Cannabis-Therapie: Multiple-Sklerose-Patient soll 3.800 Euro selbst zahlen
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 08:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deSeit Juli 2026 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland keine Kosten mehr für medizinische Cannabisblüten. Grundlage für diesen Schritt ist das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, wie aus einem Bericht vom 20. Oktober 2026 hervorgeht.
Als therapeutischer Ersatz für die Betroffenen sind stattdessen orale Extrakte vorgesehen. Die Neuregelung verändert die Versorgungslage für Patientinnen und Patienten grundlegend, die auf Cannabinoide zur Linderung schwerer Erkrankungen angewiesen sind.
Finanzielle Belastung für Schmerz- und chronisch Kranke
Der Ausschluss der getrockneten Blüten aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen führt für Betroffene teils zu erheblichen Eigenanteilen. Dem Bericht vom 20. Oktober 2026 zufolge zahlte etwa ein Patient aus Emmendingen mit Epilepsie und ADHS zuvor monatlich über 1000 Euro für Cannabisblüten über die Kasse; nach den neuen Vorgaben muss er 135 Euro selbst tragen.
Bei anderen schweren Verläufen fällt die Belastung noch weitaus höher aus: Ein Multiple-Sklerose-Patient muss nach ärztlicher Verordnung 3.800 Euro für das Cannabis-Medikament aufbringen.
Parallel dazu zeichnen sich in Deutschland Anpassungen bei verschreibungspflichtigen Fertigarzneimitteln ab. Die Regierungsfraktionen haben das Quasimonopol des Cannabis-Arzneimittels Exilby des Münchner Herstellers Vertanical aufgehoben.
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Ein Vorrang gilt künftig nur noch für die zugelassene Indikation bestimmter chronischer Rückenschmerzen. Zudem entfällt die zuvor gesetzlich fixierte Therapieprobe von sechs Monaten, sodass nun der behandelnde Arzt über die Dauer entscheidet.
Vertanical-Chef Clemens Fischer hatte im Wahlkampf 2025 erhebliche Parteispenden an CDU, CSU, SPD und FDP gemeldet. Nachdem G-BA-Chef Josef Hecken im Sommer eine sechsmonatige Therapieprobe vorgeschlagen hatte, äußerte der Deutsche Hanfverband (DHV) die Vermutung einer wirtschaftlichen Einflussnahme, wobei kein tatsächlicher Zusammenhang festgestellt wurde.
DHV-Chef Georg Wurth bezeichnete Exilby bezogen auf den THC-Gehalt als das mit Abstand teuerste Cannabis-Medikament. Die Neuregelung wird unter anderem von KBV-Chef Andreas Gassen sowie Markus Grunenberg vom GKV-Spitzenverband unterstützt; eine abschließende Annahme durch den Bundestag stand zuletzt noch aus.
Restriktive Versorgungsmodelle in Großbritannien und Spanien
Auch im europäischen Ausland bleibt der Zugang zu erstattungsfähigen Cannabis-Therapien eng begrenzt. Im britischen Gesundheitssystem NHS blieben Daten zu Verschreibungen nicht autorisierter Cannabisprodukte mit Stand September 2026 unter Verschluss, da landesweit weniger als fünf Patienten diese erhalten.
Demgegenüber steht ein florierender privater Sektor: Im Jahr 2025 wurden in englischen Apotheken über 1,7 Millionen Cannabisprodukte über Privatrezepte abgegeben.
In Spanien hat das Unternehmen Curaleaf über seine Tochter Medalchemy in Alicante angekündigt, standardisierte Zubereitungen an rund 50 öffentliche und private Krankenhäuser zu liefern.
Die spanischen Vorgaben beschränken den Einsatz streng als Letztlinientherapie auf vier Indikationen: Spastik bei Multipler Sklerose, schwere refraktäre Epilepsie, Übelkeit und Erbrechen infolge einer Chemotherapie sowie refraktärer chronischer Schmerz.
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Die Verordnung darf ausschließlich durch Krankenhaus-Fachärzte wie Anästhesisten, Onkologen oder Neurologen erfolgen, während die Zubereitung und Abgabe Krankenhausapothekern vorbehalten ist.
Für Kinder und Jugendliche werden in Spanien CBD-dominierte Formeln empfohlen; Gegenanzeigen bestehen während Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei psychiatrischen Vorbelastungen wie Schizophrenie.
Curaleaf-Vertreter verwiesen darauf, dass die Finanzierung möglicherweise über die Budgets der öffentlichen Krankenhäuser erfolgt, da das zugrundeliegende Dekret keinen einheitlichen Mechanismus vorgibt. Laut der Behörde AEMPS ist für die Krankenhäuser keine zusätzliche Genehmigung erforderlich.
Internationale Lieferengpässe und regulatorische Verzögerungen
Wie fragil die Versorgungsketten bei Medizinalcannabis sind, zeigte sich Mitte Oktober 2026 in den Niederlanden: Nach der Insolvenz des Produzenten Bedrocan und der anschließenden Einstellung der Exporte durch das niederländische Office of Medicinal Cannabis droht Tausenden Patienten in Italien die Unterbrechung ihrer laufenden Behandlung. Verbände forderten daraufhin eine Liberalisierung der heimischen Produktion, um die Kontinuität der Therapien zu sichern.
In Frankreich wartet der durch Gesetz im Jahr 2024 geschaffene permanente Rahmen unter Artikel 78 noch auf die notwendigen Durchführungsdekrete und eine Stellungnahme der Gesundheitsbehörde HAS. Ein Dekretentwurf zur Erstattung liegt laut Augur Associates beim Conseil d'État; erste legale Verschreibungen werden Anfang 2027 erwartet.
Eine initiative der Abgeordneten Sandrine Rousseau von der Ökosozialen Gruppe, die über einen Änderungsantrag zum PLFSS 2027 neue zweijährige Experimente vorgeschlagen hatte, fand Mitte Oktober 2026 keine Zustimmung.
Whitney Economics beziffert das Marktpotenzial in Frankreich auf 8,3 Milliarden US-Dollar bei möglichen Einsparungen für das Gesundheitssystem von fast einer Milliarde US-Dollar.
Einer Norstat-Umfrage für APAISER S&C und L'Hemicycle zufolge befürworten 92 Prozent der Befragten eine Legalisierung von Cannabis-Medizin und 72 Prozent einen Zugang bei wissenschaftlich belegter Wirksamkeit; 82 Prozent sehen den eingeschränkten Zugang als problematisch an, während 11 Prozent die Wirksamkeit für zu unsicher halten.
Außerhalb Europas verlaufen Markteinführungen ebenfalls schleppend. In Marokko ist seit Inkrafttreten des Gesetzes 13.21 nach Angaben der Regulierungsbehörde ANRAC aus dem Jahr 2025 noch kein legales Cannabis-Medikament vermarktet worden. Zwar sind zwei Arzneimittel registriert, sie warten jedoch auf die AMM-Zulassung der AMMPS.
Bislang sind lediglich 71 Nahrungsergänzungsmittel und 70 Kosmetika auf Cannabisbasis über Hunderte Apotheken und wenige Verkaufsstellen registriert. Marktanalyst Abdelmajid Belaiche führt die marginale Verschreibungspraxis vor allem auf eine fehlende Ausbildung des medizinischen und pharmazeutischen Fachpersonals zurück.
