CRISPR-Therapie an der Charité: 19-JÀhriger ist ohne Bluttransfusionen
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 17:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die klinische Anwendung der Genom-Editierung hat die regulĂ€re Krankenversorgung in Deutschland erreicht. An der CharitĂ© Berlin erhielt am 28. Mai 2026 erstmals ein Patient auĂerhalb klinischer Studien eine Standardbehandlung mit dem CRISPR-basierten Gentherapeutikum Exagamglogene Autotemcel (Exa-cel/Casgevy).
Bei dem 19-jĂ€hrigen Patienten Mohammad, der an einer schweren Form der Beta-ThalassĂ€mie leidet, wurden ĂŒber 900 Mio. genetisch verĂ€nderte eigene Blutstammzellen infundiert. Bei der Infusion war die CRISPR-Mitentdeckerin und NobelpreistrĂ€gerin Emmanuelle Charpentier anwesend. Die CharitĂ© ist das erste fĂŒr dieses Verfahren qualifizierte Zentrum in Deutschland.
Wirkmechanismus und klinischer Verlauf
Das Therapieverfahren zielt direkt auf die genetische Ursache der Blutbildungsstörung ab. Mittels CRISPR/Cas9 wird der Steuerbereich des BCL11A-Gens gezielt modifiziert, was die Bildung von Gamma-Globin beziehungsweise fötalem HĂ€moglobin reaktiviert. Der gesamte Behandlungszyklus des Patienten erstreckte sich ĂŒber einen Zeitraum von rund 12 Monaten.
Bereits im Juni 2026, innerhalb von rund 40 Tagen nach der Infusion, setzte die körpereigene HÀmoglobinbildung ein. Mittlerweile hat sich das Immunsystem regeneriert, und der Gesamt-HÀmoglobinwert liegt im Normbereich, wobei fötales HÀmoglobin rund 85% des Gesamtwerts ausmacht.
Die vollstÀndige HÀmoglobinproduktion wird nach etwa einem halben Jahr erwartet. Im September 2026, vier Monate nach der Verabreichung, waren keine Bluttransfusionen mehr erforderlich, und dem Patienten ist ein normaler Alltag möglich.
Zulassung und therapeutischer Rahmen
Die schwere Beta-ThalassĂ€mie ist eine lebensbedrohliche Erbkrankheit. Ohne gezielte Behandlung fĂŒhrt sie hĂ€ufig bereits im Kleinkindalter zum Tod; Betroffene sind lebenslang alle 3 Wochen auf Bluttransfusionen angewiesen. Weltweit kommen jĂ€hrlich rund 60.000 Kinder mit schwerer Beta-ThalassĂ€mie auf die Welt. Klassische allogene Stammzelltransplantationen galten in der Vergangenheit primĂ€r bis zum 14. Lebensjahr als Behandlungsoption.
Seit Ende Mai 2026 wird die CRISPR-Gentherapie bei schwerer Beta-ThalassĂ€mie erstmals in Deutschland regulĂ€r und nicht mehr nur im Rahmen von Studien verabreicht. FĂŒr betroffene Familien heiĂt das: Es gibt jetzt einen konkreten Weg zur KostenĂŒbernahme â aber er fĂŒhrt ĂŒber einen Einzelfallantrag bei der Krankenkasse und ein spezialisiertes Zentrum. Unser kostenloser Leitfaden zeigt Ihnen Schritt fĂŒr Schritt, wie Sie diesen Antrag stellen und welche Unterlagen Sie dafĂŒr brauchen. Kostenlosen Leitfaden jetzt anfordern
Das von Crispr Therapeutics und Vertex Pharmaceuticals entwickelte PrĂ€parat Exa-cel besitzt seit 2024 eine bedingte Zulassung in der EuropĂ€ischen Union fĂŒr transfusionsabhĂ€ngige Beta-ThalassĂ€mie sowie schwere Sichelzellkrankheit bei bestimmten Patienten ab 12 Jahren. Die Verabreichung ist an spezialisierte Zentren gebunden. Gesetzliche Krankenkassen ĂŒbernehmen die Behandlungskosten auf Basis von EinzelfallantrĂ€gen.
Studienlage, Risiken und bestehende BehandlungsansÀtze
Die Zulassung stĂŒtzt sich auf klinische PrĂŒfungen. In der Phase-3-Studie CLIMB THAL-111 unter Leitung von Prof. Franco Locatelli am IRCCS Ospedale Pediatrico Bambino GesĂč blieben 32 von 35 auswertbaren Teilnehmern aus einer Kohorte von 52 Patienten im Alter von 12 bis 35 Jahren fĂŒr mindestens 12 Monate transfusionsfrei, was einer Quote von 91% entspricht. Eine Folgeanalyse im Jahr 2026 wies fĂŒr 55 von 56 teilnehmenden Personen eine mindestens zwölfmonatige Transfusionsfreiheit aus.
Trotz der Erfolge ist das Verfahren mit erheblichen Belastungen verbunden. Zur Vorbereitung ist eine zytostatische Chemokonditionierung notwendig. Zu den dokumentierten Nebenwirkungen gehören SchleimhautentzĂŒndungen, LeberschĂ€den und eine wahrscheinliche Unfruchtbarkeit.
Aufgrund der bedingten EU-Zulassung ist eine 15-jÀhrige Nachbeobachtungsphase vorgeschrieben, da umfassende Langzeitdaten zur Sicherheit und Dauerhaftigkeit der Genkorrektur noch ausstehen.
Alle drei Wochen zur Transfusion, ein Leben lang â viele Familien fragen sich, ob die neue Gentherapie diesen Rhythmus beenden kann. Die Behandlung ist mit einer vorbereitenden Chemotherapie verbunden, die SchleimhautentzĂŒndungen, LeberschĂ€den und eine wahrscheinliche Unfruchtbarkeit verursachen kann; Langzeitdaten fehlen, eine 15-jĂ€hrige Nachbeobachtung ist vorgeschrieben. Unsere Checkliste stellt Gentherapie und Stammzelltransplantation sachlich gegenĂŒber, damit Sie die Risiken fĂŒr Ihr Kind richtig einordnen können. Vergleichs-Checkliste jetzt herunterladen
Zudem existieren etablierte Transplantationsverfahren als therapeutischer VergleichsmaĂstab. An der UniversitĂ€tsklinik Regensburg behandelte Selim Corbacioglu bereits 2019 weltweit erstmals eine Patientin erfolgreich mit CRISPR-modifizierten körpereigenen Blutstammzellen.
Die UniversitĂ€tsklinik Regensburg fungiert als Referenzzentrum fĂŒr Beta-ThalassĂ€mie und SichelzellenanĂ€mie und fĂŒhrt seit 2012 Stammzelltransplantationen durch, die mit 200.000 bis 300.000 Euro rund ein Zehntel der bis zu 3 Mio. Euro teuren CRISPR-Therapie kosten. Zudem sind Stammzelltransplantationen nach Angaben von Corbacioglu auch bei Patienten ĂŒber 14 Jahren bis zu einem Alter von 45 Jahren möglich.
