Darmmikrobiom: Roseburia und Ruminococcus beeinflussen Multiple Sklerose
Veröffentlicht am: 30.08.2026 um 11:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die medizinische Forschung identifiziert zunehmend präzise Mechanismen, wie das Darmmikrobiom die Entstehung und den Verlauf systemischer Erkrankungen beeinflusst.
Eine genetische Untersuchung, die am 30. August 2026 in der Fachzeitschrift Immunity, Inflammation and Disease thematisiert wurde, liefert neue Belege für eine kausale Rolle spezifischer Bakteriengruppen bei Multipler Sklerose (MS). Mittels Mendelscher Randomisierung wurden Daten von 47.429 MS-Patienten und 68.374 Kontrollpersonen ausgewertet.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Bakteriengattungen Roseburia und Ruminococcus2 über die Beeinflussung von CD28+ CD4+ sowie CD45+ HLA-DR+ CD8+ T-Zellen einen kausalen Effekt auf die Erkrankung ausüben könnten. Die Studienautoren ordnen diese Ergebnisse als nominell signifikant und hypothesengenerierend ein.
Dysbiose bei Long-COVID und ME/CFS
Parallel dazu untersuchen Wissenschaftler den Einfluss der Darmflora auf Langzeitfolgen von Infektionen. Ein am 29. August 2026 veröffentlichter Scoping-Review der Universidad de Las Americas in der Fachzeitschrift Gut Pathogens stellt fest, dass bei Long-COVID-Patienten häufig eine Dysbiose vorliegt. Diese ist durch den Verlust von Faecalibacterium prausnitzii und Bifidobacterium adolescentis sowie eine Zunahme von Ruminococcus gnavus und Clostridium innocuum gekennzeichnet. Solche Veränderungen korrelieren laut der Untersuchung mit Fatigue, Magen-Darm-Beschwerden sowie neuropsychiatrischen Symptomen.
Eine weitere Studie, die am selben Tag bei Springer erschien, untermauert diese Beobachtungen durch Tierversuche. Forscher übertrug das Mikrobiom von elf Long-COVID-Patienten auf Mäuse, was bei den Tieren zu Lungen- und Darmentzündungen sowie Angstsymptomen führte.
Die betroffenen Mäuse zeigten eine Zunahme pro-inflammatorischer und eine Abnahme anti-inflammatorischer Bakterien. Diese Erkenntnisse gewinnen vor dem Hintergrund steigender Fallzahlen an Bedeutung: In Nordrhein-Westfalen wurden für das Jahr 2025 fast 61.600 ambulante ME/CFS-Fälle gemeldet, was nahezu einer Vervierfachung gegenüber dem Jahr 2014 entspricht.
Stoffwechselprozesse und die Darm-Leber-Achse
Auch im Bereich kardiometabolischer Erkrankungen liefert die Forschung neue Ansatzpunkte. Wissenschaftler des Karolinska Institutet berichteten am 29. August 2026 in der Fachzeitschrift Cell, dass Darmbakterien Nitrat und Nicht-Häm-Eisen in Dinitrosyl-Eisenkomplexe (DNIC) umwandeln können.
Im Mausmodell führten erhöhte DNIC-Spiegel zu einer Verbesserung des Blutdrucks, der Gefäßfunktion und der Blutzuckerkontrolle. Zudem reduzierten sie Fetteinlagerungen in der Leber – ein Effekt, der auch in menschlichen Leberzellmodellen beobachtet wurde.
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Ergänzend dazu untersuchte die Beijing Forestry University in einer Studie vom 28. August 2026 die Wirkung von Corosolsäure aus Rosa roxburghii. Diese senkte bei Mäusen die Lipidakkumulation in der Leber und normalisierte verschiedene Stoffwechselprodukte.
Einen ähnlichen hepatoprotektiven Fokus setzte eine Übersichtsarbeit vom 22. Juli 2026 im Journal of Herbal Medicine. Demnach fördern Cannabinoide wie CBD, THCV und CBG nützliche Bakterien wie Akkermansia und Lactobacillus, was die Darmbarriere stärkt und die Signalübertragung von Gallensäuren verbessert.
Diagnostik und präventive Strategien
Fortschritte zeichnen sich auch in der Krebsdiagnostik ab. Eine südkoreanische Studie in Cell Host & Microbe vom 28. August 2026 analysierte Proben von 507 Personen und entwickelte einen Mouth-to-Feces-Index. Dieser Index war bei Patienten mit Magen- oder Darmkrebs deutlich erhöht. Mundspülproben allein ermöglichten bereits eine Differenzierung von Krebspatienten und schnitten in einem kleinen Vergleich besser ab als der herkömmliche iFOBT-Test.
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Angesichts der globalen Zunahme nicht-übertragbarer Krankheiten, die jährlich etwa 43 Millionen Todesfälle verursachen, forderten Experten der Fondazione Policlinico Gemelli im August 2026 weitreichende Konsequenzen für die Gesundheitspolitik.
In einem Kommentar in Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology plädieren sie dafür, das Mikrobiom bei der Zulassung von Lebensmittelzusatzstoffen und im Antibiotika-Management stärker zu berücksichtigen. Empfohlen werden zudem steuerliche Anreize für gesundheitsfördernde Maßnahmen sowie eine gezielte Forschungsförderung im Bereich der Mikrobiom-Interventionen.
