Psychiatrische, Fehldiagnosen

bvFTD: Psychiatrische Fehldiagnosen verzögern die Erkennung um bis zu sechs Jahre

Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 00:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Alzheimer, frontotemporale Demenz und Altersdepression zeigen unterschiedliche Muster; Fehldiagnosen können die Erkennung von FTD verzögern.
Ein glÀsernes Modell des menschlichen Gehirns auf einer dunklen HolzoberflÀche. Illustration mit AI erstellt.

VerĂ€nderungen des Charakters oder des Verhaltens im Alter werden im persönlichen Umfeld oft als normale Begleiterscheinung des Alterns missverstanden. Aktuelle BeitrĂ€ge mahnen jedoch zur Wachsamkeit: Plötzliche PersönlichkeitsverĂ€nderungen bei Ă€lteren Menschen dĂŒrfen nicht vorschnell abgetan werden, da sie als frĂŒhe Warnsignale fĂŒr fortschreitende neurodegenerative Erkrankungen dienen können.

Demenz stellt dabei kein einzelnes Krankheitsbild dar, sondern beschreibt ein syndromales Muster des kognitiven Abbaus, das unter anderem durch die Alzheimer-Krankheit, vaskulÀre SchÀdigungen oder eine frontotemporale Demenz (FTD) ausgelöst werden kann.

Differenzierung zwischen Alzheimer, FTD und Altersdepression

Pathologische Prozesse im Gehirn verlaufen oft ĂŒber Jahre unbemerkt, wĂ€hrend sich Proteine ablagern, Nervenzellen schrumpfen und synaptische Verbindungen verloren gehen. Die Neurologin Ivana CilingovĂĄ vom FakultĂ€tskrankenhaus Agel Skalica weist darauf hin, dass erste neuronale VerĂ€nderungen bei Alzheimer bereits Jahre vor messbaren GedĂ€chtnisproblemen einsetzen.

Als Warnzeichen gelten wiederholtes Vergessen, Orientierungsprobleme, Wortfindungsstörungen sowie VerÀnderungen der Stimmung und des Verhaltens, die den Alltag belasten. WÀhrend gewöhnliche Altersvergesslichkeit dadurch gekennzeichnet ist, dass sich Betroffene durch systematisches Nachdenken erinnern, gehen bei pathologischen Prozessen ganze GesprÀchsinhalte verloren.

Zu den Ursachen von Alzheimer könnten laut einer Studie der Stanford University im Fachjournal Nature Mechanismen der Fettaufnahme durch Hirnzellen gehören. Typisch fĂŒr Alzheimer sind Amyloid-Plaques außerhalb sowie Tau-Fibrillen innerhalb der Nervenzellen, wobei der Prozess meist im Hippocampus beginnt.

Wie die Neurologin Li Yirong von der Renai-Niederlassung des Taipei City Hospital erlĂ€utert, unterscheiden sich die Krankheitsbilder in ihrer anatomischen AusprĂ€gung. Bei Alzheimer manifestieren sich GewebsverĂ€nderungen frĂŒh im medialen Temporallappen und Hippocampus, weshalb GedĂ€chtnisverluste das Leitsymptom bilden.

Urteilsvermögen und die Deutung sozial-emotionaler Signale schwinden meist erst, wenn sich die SchĂ€den in den Frontallappen ausbreiten. Bei der frontotemporalen Demenz hingegen sind Frontal- und Temporallappen primĂ€r betroffen. Erste Anzeichen sind ein fehlendes VerstĂ€ndnis fĂŒr Humor, die UnfĂ€higkeit, Ironie zu begreifen, eine gereizte Grundstimmung sowie ein ĂŒbermĂ€ĂŸig direktes Auftreten.

Li Yirong hebt zudem die Abgrenzung zur Altersdepression hervor: WĂ€hrend depressive Verstimmungen auf einem Ungleichgewicht von Neurotransmittern beruhen und Betroffene ĂŒber ihr schlechtes GedĂ€chtnis klagen, neigen Menschen in frĂŒhen Demenzstadien dazu, kognitive Defizite zu leugnen.

Zur AbklĂ€rung dienen bildgebende Verfahren wie Computertomografie und Magnetresonanztomografie, um Tumoren, SchlaganfĂ€lle oder einen Hydrozephalus auszuschließen; in komplexen FĂ€llen kommt die Positronen-Emissions-Tomografie zum Einsatz.

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Hohe HĂŒrden in der Diagnostik und Fehlinterpretationen

Die Erkennung von FTD bleibt eine klinische Herausforderung. Nach Angaben der University of Michigan entfallen in den USA rund 5 Prozent aller DemenzfĂ€lle auf FTD, vor dem 45. Lebensjahr sind es etwa 10 Prozent. FachbeitrĂ€ge beziffern den Gesamtfeldanteil auf 5 bis 10 Prozent, wobei ĂŒberproportional hĂ€ufig Menschen in ihren Vierzigern und FĂŒnfzigern betroffen sind.

Da eindeutige frĂŒhe Biomarker fehlen und die FTD-Forschung im Vergleich zu Alzheimer deutlich geringer finanziert ist, werden gestörte Impulskontrolle und emotionale Abstumpfung regelmĂ€ĂŸig als psychiatrische Probleme fehldeutet.

Laut dem Fachjournal Brain erhĂ€lt etwa die HĂ€lfte der Betroffenen mit der Verhaltensvariante der FTD (bvFTD) zunĂ€chst eine psychiatrische Diagnose, was zu einer Verzögerung von fĂŒnf bis sechs Jahren fĂŒhrt.

Diese diagnostische Schnittmenge belegen wissenschaftliche Arbeiten: Eine Veröffentlichung in JAMA Psychiatry aus dem Jahr 2022 zeigte bei 41 Prozent der untersuchten Schizophrenie-Patienten ein bvFTD-Àhnliches Hirnmuster. Eine im April in Neuropsychopharmacology publizierte Studie an 76 Schizophrenie-Patienten ergab zudem, dass ein solches Muster mit niedrigeren Dopamin- und höheren Eisenwerten im Striatum einhergeht.

Dass auch jĂŒngere Patienten betroffen sein können, verdeutlicht ein Fallbericht des National Institute of Neurosciences & Hospital in Dhaka, der am 4. Oktober in den Oxford Medical Case Reports publiziert wurde. Ein Mann in Bangladesch zeigte ab einem Alter von 32 Jahren VerhaltensĂ€nderungen wie RĂŒckzug, Empathieverlust und Aggression.

Nach jahrelanger erfolgloser Behandlung gegen Schizophrenie mit PrÀparaten wie Amitriptylin, Clozapin, Aripiprazol und Valproat ergab ein MRT im Alter von 35 Jahren eine wahrscheinliche bvFTD mit deutlicher Atrophie des Frontal- und Temporallappens sowie des Hippocampus. Zuvor war ein CT fÀlschlicherweise als Hydrozephalus interpretiert worden.

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Zur rechtzeitigen Erkennung neurodegenerativer Prozesse empfehlen Fachleute umfassende kognitive, labormedizinische und bildgebende AbklĂ€rungen. Neben genetischen Faktoren und dem Alter spielen Lebensstilfaktoren eine zentrale Rolle: RegelmĂ€ĂŸige Bewegung, gesunde ErnĂ€hrung, geistige AktivitĂ€t, Nichtrauchen und soziale Kontakte gelten als wichtige prĂ€ventive Schutzfaktoren.

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