Darmmikrobiom: Schon 11 bis 20 Pflanzensorten könnten Vielfalt fördern
Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 16:22 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle Berichte widmen sich verstĂ€rkt dem ErnĂ€hrungstrend, jede Woche eine möglichst groĂe Bandbreite an pflanzlichen Nahrungsmitteln zu konsumieren. Ziel dieses Ansatzes ist es, die Zusammensetzung des Darmmikrobioms vielfĂ€ltiger zu gestalten und entzĂŒndliche Prozesse im Körper einzudĂ€mmen.
WĂ€hrend in vielen Empfehlungen ein konkreter Richtwert von 30 verschiedenen Pflanzen pro Woche genannt wird, ordnet die Wissenschaft die Datenlage differenzierter ein.
Wissenschaftliche Basis und die Debatte um feste Grenzwerte
Als Fundament des Trends gilt eine Studie aus dem Jahr 2018. Darin zeigte sich, dass der Verzehr von mehr als 30 pflanzlichen Lebensmitteln pro Woche im Vergleich zu weniger als 10 Sorten mit einem diverseren Mikrobiom assoziiert war. Ein ursÀchlicher Zusammenhang ist damit jedoch nicht belegt.
Erhoben wurden Ă€hnliche Ergebnisse unter anderem im Rahmen des American Gut Project der University of California San Diego unter Leitung von Daniel McDonald. Bei mehr als 10.000 Teilnehmenden wies die Gruppe mit ĂŒber 30 Pflanzenarten pro Woche eine höhere Bakterienvielfalt auf als jene mit höchstens 10. Da es sich um eine Beobachtungsstudie auf Grundlage von SelbstauskĂŒnften handelte, liefert auch sie keinen KausalitĂ€tsnachweis.
Umfasste eine Analyse aus dem Jahr 2018 noch 85 Erwachsene in den USA und GroĂbritannien, deutet eine neuere, noch nicht im Peer-Review-Verfahren geprĂŒfte Untersuchung von Rob Knight (UC San Diego) an ĂŒber 3.000 Erwachsenen darauf hin, dass bereits 11 bis 20 Sorten pro Woche eine vergleichbare mikrobielle Vielfalt ermöglichen wie 30 oder mehr.
Knight bezeichnete die Zahl 30 vor diesem Hintergrund als willkĂŒrlich und merkte an, dass 20 bis 25 Sorten Ă€hnliche VorzĂŒge brĂ€chten. Auch Justin Sonnenberg von der Stanford University sieht keine belastbare Evidenz fĂŒr eine feste Schwelle.
Gleichzeitig warnen Forscher vor einer Ăberhöhung des Prinzips. Daniel M. Davis betonte, dass der Richtwert von 30 Pflanzen kein Allheilmittel darstelle, da ein direkter Gesundheitsnutzen wissenschaftlich nicht belegt sei und klare Definitionen eines gesunden Mikrobioms weiterhin fehlten. Zudem habe das Konzept einen Markt fĂŒr kostspielige NahrungsergĂ€nzungsmittel hervorgebracht, fĂŒr die unabhĂ€ngige Wirksamkeitsnachweise ausstehen.
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Relevanz fĂŒr Verdauung und NĂ€hrstoffzufuhr
Konkrete Effekte werden weiterhin in klinischen ZusammenhÀngen untersucht. Eine Studie aus dem Jahr 2025 an 25 australischen Erwachsenen mit chronischer Nierenerkrankung ergab, dass 30 oder mehr Sorten pro Woche im Vergleich zu maximal 15 Sorten Verstopfungsprobleme verringerten.
FĂŒr die Praxis teilen ErnĂ€hrungsansĂ€tze pflanzliche Lebensmittel meist in sechs Gruppen ein: Obst, GemĂŒse, Vollkorn, HĂŒlsenfrĂŒchte, NĂŒsse und Samen sowie KrĂ€uter und GewĂŒrze. Auch Kaffee, Tee und Schokolade zĂ€hlen dazu.
Bei Gerichten wie einem gewĂŒrzten Curry kommen schnell mehr als fĂŒnf Sorten zusammen; Trockenpilze, Nori und Sesam zĂ€hlen ebenfalls als jeweils eigene Sorte. Federica Amati vom Imperial College London hob hervor, dass GewĂŒrze die Darmflora bereits innerhalb von 48 Stunden messbar verĂ€ndern können.
Anisa Armet von der University of Alberta empfiehlt, tĂ€glich 21 bis 38 Gramm Ballaststoffe ĂŒber vielseitige Pflanzenquellen aufzunehmen, und rĂ€t von NahrungsergĂ€nzungsmitteln ab. Ein generell zu geringer Verzehr von Getreide, NĂŒssen und Samen steht mit einem erhöhten Risiko fĂŒr vorzeitige TodesfĂ€lle in Verbindung.
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Mikrobielle Stoffwechselprodukte und Lebensgewohnheiten
Im menschlichen Darm siedeln rund 1.500 Bakterienarten. Wie Andreas Michalsen von der CharitĂ© Berlin darlegt, schĂŒtzt ein intaktes Mikrobiom vor EntzĂŒndungen, Herzinfarkten sowie Fettleber und kann die Lebensdauer verlĂ€ngern. Bei gesunden HundertjĂ€hrigen finde sich eine besonders hohe Vielfalt mit ausgeprĂ€gten BestĂ€nden an Bifidus- und Akkermansia-Bakterien.
Tim Spector vom Kingâs College London verweist darauf, dass Ballaststoffe und Polyphenole â etwa aus dunklen Beeren â die Bildung kurzkettiger FettsĂ€uren anregen. Diese stĂ€rken das Immunsystem und schĂŒtzen die Darmschleimhaut, wĂ€hrend Junkfood die Produktion dieser FettsĂ€uren stoppt und EntzĂŒndungsreize verstĂ€rkt. Eine ErnĂ€hrungsumstellung zeige laut Spector nach drei Tagen bis drei Monaten Wirkung.
Gastroenterologische Fachleute raten ergĂ€nzend dazu, Ballaststoffe schrittweise zu steigern, ausreichend Wasser zu trinken und sich regelmĂ€Ăig zu bewegen, um Verdauungsbeschwerden vorzubeugen. Bereits geringe Mengen fermentierter Produkte wie naturbelassenes Sauerkraut liefern zusĂ€tzliche Mikroorganismen, wohingegen Probiotika nicht fĂŒr jeden Menschen erforderlich sind.
