Burnout weltweit: Sechs von zehn Beschäftigten sind betroffen
Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 17:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deInternationale Erhebungen und wissenschaftliche Analysen zeichnen ein deutliches Bild der psychischen Beanspruchung in der modernen Arbeitswelt: Sowohl Angestellte als auch Führungskräfte und Selbstständige leiden in erheblichem Maße unter Burnout und emotionalem Verschleiß. Fachleute betonen vor diesem Hintergrund vermehrt, wie entscheidend eine geschützte persönliche Lebenssphäre für die langfristige Leistungsfähigkeit und Gesundheit ist.
Führungskräfte und Selbstständige unter Druck
Die Überlastung betrifft Entscheidungsträger über Branchen und Landesgrenzen hinweg. Eine Untersuchung des Institut de Recerca de l'Hospital del Mar für die Fundación Pimec unter 962 Personen ergab, dass 52% der Unternehmer und Selbstständigen in Katalonien ein hohes Burnout-Niveau aufweisen.
Weitere 21% verzeichnen ein moderates und 23% ein leichtes Niveau, während lediglich 4% keine Anzeichen zeigen. Gemeinsam mit MGC Mútua und der Fundación Salud y Persona wurde ein Leitfaden für Unternehmer herausgegeben. Als zentrale Stressfaktoren im Handel gelten demnach Fehlzeiten, Bürokratie und der Generationenwechsel.
In Deutschland zeigt der Longevity-Leadership-Report der HanseMerkur ähnliche Belastungsmuster bei Führungskräften. Als größte Belastungsfaktoren gelten dort Personalmangel (42%), ständige Erreichbarkeit (33%) und eine hohe Arbeitsdichte (30%). Dies wirkt sich spürbar auf das Privatleben aus: Zu kurz kommen Schlaf (49%), Erholung (42%), Freundschaften (37%) und die Familie (33%). Vor allem in der Gruppe der 24- bis 49-Jährigen bemängeln 52% ein Defizit beim Schlaf, verglichen mit 37% bei den 50- bis 74-Jährigen.
Eine im August 2026 durchgeführte HanseMerkur-Befragung von 500 vollzeitbeschäftigten Führungskräften verdeutlicht zudem das Phänomen des Präsentismus: 67% gaben an, es falle ihnen leichter, auf das Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden zu achten als auf das eigene. Überdies arbeiten 53% weiter, obwohl sie sich nicht arbeitsfähig fühlen, und 60% empfinden ein schlechtes Gewissen bei einer Krankmeldung.
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In Frankreich belegt eine Erhebung von Adobe die Wechselwirkung zwischen Privatleben und Geschäftsbetrieb. In Toulouse bezeichneten 53% der befragten Führungskräfte persönliche Schwierigkeiten als Hauptfaktor für ihr Geschäft, gefolgt von Montpellier mit 44% und Bordeaux mit 39%.
Unter den dortigen Führungskräften verzeichneten 17% Umsatzverluste von über 10.000 Euro infolge privater Ablenkungen, 11% meldeten Ausfälle von über 100.000 Euro. Zudem berichteten 18% über Produktivitätsrückgänge und 17% über operative Effizienzverluste. Jeder zehnte Entscheider nannte Burnout im Team sowie die Kündigung von Schlüsselkräften als direkte Folge.
Globale Arbeitsbelastung und Risikogruppen
Die Belastung erstreckt sich über sämtliche Hierarchiestufen. Das Global Barometer 2026 der ManpowerGroup, für das 13.918 Beschäftigte in 19 Ländern befragt wurden, beziffert den Anteil der von Burnout Betroffenen auf sechs von zehn Beschäftigten.
Während der globale Index für das Wohlbefinden bei 64% und jener für die Arbeitszufriedenheit bei 62% lag, äußerten 43% die Sorge, in den kommenden zwei Jahren durch Automatisierung ersetzt zu werden. 64% der Befragten gaben an, trotz der Belastungen bei ihrem aktuellen Arbeitgeber bleiben zu wollen.
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Daten von Empreinte Humaine weisen darauf hin, dass unter 30-Jährige mit 60%, Angestellte mit 59% und Frauen mit 55% überdurchschnittlich stark von Burnout gefährdet sind.
Eine Befragung der schwedischen Gewerkschaft Handelsanställdas förbund unter Angestellten im kommerziellen und ideellen Bereich zeigte, dass fast die Hälfte die Arbeitslast als Problem ansieht. Nahezu jede zweite Person hat demnach täglich oder jeden zweiten Tag Schwierigkeiten, nach Feierabend gedanklich abzuschalten.
Strukturelle Ursachen und institutionelle Antworten
In der Fachwelt gilt Burnout zunehmend als Resultat unzureichender Rahmenbedingungen. Die Forscherin Christina Maslach von der Universität Berkeley hob hervor, dass Burnout keine persönliche Fehlfunktion darstelle, sondern eine Reaktion auf chronische Stressoren am Arbeitsplatz sei. Relevante Dimensionen betreffen Arbeitslast, Kontrolle, Anerkennung, Zugehörigkeit, faire Behandlung und Werteabgleich.
Nachdem die Weltgesundheitsorganisation Burnout 2019 im ICD-11 als rein berufliches Syndrom verankert hatte, verdeutlichen nationale Zahlen die Relevanz: Laut dem brasilianischen Ministerium für soziale Sicherheit stiegen die entsprechenden Krankschreibungen in Brasilien zwischen 2021 und 2025 um 823%.
Auch auf europäischer Ebene wächst der Druck auf den Gesetzgeber. Ein von der EU-Parlamentarierin Estelle Ceulemans initiierter und im Europäischen Parlament angenommener Bericht verweist darauf, dass die Belastung durch hohe Arbeitsintensität zwischen 2015 und 2021 von 27% auf 40% kletterte.
Zudem leide ein Drittel der europäischen Beschäftigten an arbeitsbedingten Angststörungen. Der Bericht fordert die offizielle Anerkennung von Burnout als Berufskrankheit, ein Recht auf Nichterreichbarkeit sowie Schutzmechanismen vor algorithmischer Überwachung.
Ergänzend dazu stellte Eurofound auf Basis der Europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen 2024 fest, dass 19% der Beschäftigten in der Europäischen Union einer Leistungsüberwachung durch Computerprogramme unterliegen. Diese Form des algorithmischen Managements korreliert am stärksten mit gesundheitlichen Einbußen und ist vor allem in den Bereichen Finanzen, Information sowie Transport und Logistik verbreitet.
