Chronische, Schmerzen

Chronische Schmerzen: Sieben Strategien können Betroffenen im Alltag helfen

Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 06:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Fachleute erlĂ€utern psychische und körperliche ZusammenhĂ€nge und stellen Strategien sowie Therapieformen fĂŒr den Umgang mit chronischen Schmerzen vor.

Chronische Schmerzen: Wie Psyche und Alltag die Beschwerden beeinflussen
Ein ruhiger, minimalistischer Raum mit sanftem Tageslicht, der eine AtmosphÀre der Stille und Reflexion vermittelt. Illustration mit AI erstellt.

Wenn Schmerzen dauerhaft anhalten, verlieren sie hĂ€ufig ihre reine Warnfunktion und entwickeln eine eigene Dynamik. Mehrere fachliche Ratgeber und Experten aus der Schmerzforschung beleuchten, wie eng Gedanken, Stimmungen und persönliche Erwartungen mit der Entstehung sowie der BewĂ€ltigung chronischer Beschwerden verknĂŒpft sind. An der Schnittstelle von Psychologie und Medizin zeigen sich Mechanismen, die Betroffenen neue AnsĂ€tze zur Linderung eröffnen können.

Schmerz als eigenstÀndiges Krankheitsbild

In der medizinischen Praxis gilt ein Schmerz als chronisch, sobald er fortdauernd lĂ€nger als drei Monate besteht, wie Ulrike Kaiser, Psychologische Psychotherapeutin am UniversitĂ€tsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in LĂŒbeck, erlĂ€utert.

Prof. Christiane Hermann von der Justus-Liebig-UniversitĂ€t Gießen betont in diesem Zusammenhang, dass bei chronischem Schmerz die Empfindung selbst zur Krankheit wird und nicht mehr bloß ein Symptom einer vorĂŒbergehenden SchĂ€digung darstellt.

Die Belastungen reichen dabei weit ĂŒber die körperliche Wahrnehmung hinaus. Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft zufolge leiden bis zu 80 Prozent der Patienten mit chronischen Schmerzen unter Schlafstörungen. Dieser Schlafmangel kann den Teufelskreis aus Erschöpfung und erhöhter Empfindlichkeit weiter verstĂ€rken.

Die Wechselwirkung zwischen Gehirn, GefĂŒhlen und Körper

Erkenntnisse aus der Schmerzforschung verdeutlichen, dass das Gehirn Schmerzsignale keineswegs passiv registriert. Vielmehr bewertet es eingehende Reize aktiv anhand von Vorerfahrungen, aktuellen Erwartungen und emotionalen ZustÀnden. Dauerhafter Stress hebt das Schmerzempfinden messbar an.

Auch psychische Faktoren wie das sogenannte Katastrophisieren – das wiederholte BefĂŒrchten des Schlimmsten – können Beschwerden, beispielsweise im Bereich des RĂŒckens, spĂŒrbar verstĂ€rken. Zudem verstĂ€rken depressive Verstimmungen die Schmerzwahrnehmung, wĂ€hrend Schon- und Vermeidungsverhalten auf Dauer zu Muskelabbau und weiteren funktionellen EinschrĂ€nkungen fĂŒhren kann.

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Auch RatgeberansĂ€tze heben hervor, dass körperliche Schmerzen durch inneren geistigen Widerstand hĂ€ufig zusĂ€tzliches Leiden erzeugen. Eine mitfĂŒhlende, beobachtende Haltung gegenĂŒber den Beschwerden könne verhindern, dass sich Schmerz im Geist zu weiterem Leiden auswĂ€chst – wobei akute Ursachen, etwa bei Zahnschmerzen, stets zahnĂ€rztlich behandelt werden mĂŒssen.

Zudem wird als Übung beschrieben, den Schmerz zunĂ€chst wertfrei zu erforschen, dessen Beschaffenheit wie Druck, Pochen oder Ziehen sowie VerĂ€nderungen bei der Atmung zu registrieren und die Aufmerksamkeit anschließend bewusst auf neutrale oder angenehme Körperbereiche zu richten, um das Wahrnehmungsfeld wieder zu erweitern.

Strategien im Alltag und strukturierte Hilfen

FĂŒr den Alltag formulieren Fachleute konkrete Hilfestellungen. Ulrike Kaiser nennt sieben zentrale Strategien: das Ersetzen negativer Gedankenmuster, Achtsamkeit und das wertfreie Akzeptieren des Zustands, regelmĂ€ĂŸige Bewegung, gezielte Entspannung, die Pflege des eigenen Selbstwerts, das Orientieren an Vorbildern sowie die Schmerzpsychotherapie und interdisziplinĂ€re Behandlungen.

Beim Einsatz von Selbstbeobachtungsinstrumenten plĂ€diert Kaiser, die auch dem PrĂ€sidium der Deutschen Schmerzgesellschaft angehört, fĂŒr ein AktivitĂ€ten- und Befindlichkeits-Tagebuch anstelle eines reinen Schmerztagebuchs.

Das Erfassen von AktivitĂ€ten, Stimmungen, SchmerzstĂ€rken und typischen GedankengĂ€ngen sei fĂŒr Betroffene motivierender und helfe dabei, persönliche Auslöser und ZusammenhĂ€nge zwischen Alltagsgestaltung und Beschwerden aufzudecken.

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Eine solche Dokumentation solle jedoch kein Dauerprojekt werden. Um eine einseitige Fokussierung auf den Schmerz ohne therapeutischen Nutzen zu vermeiden, empfehle sich eine Begrenzung auf vier bis sechs Wochen mit einer klaren Zielsetzung, etwa zu Beginn einer Behandlung.

Neben Einzeltherapien bieten auch Gruppenformate UnterstĂŒtzung. Prof. Petra Beschoner, FachĂ€rztin fĂŒr Psychiatrie und Psychosomatik sowie Ă€rztliche Leiterin der Akutklinik Bad Saulgau, weist darauf hin, dass eine Gruppentherapie durch das Erleben von Akzeptanz und den Austausch mit anderen Betroffenen stark entlasten kann.

Die Erfahrung, mit den Problemen nicht allein zu sein, kombiniert mit RĂŒckmeldungen aus der Gruppe, diene oft als praktisches Übungsfeld fĂŒr den Alltag. Metaanalysen zeigen fĂŒr einzelne Störungsbilder eine vergleichbare Wirksamkeit von Gruppen- und Einzeltherapien, wobei sich beide Formen nach individuellem UnterstĂŒtzungsbedarf und Krankheitsbild auch kombinieren lassen.

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