Chronische Insomnie: Studie zeigt 26 Prozent höheres Schlaganfallrisiko
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 23:56 Uhr | Redaktion boerse-global.deSchlafexperten warnen vor den weitreichenden Konsequenzen von chronischem Schlafmangel für die geistige Leistungsfähigkeit. Ein dauerhaftes Defizit beeinträchtigt im beruflichen Alltag nicht nur die Konzentrationsfähigkeit und Kreativität, sondern erhöht zugleich die Fehleranfälligkeit und schwächt die allgemeine Fahrtüchtigkeit erheblich.
Fatale Fehleinschätzung im Berufsalltag
Die Schlafpsychologin Roser Gort weist darauf hin, dass bei Schlafmangel zunächst der Charakter leide. Betroffene zeigten weniger Geduld und eine höhere Impulsivität, bevor sich die Ausfälle im Gedächtnis bemerkbar machten.
Da das Kurzzeitgedächtnis erst während des Schlafs in das Langzeitgedächtnis überführt werde, störe ein Schlafmanko diesen Transfer maßgeblich. Dabei dominiere in der ersten Nachthälfte der Tiefschlaf, welcher der körperlichen Regeneration und Hirnreinigung diene, während in der zweiten Hälfte der REM-Schlaf für die Emotionsverarbeitung und Gedächtnisfixierung sorge.
Eine Kernwarnung der Expertin betrifft die Selbstwahrnehmung: Der tatsächliche Leistungsabfall übersteige das eigene Empfinden deutlich und sei mit den Effekten von Alkohol am Steuer vergleichbar.
Dass Schlafmangel weit verbreitet ist, verdeutlichte der Longevity Leadership Report der HanseMerkur basierend auf einer Ipsos-Umfrage unter 500 Vollzeit-Führungskräften in Deutschland vom 13. bis zum 24. August 2026. Demnach schliefen 52 Prozent der 24- bis 49-Jährigen sowie 37 Prozent der 50- bis 74-Jährigen zu kurz. Als empfohlene Untergrenze gelten mindestens sieben Stunden Schlaf.
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Unterschätzte Risiken auf der Straße
Die Diskrepanz zwischen Selbstbild und tatsächlicher Leistungsfähigkeit birgt im Straßenverkehr lebensgefährliche Gefahren. Nach Berechnungen von DEKRA-Unfallforscher Markus Egelhaaf bedeutet eine Sekunde Sekundenschlaf bei einer Geschwindigkeit von 120 km/h mehr als 33 Meter Blindflug; bei drei Sekunden summiert sich die Strecke auf rund 100 Meter.
Nach Angaben des ADAC-Experten Frederik Sperber stellt Müdigkeit am Steuer eine akute Gefahr dar, weshalb Warnzeichen für Sekundenschlaf unbedingt ernst genommen werden müssten.
Dass Übermüdung keine Bagatelle ist, belegt die amtliche Unfallstatistik des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2023. Demnach war Übermüdung die Ursache für 1.902 Verkehrsunfälle mit Personenschaden in Deutschland, bei denen 3.010 Menschen verletzt wurden und 42 Personen starben. Hinzu kamen 1.456 Unfälle mit schwerem Sachschaden, wobei Fachleute von einer deutlich höheren Dunkelziffer ausgehen.
Auf einem verkehrsmedizinischen Symposium von AMKO und ÖAMTC wurde zudem betont, dass auch Schlafmittel die Aufmerksamkeit am Folgetag reduzieren können und Ablenkung bei 50 km/h rund 42 Meter in drei Sekunden bedeute. Der ÖAMTC verweist hierzu auf freiwillige Fahr-Fitness-Checks ohne Meldung an Behörden.
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Auch juristisch wird das Ignorieren von Müdigkeit streng bewertet: Das Landgericht Osnabrück stellte fest, dass ein gesunder Mensch nicht plötzlich ohne Vorzeichen einschlafe. Übermüdungssignale seien wahrnehmbar und das Weiterfahren grob fahrlässig, da die Verkehrssicherheit stets Vorrang vor beruflichen Nachteilen habe.
Kognitive Folgen und gesundheitliche Risiken
Erwachsenen empfiehlt die National Sleep Foundation laut AOK Schweinfurt sieben bis neun Stunden Schlaf pro Nacht, wobei Qualität und Erholungsempfinden maßgeblich seien. Anhaltender Schlafmangel erhöhe das Risiko für Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Der Neurologe Conrado Estol hält eine Schlafeffizienz von mindestens 85 Prozent für erstrebenswert. Wer regelmäßig in weniger als fünf Minuten einschlafe, weise womöglich ein erhebliches Schlafdefizit auf; gewöhnlich seien zehn bis 15 Minuten. Zudem verwies Estol auf einen Zusammenhang zwischen Schlafmangel und einer möglichen Verdopplung des späteren Demenzrisikos.
Eine internationale Übersichtsstudie im Fachjournal Sleep Medicine Reviews unter Beteiligung der MedUni Wien zeigte anhand von Daten von über 1,3 Millionen Menschen, dass chronische Insomnie mit einem um 26 Prozent höheren Schlaganfallrisiko und einem um 28 Prozent höheren Risiko für Krankenhausaufenthalte einhergeht.
Rund 22 Prozent der Erwachsenen litten darunter, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Stefan Seidel von der MedUni Wien forderte daher, das Thema Schlaf stärker in die Gesundheitsförderung einzubinden.
