Chronische, Schmerzen

Chronische Schmerzen: Bei ĂŒber 60 Prozent steckt auch Nervenschmerz dahinter

Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 19:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Nervenschmerzen beeintrĂ€chtigen Alltag und LebensqualitĂ€t; Fachleute betonen frĂŒhe Diagnostik und eine Behandlung mit mehreren AnsĂ€tzen.
Ein steriler, leerer Untersuchungsraum in einer Klinik mit sanftem, schattigem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Bei mehr als 60 Prozent der Patienten mit chronischen Schmerzen liegt eine neuropathische Komponente vor. Dies betonen medizinische Fachleute und verweisen auf die erheblichen Herausforderungen, die sich daraus fĂŒr die klinische Einordnung und die Therapie ergeben.

Laut Dr. Montserrat GonzĂĄlez Platas von der Spanischen Gesellschaft fĂŒr Neurologie (Sociedad Española de Neurologie, SEN) betrifft diese Nervenschmerzbeteiligung einen Großteil der chronischen Schmerzpatienten, was prĂ€zise diagnostische Schritte erforderlich macht.

Nach Angaben der International Association for the Study of Pain (IASP) sind weltweit 7 bis 10 Prozent der Bevölkerung von neuropathischen Schmerzen betroffen. Die Organisation rief das Jahr 2026 zum Weltjahr des neuropathischen Schmerzes aus, um das Bewusstsein fĂŒr diese Problematik zu stĂ€rken.

Neuropathischer Schmerz entsteht durch LĂ€sionen oder Erkrankungen des Nervensystems, beispielsweise in Folge von Diabetes, nach einer Herpes-Zoster-Infektion oder durch Nervenwurzelkompressionen. Typische Symptome Ă€ußern sich in Brennen, stechenden elektrischen Entladungen, Kribbeln oder TaubheitsgefĂŒhlen.

Lange Diagnosewege und hohe Belastung fĂŒr Betroffene

Die Versorgungssituation ist in vielen Gesundheitssystemen von Verzögerungen geprÀgt. In Spanien leben mehr als 3 Millionen Menschen mit neuropathischem Schmerz, wobei jÀhrlich rund 400.000 Neudiagnosen verzeichnet werden.

Rund 60 Prozent der Betroffenen warten dort zwei Jahre oder lÀnger auf eine gesicherte Diagnose. Gleichzeitig entfallen in Spanien 50 Prozent der Konsultationen in Hausarztpraxen auf SchmerzzustÀnde allgemein, und ein Viertel dieser schmerzbezogenen Besuche betrifft neuropathische Schmerzen.

Insgesamt leiden in Spanien mehr als 30 Prozent der Gesamtbevölkerung an Schmerzen, vor allem im Alter zwischen 45 und 54 Jahren sowie zu 60 Prozent Frauen. 18 Prozent weisen chronische Schmerzen mit einer Dauer von mehr als drei Monaten auf, und mehr als 5 Prozent haben tÀglich Schmerzen. Neuropathische Schmerzen treten besonders hÀufig ab einem Alter von 55 Jahren und verstÀrkt bei Frauen auf.

Die BeeintrĂ€chtigung durch Nervenschmerzen ist gravierend: 85 Prozent der Betroffenen berichten ĂŒber signifikante Einbußen ihrer LebensqualitĂ€t. Bei 65 Prozent fĂŒhrt die Erkrankung zu EinschrĂ€nkungen im Alltag, wĂ€hrend 40 Prozent seit mehr als fĂŒnf Jahren darunter leiden. Hinzu kommen hĂ€ufige Begleitsymptome:
- 60 Prozent der Patienten leiden unter Schlafstörungen,
- 40 Prozent berichten ĂŒber Fatigue,
- 34 Prozent entwickeln eine Depression und
- 25 Prozent kÀmpfen mit AngstzustÀnden.

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Multimodale Therapie und technologische AnsÀtze

Trotz verfĂŒgbarer Therapien erreichen weniger als 60 Prozent der Patienten mit aktuellen Medikamenten eine ausreichende Schmerzlinderung. Die IASP-Leitlinie unterstreicht, dass kein einzelner Test eine eingehende Anamnese und körperliche Untersuchung ersetzen kann.

Eine wirksame Behandlung stĂŒtzt sich neben Medikamenten auf Physiotherapie, Rehabilitation und psychologische UnterstĂŒtzung. Das therapeutische Ziel besteht nicht allein in der Schmerzreduktion, sondern vor allem in der Verbesserung von Schlaf, AlltagsaktivitĂ€t und sozialer Teilhabe.

FachĂ€rzte weisen darauf hin, dass Schmerzen sich dennoch in 75 bis 80 Prozent der FĂ€lle lindern lassen, wobei es fĂŒr Schmerztherapien kein Alterslimit gebe. In Schmerzzentren dominieren osteoartikulĂ€re Leiden wie Zervikalgien, Lumbalgien oder Knie- und HĂŒftarthrosen, gefolgt von neuropathischen Schmerzen, die zusammen rund 90 Prozent der klinischen AktivitĂ€t ausmachen.

Prof. Paolo Notaro, Direktor der Schmerztherapie am MailĂ€nder Großkrankenhaus Niguarda, stuft chronischen Schmerz als eigenstĂ€ndige klinische Erkrankung ein, die von neurobiologischen, psychologischen und sozialen Faktoren geprĂ€gt wird.

Zentrale Sensibilisierung und neuronale PlastizitĂ€t können das Schmerzempfinden auch dann aufrechterhalten, wenn die ursprĂŒngliche GewebeschĂ€digung abgeklungen ist. Am Niguarda, dem Hub-Zentrum des regionalen Netzwerks, kommen neben medikamentösen und psychologischen Konzepten auch RĂŒckenmark- und periphere Neurostimulation sowie implantierbare Medikamentenpumpen zum Einsatz.

Zwar garantiert das italienische Gesetz Legge 38/2010 das Recht auf Schmerztherapie, die praktische Umsetzung bleibt nach EinschÀtzung von Notaro jedoch unzureichend.

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Neue Erkenntnisse aus Labor und Praxis

Auch die experimentelle Forschung liefert neue Ansatzpunkte zum VerstĂ€ndnis chronischer Schmerzen. Eine an der Boston University durchgefĂŒhrte und in Science Signaling erschienene Studie identifizierte das Protein RGS4 in dorsalen Wurzelganglien als zentralen Faktor bei der Schmerzaufrechterhaltung.

In Mausmodellen fĂŒhrten EntzĂŒndungen, Chemotherapie oder NervenschĂ€den zu einem Anstieg der Rgs4-Expression. Das Protein schwĂ€cht ĂŒber eine Kompetition mit dem Protein GINIP die hemmende Wirkung von GABAB-Rezeptoren.

Ein gezielter Knockout von Rgs4 linderte die Überempfindlichkeit bei den Tieren, ohne die normale Reaktion auf akute Schmerzen zu beeintrĂ€chtigen. RGS4 wird auch in menschlichem Nervengewebe exprimiert.

FĂŒr lokal begrenzte Schmerzen bieten topische Anwendungen wie 5-prozentige Lidocain-Pflaster bei postherpetischer Neuralgie eine Kombination aus pharmakologischer Natriumkanal-Blockade und einem physikalischen Schutz vor BerĂŒhrungsreizen (Allodynie).

Eine in Frontiers in Pain Research publizierte Untersuchung US-amerikanischer Patientendaten zu sensibler Haut zeigte zudem, dass sensorische Störungen wie ParÀsthesien und AnÀsthesien mit zunehmendem Alter stark ansteigen und bei 68 Prozent der erfassten FÀlle zunÀchst unbehandelt blieben.

Die KomplexitĂ€t neuropathischer Schmerzkomponenten erfordert daher eine frĂŒhzeitige interdisziplinĂ€re Diagnostik, um Fehlbehandlungen zu vermeiden und die LebensqualitĂ€t chronisch Schmerzkranker langfristig zu sichern.

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