Darm-Hirn-Achse, Bakterienmangel

Darm-Hirn-Achse: Bakterienmangel verstÀrkt Angst und Depression

Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 02:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Studien zeigen, wie Darmbakterien ĂŒber Stoffwechselprodukte den Hippocampus, die Stimmung und angstbezogenes Verhalten beeinflussen können.

Darm-Hirn-Achse: Bakterien beeinflussen Angst und Depression
Nahaufnahme einer Laborschale mit organischen Bakterienkulturen auf einem NĂ€hrboden vor neutralem Hintergrund. Illustration mit AI erstellt.

Die Kommunikation zwischen dem menschlichen Darm und dem Zentralnervensystem rĂŒckt zunehmend in den Fokus der psychiatrischen und gastroenterologischen Forschung. Neue wissenschaftliche Untersuchungen liefern konkrete molekulare Belege dafĂŒr, wie VerĂ€nderungen der intestinalen Mikrobiota emotionale ZustĂ€nde beeinflussen.

Eine Untersuchung eines Forschungsteams um Minjeong Kim und Helen E. Vuong, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Cell Reports (Band 45, Ausgabe 9, Artikel 117747), demonstriert diesen Mechanismus anhand eines spezifischen Mikroorganismus.

Signalwege zwischen Darm und Hippocampus

Die Arbeitsgruppe um Kim und Vuong konnte nachweisen, dass der Verlust des kommensalen Darmbakteriums Alistipes shahii zu einer messbar reduzierten Produktion von Indol fĂŒhrt. Dieser Mangel verhindert das sogenannte Indole-AhR-Signaling im Hippocampus.

In der Folge verstĂ€rkten sich Verhaltensweisen, die mit Angst und Depression assoziiert sind – ein PhĂ€nomen, das die Forschenden sowohl in Mausmodellen als auch bei Patientinnen und Patienten mit Reizdarmsyndrom beobachteten. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass mikrobielle Stoffwechselprodukte als direkte Signalgeber im Gehirn agieren können.

Mikrobielle Muster bei depressiven Erkrankungen

Dass die Zusammensetzung der Darmflora eng mit der mentalen Verfassung verknĂŒpft ist, belegen auch groß angelegte Kohortenstudien der vergangenen Jahre.

Eine Veröffentlichung von Valles-Colomer et al. aus dem Jahr 2019 in Nature Microbiology untersuchte ĂŒber 1.000 Personen und stellte eine Verbindung zwischen Butyrat-produzierenden Bakterien wie Faecalibacterium sowie Coprococcus und einer höheren LebensqualitĂ€t fest. Bei depressiven Personen waren die Gattungen Coprococcus und Dialister hingegen vermindert.

Diesen Zusammenhang bestĂ€tigte eine Studie von Radjabzadeh et al. aus dem Jahr 2022 in Nature Communications an ĂŒber 2.500 Teilnehmern: Bestimmte Bakteriengruppen, die in die Stoffwechselpfade von Glutamat, Butyrat, Serotonin und Gamma-AminobuttersĂ€ure (GABA) eingebunden sind, korrelierten signifikant mit dem Auftreten von Depressionssymptomen.

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ErgÀnzend dazu zeigte eine Untersuchung von An et al. aus dem Jahr 2024 in Nature Mental Health, dass eine gesteigerte psychische Resilienz mit spezifischen mikrobiellen und metabolischen Profilen sowie reduzierten Angst- und Depressionswerten einhergeht.

ZellulÀre Prozesse und prÀklinische TherapieansÀtze

Neben der reinen Zusammensetzung der Flora rĂŒcken auch zellulĂ€re Stressreaktionen im Darm in den Mittelpunkt. Am 24. Juni 2026 berichteten Forschende um Y. Zhai in Biological Psychiatry, dass enterochromaffine Zellen bei schlafdeprivierten MĂ€usen angstĂ€hnliches Verhalten verstĂ€rken.

Gleichzeitig prĂŒfen Forschende Möglichkeiten zur therapeutischen Modulation dieser Schnittstellen. Li Fan und Qingwei Zhao vom First Affiliated Hospital der Zhejiang University School of Medicine untersuchten in BMC Complementary Medicine and Therapies die Gabe von Gesamtglykosiden aus Cistanche tubulosa.

Bei chronisch gestressten MĂ€usen minderte die fĂŒnf Wochen dauernde orale Verabreichung depressive Verhaltensweisen und linderte Darmfunktionsstörungen.

Der Mechanismus beruht auf der UnterdrĂŒckung einer durch das Protein ACSL4 vermittelten Ferroptose im Darm ĂŒber den ArachidonsĂ€ure-Stoffwechsel, wobei der Inhaltsstoff Echinacosid eine starke BindungsaffinitĂ€t fĂŒr ACSL4 aufwies. Klinische Studien am Menschen stehen hierzu noch aus.

Parallel dazu wird das Potenzial probiotischer StĂ€mme erforscht. Eine Studie in 3 Biotech charakterisierte den aus dem Kot eines gesunden Kunming-Hundes isolierten Stamm Limosilactobacillus reuteri MKLQ3807-13. Das Isolat besitzt ein zirkulĂ€res Chromosom von 2,05 Megabasen ohne Plasmide und wies Überlebensraten von 88,21 Prozent bei einem pH-Wert von 2,0 sowie 96,43 Prozent bei 0,3 Prozent Gallensalzen auf.

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Neben einer ZelloberflÀchen-HydrophobizitÀt von 76,28 Prozent und einer AdhÀsion an HT-29-Zellen von 18,71 Prozent produzierte der Stamm nach 48 Stunden Fermentation 36,36 Mikromol pro Milliliter GABA, ohne hÀmolytische AktivitÀt oder Virulenzfaktoren aufzuweisen.

Diese Befunde ergĂ€nzen frĂŒhere Beobachtungen wie jene von Shan et al. aus dem Februar 2023 im Journal of Agricultural and Food Chemistry, die stoffwechselfördernde Effekte von Lactobacillus reuteri ĂŒber den Metaboliten Indol-3-carboxaldehyd bei adipösen MĂ€usen belegten.

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