dem Jahr 2024. Im Vergleich von 568 abhängig beschäftigten Pflegekräften mit über 19.000 Beschäftigten anderer Berufsfelder zeigen sich gravierende Unterschiede im Arbeitsalltag.

So berichten 66 bis 71 Prozent der Pflegekräfte über starken Termin- und Leistungsdruck, während dieser Anteil in anderen Berufszweigen bei 43 Prozent liegt.

Zudem erleben 61 bis 79 Prozent des Pflegepersonals häufige Arbeitsunterbrechungen, verglichen mit 43 Prozent in anderen Berufen. Auch emotional belastende Situationen treffen Pflegekräfte mit 25 bis 29 Prozent deutlich öfter als den Rest der Erwerbstätigen mit elf Prozent.

Gleichzeitig ist der eigene Handlungsspielraum spürbar eingeengt: Nur 48 Prozent im akutstationären Sektor und 58 Prozent in der ambulanten sowie stationären Langzeitpflege können ihre Arbeitsplanung selbst mitbestimmen, verglichen mit 70 Prozent in anderen Tätigkeiten.

Ähnlich gestaltet sich die Lage bei Pausenzeiten, die im Pflegebereich nur 41 bis 52 Prozent eigenständig festlegen können, während der Vergleichswert bei 70 Prozent liegt. An der Definition von Arbeitszielen sind im Akutbereich 32 Prozent und in der Langzeitpflege 44 Prozent beteiligt, im ambulanten Dienst 60 Prozent und in anderen Berufen 46 Prozent.

Zu den psychischen Faktoren tritt eine enorme körperliche Beanspruchung: 85 bis 89 Prozent der Pflegekräfte arbeiten häufig im Stehen, und 62 bis 69 Prozent heben oder tragen regelmäßig schwere Lasten. Dies spiegelt sich in gesundheitlichen Beschwerden wider.

Zwischen 56 und 65 Prozent klagen über Rückenschmerzen, 58 bis 68 Prozent über Schulter- und Nackenprobleme, 47 bis 60 Prozent über Schlafstörungen sowie 49 bis 64 Prozent über körperliche Erschöpfung. Zwar bewerten 92 bis 97 Prozent der Pflegekräfte ihren Beruf als sinnhaft, doch Unterstützung durch Vorgesetzte erhalten nur 54 bis 57 Prozent, verglichen mit 64 Prozent in anderen Branchen.

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Wachsende Abwanderungsgedanken trotz Ausbildungsoffensiven

Die dauerhafte Überlastung verstärkt bei vielen Beschäftigten den Wunsch nach einem Berufswechsel. In der Schweiz zeigt die SCOHPICA-Langzeitstudie unter der Leitung von Isabelle Peytremann-Bridevaux von der Universität Lausanne und Unisanté erhebliche Halteprobleme auf.

Obwohl Bund und Kantone die Pflegeausbildung über acht Jahre hinweg mit knapp einer Milliarde Franken fördern, will jede vierte diplomierte Pflegefachperson (20 Prozent) bei unveränderten Bedingungen nicht oder eher nicht im Beruf verbleiben. Bei Fachkräften der mittleren Qualifikationsstufe erwägt dies sogar jede vierte Person (25 Prozent).

Als Hauptgründe für die Abwanderungsgedanken identifiziert die Studie eine mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, begrenzte Aufstiegschancen, sich verschlechternde Arbeitsbedingungen sowie fehlende Anerkennung.

Teilzeitmodelle wirken sich laut der Untersuchung begünstigend auf den Verbleib im Beruf aus. Zudem verweisen Berichte der Weltgesundheitsorganisation darauf, dass skandinavische Länder hinsichtlich Arbeitsbedingungen, Wohlbefinden und Verbleibsabsichten besser aufgestellt sind.

Arbeitsgestaltung statt symbolischer Maßnahmen

Auf der MGMA-2026-Konferenz betonte Terra Bruns in einem Fachvortrag, dass Burnout primär das Resultat verfehlter Arbeitsgestaltung und nicht persönlicher Schwäche sei.

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Wie stark organisatorische Entscheidungen den Arbeitsalltag belasten können, illustriert ein Beispiel aus der Materialbeschaffung: Die Umstellung auf alternative Sterilisationskappen sparte einer Einrichtung zwar zwei Cent pro Stück und damit 250.000 US-Dollar im Jahr ein.

Allerdings mussten Pflegekräfte für die Bedienung beide Hände einsetzen und führten diesen Handgriff etwa 40-mal pro Schicht aus, was zu zusätzlichem Aufwand führte.

Eine Live-Umfrage unter den Konferenzteilnehmern offenbarte zugleich ein Defizit bei der Problembewältigung: Lediglich zwölf Prozent gaben an, dass ihre Einrichtungen mit strukturellen Änderungen an Arbeitsabläufen reagieren. Dagegen setzten 44 Prozent auf symbolische Aktionen wie Pizza-Partys, während 24 Prozent schlichtes Durchhalten von den Beschäftigten verlangten.

Als wirksame Gegenmaßnahmen wurden unter anderem die Einführung verbindlicher Arbeitslastgrenzen nach dem Prinzip einer Kapazitätsbegrenzung sowie kurze, gezielte Prüfungen von operativen Hürden direkt an der Arbeitsbasis angeregt.

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