Cycle-Syncing: BMJ-Analyse findet kaum Belege fĂŒr Training nach Zyklusphasen
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 14:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Digitale Gesundheits- und Fitnessanwendungen versprechen zunehmend maĂgeschneiderte Empfehlungen fĂŒr den Alltag, stoĂen aus wissenschaftlicher Sicht jedoch regelmĂ€Ăig an Grenzen.
Eine Analyse im Fachmagazin The BMJ unter Leitung von Katharine M N Lee vom 30. September 2026 zeigt, dass die wissenschaftliche Grundlage fĂŒr das sogenannte Cycle-Syncing â das Anpassen von Training und ErnĂ€hrung an den Menstruationszyklus â ausgesprochen schwach ist.
Eine jahrzehntelange sportwissenschaftliche Forschung liefert demnach keine Belege fĂŒr einen generalisierbaren Effekt bestimmter Zyklusphasen auf die körperliche LeistungsfĂ€higkeit, das Verletzungsrisiko oder den allgemeinen Gesundheitszustand. Etwaige EinflĂŒsse seien stattdessen gering und individuell sehr unterschiedlich ausgeprĂ€gt.
Ungenaue Zyklusphasen und wachsende Datenschutzrisiken
Menstruations-Apps werben in sozialen Medien verstĂ€rkt mit RatschlĂ€gen zu Bewegung und ErnĂ€hrung, die auf der rechnerisch geschĂ€tzten Phase basieren. Laut der BMJ-Analyse sind derartige PhasenschĂ€tzungen jedoch unzuverlĂ€ssig: Der genaue Zeitpunkt des Eisprungs variiert, zudem treten regelmĂ€Ăig anovulatorische Zyklen auf.
Da die Hormonspiegel von Person zu Person sowie von Zyklus zu Zyklus stark schwanken, lassen SchĂ€tzwerte kaum RĂŒckschlĂŒsse auf das tatsĂ€chliche hormonelle Profil zu.
Gleichzeitig verweist die Analyse auf erhebliche Datenschutzprobleme. Zahlreiche Anwendungen erfassen sensible Gesundheitsdaten und geben diese mitunter an Dritte weiter.
Als historische PrĂ€zedenzfĂ€lle nennt der Bericht einen Vergleich der US-Handelsbehörde FTC aus dem Jahr 2021 mit dem Anbieter Flo Health wegen der Ăbermittlung intimer Angaben an Analytics-Unternehmen sowie eine FTC-Klage aus dem Jahr 2023 gegen Easy Healthcare (Premom) bezĂŒglich der Weitergabe von Daten an Google und Marketingfirmen. In LĂ€ndern mit restriktiven Abtreibungsverboten stellt die Speicherung solcher Angaben zudem ein Sicherheitsrisiko fĂŒr schwangere Nutzerinnen dar.
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Grenzen bei Messgenauigkeit und Sensorik
Die Diskrepanz zwischen algorithmischen Modellrechnungen und tatsÀchlichen physiologischen Werten betrifft den gesamten Markt digitaler Gesundheitshelfer.
Sportwissenschaftler Lars Donath von der Deutschen Sporthochschule Köln betont, dass keineswegs jede Messung moderner Fitness- und Gesundheitsuhren prĂ€zise ausfalle und die GerĂ€te keine Ă€rztliche Diagnostik ersetzen könnten, auch wenn die Trendbeobachtung ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume nĂŒtzlich sein könne.
Besonders fehleranfÀllig bleibt die Erfassung des Energieverbrauchs:
- Eine von der Stanford University gefĂŒhrte Studie aus dem Jahr 2017 an sieben GerĂ€ten stellte zwar brauchbare Pulsmessungen fest, wies beim Kalorienverbrauch jedoch Abweichungen zwischen rund 27 Prozent beim besten und ĂŒber 90 Prozent beim ungenauesten Tracker nach.
- Eine Untersuchung im Journal of Personalized Medicine mit 60 Freiwilligen zeigte fĂŒr die Apple Watch, Fitbit Surge und Samsung Gear S2 zwar Herzfrequenzwerte mit meist unter 5 Prozent Abweichung, jedoch lag kein Modell bei den Kalorien innerhalb einer Fehlertoleranz von 20 Prozent.
- Ein systematischer Review in JMIR mHealth and uHealth aus dem Jahr 2020 bestĂ€tigte den Kalorienverbrauch als schwĂ€chste MessgröĂe; eine Abweichung von 25 Prozent bedeute bei einem Training von 400 Kalorien bereits eine Differenz von 100 Kalorien.
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Auch hochentwickelte DiagnostikgerĂ€te fĂŒr den Heimgebrauch erfordern eine differenzierte Betrachtung. So bietet die smarte Waage Withings BodyScan 2 fĂŒr knapp 500 Euro eine Multi-Frequenz-Bioimpedanzmessung ĂŒber 12 Elektroden und erfasst Parameter wie ein 6-Kanal-EKG oder die Pulswellengeschwindigkeit.
Die vom Hersteller beworbene 99-prozentige Korrelation zur DEXA-Referenzmessung beschreibt jedoch lediglich einen statistischen Zusammenhang und keine absolute Messgenauigkeit.
Zudem misst der sogenannte Glukose-Resilienz-Wert keinen tatsĂ€chlichen Blutzucker, sondern leitet einen rechnerischen NĂ€herungswert aus Viszeralfett und Nervenreaktionen ab, der wie das GefĂ€Ăalter keinen medizinischen Diagnoseanspruch erhebt.
