ChatGPT als Gesundheitsratgeber: Bei 200 Fragen nur 32 Prozent richtig
Veröffentlicht am: 06.11.2026 um 13:52 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine internationale Forschungsgruppe warnt vor gravierenden und bislang schwer erfassbaren Risiken durch die medizinische Nutzung von KI-Chatbots. In einem Fachbeitrag fĂŒr das Journal Nature Health betonen Wissenschaftler der Binghamton University, der Stanford University, der Texas A&M University und der Indiana University, dass gesundheitliche SchĂ€den infolge automatisierter Empfehlungen derzeit strukturell unsichtbar bleiben.
Weil die Dialoge auf den geschlossenen Servern der jeweiligen Betreiberfirmen verbleiben und zentrale Meldestellen fehlen, fehle dem medizinischen System bisher der systematische Einblick in Behandlungsfehler und Vergiftungen.
Dokumentierte Vergiftungen und fehlende Schnittstellen
Als Beleg fĂŒr die Gefahren fĂŒhren die Autoren unter anderem den Fall eines 60-jĂ€hrigen Mannes an. Dieser ersetzte nach Angaben von ChatGPT sein Speisesalz durch Natriumbromid. Die Folge war eine schwere BromidtoxizitĂ€t, die mit Halluzinationen sowie Paranoia einherging und eine Hospitalisierung erforderte. Die behandelnden Ărzte hatten dabei keinen Zugriff auf den vorangegangenen Chatverlauf.
In den Vereinigten Staaten war zudem die 31-jĂ€hrige Bowen Wan gestorben, nachdem sie ChatGPT zur Reduktion ihres Epilepsie-Medikaments konsultiert hatte. Ein Sprecher des Anbieters OpenAI bezeichnete diesen Vorfall als eine herzzerreiĂende Situation, die durch eine frĂŒhere Version der Anwendung verursacht worden sei.
Angesichts solcher ZwischenfĂ€lle verlangt das Autorenteam regulatorische Konsequenzen. Konkret fordern die Forschenden, dass Patientinnen und Patienten Zugriff auf ihre archivierten BeratungsgesprĂ€che erhalten mĂŒssen. Zudem seien ein zentrales Meldesystem, eine Kennzeichnungspflicht fĂŒr KI-generierte Gesundheitsinhalte, unabhĂ€ngige Evaluierungen sowie eine Ausweitung der Haftung auf die Anbieterunternehmen notwendig.
Massive Zunahme der Nutzung im Alltag
Die Warnungen treffen auf eine stark wachsende Alltagsnutzung. Laut einem Report von OpenAI aus dem Januar 2026 betreffen 5% aller weltweiten Anfragen an ChatGPT den Themenbereich Gesundheit.
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TĂ€glich richten 40 Mio. Menschen medizinische Fragen an das System, wobei ein Viertel der regelmĂ€Ăigen Anwender dies mindestens 1x pro Woche tut. Nach dem Start von ChatGPT Health im Januar 2026 stellten laut einer Analyse anonymisierter GesprĂ€che durch das Unternehmen weltweit ĂŒber 230 Mio. Menschen wöchentlich Gesundheitsfragen.
Auch europĂ€ische Erhebungen belegen den Trend. Dem CSS-Gesundheitsrapport zufolge nutzen 42% der Schweizer Bevölkerung KI-Chatbots zur Selbstdiagnose bei Symptomen, was einer Verdopplung gegenĂŒber dem Vorjahr entspricht; bei jungen Erwachsenen liegt die Quote bei 62%$.
Im 2. BaromĂštre Data & IA en santĂ© von Acsel und Toluna unter 1029 befragten Erwachsenen gaben 50% der Franzosen an, KI fĂŒr Gesundheitszwecke zu nutzen. Gleichzeitig gaben 91% von 273 befragten PflegekrĂ€ften an, die Technologie mindestens gelegentlich einzusetzen. Ein britischer Preprint aus dem Jahr 2026 ergab zudem, dass 52% der dortigen HausĂ€rzte generative KI in der klinischen Praxis anwenden.
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WidersprĂŒchliche Befunde zur DiagnosegĂŒte
Wissenschaftliche Untersuchungen zur VerlÀsslichkeit liefern uneinheitliche Ergebnisse. In einer iScience-Studie unter Beteiligung der Binghamton University lag die Genauigkeit von ChatGPT bei Krankheitsbegriffen zwischen 88-97%, bei Arzneimittelnamen bei 90-91% und im Bereich Genetik bei 88-98%.
Die Quote bei der Symptomidentifikation betrug jedoch lediglich 49-61%, wÀhrend das Modell GenBank-Accession-Nummern erfand. Der Studienleiter Ahmed Abdeen Hamed hatte zuvor maximal 25% Genauigkeit erwartet.
Eine Studie der Humanitas University im European Journal of Pathology stellte fest, dass ChatGPT bei 200 klinischen Fragestellungen nur in 32% der FĂ€lle korrekt lag; 17,8% der zitierten Quellen existierten gar nicht.
Im Gegensatz dazu erzielte ein spezialisierter ChatGPT-Chatbot im FrĂŒhling 2025 in einer chinesischen Studie in Nature Health unter 2400 Laien bei simulierten Atemwegserkrankungen 81,2% richtige Diagnosen gegenĂŒber 54,5% bei einer Websuche.
In einer Science-Studie vom Oktober 2026 durch Microsoft-affiliierte Forscher erreichte das System MAI-DxO mit GPT-5 auf 304 NEJM-FĂ€llen eine Genauigkeit von 83,2% gegenĂŒber 36,1% bei HausĂ€rzten, basierte jedoch auf rein schriftlichen Szenarien.
In der Praxis zeigte sich bisher kein statistisch belegter Mehrwert bei Patientenkontakten. Bei einer im Juni 2026 durchgefĂŒhrten cluster-randomisierten Studie in 16 kenianischen Einrichtungen mit 103 Clinical Officers und 9.347 Patientenkontakten lag das Behandlungsversagen mit KI bei 2,2% gegenĂŒber 2,0% in der Kontrollgruppe.
Ebenso ergab eine britische Studie in Nature Medicine vom Februar 2026 mit 1.298 Teilnehmenden, dass Anwender von drei Sprachmodellen bei der Erkennung von Krankheiten nicht besser abschnitten als die Kontrollgruppe.
Der Experte Hrvoje Bogunovi? von der Medizinischen UniversitĂ€t Wien betonte, dass Sprachmodelle bei hĂ€ufigen Krankheitsbildern zuverlĂ€ssig agieren, bei seltenen Erkrankungen jedoch fehleranfĂ€lliger seien; Antworten mĂŒssten daher stets ĂŒberprĂŒft werden.
WĂ€hrend OpenAI Diagnose und Behandlung in den eigenen Nutzungsbedingungen formell ausschlieĂt und Institutionen wie die französische HAS die Notwendigkeit Ă€rztlicher Diagnosen unterstreichen, regelt der EU AI Act primĂ€r risikobehaftete klinische Systeme und lĂ€sst die allgemeine Nutzung generalistischer Modelle im Alltag weitgehend unberĂŒcksichtigt.
