Darmmikrobiom: SchĂŒtzende ErnĂ€hrung verdreifacht bei MĂ€usen die Ăberlebenszeit
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 09:54 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das Darmmikrobiom rĂŒckt zunehmend in den Fokus medizinischer Forschung, wenn es um die langfristige PrĂ€vention entzĂŒndlicher Erkrankungen geht. Mehrere Studien und Initiativen aus den vergangenen Monaten verdeutlichen, wie eng ErnĂ€hrung, Bakterienzusammensetzung und KrankheitsverlĂ€ufe miteinander verwoben sind â von der Krebstherapie ĂŒber SchlaganfĂ€lle bis zur Raumfahrtmedizin.
Zucker, Antibiotika und das Risiko fĂŒr Blutbahninfektionen
Eine in Nature veröffentlichte Studie des City of Hope National Medical Center untersuchte 173 LeukÀmiepatienten und fand einen Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum wÀhrend einer Breitbandantibiotika-Behandlung und dem Zustand des Darmmikrobioms.
Pro 100 Gramm Zucker sank die Artenvielfalt im Mikrobiom demnach um durchschnittlich 24 Prozent, wĂ€hrend sich die schĂ€dliche Spezies Enterococcus faecium ausbreitete â ein Risikofaktor fĂŒr Blutbahninfektionen bei Transplantationspatienten.
Mausversuche bestĂ€tigten diesen Effekt: Die Kombination aus Zucker und Antibiotika verstĂ€rkte das Wachstum von Enterokokken stĂ€rker als Zucker oder Antibiotika allein. Die Forscher um Studienautor Marcel van den Brink empfehlen vorsichtshalber eine Zuckerreduktion wĂ€hrend einer Antibiotikagabe, warnen jedoch, dass eine allgemeine Empfehlung derzeit noch verfrĂŒht sei.
Insgesamt wurden fĂŒr die Untersuchung 9.419 Mahlzeiten und over 1.000 Stuhlproben ausgewertet; ob sich die Resultate auf gewöhnliche Infektionen ĂŒbertragen lassen, bleibt offen.
Ein Kommentar von Hanno Charisius in der SĂŒddeutschen Zeitung relativierte die mediale Darstellung der Studie: Der vielfach kolportierte Satz, eine geringere Zuckeraufnahme könne das Mikrobiom wĂ€hrend einer Antibiotikatherapie schĂŒtzen, stamme aus einer Pressemitteilung des City of Hope National Medical Center â genau dieser Zusammenhang sei in der Studie selbst so gar nicht untersucht worden.
Mikrobielle Metaboliten als SchlĂŒssel zum Therapieerfolg
Eine Beobachtungsstudie von Perl und Kollegen, veröffentlicht in Cell, analysierte 129 Patienten aus drei deutschen UniversitĂ€tskliniken in MĂŒnchen, Heidelberg und Regensburg. Demnach entscheidet nicht primĂ€r die Bakterienzusammensetzung ĂŒber den Erfolg einer CAR-T-Zelltherapie, sondern die von Mikroben produzierten Stoffwechselprodukte.
Niedrige Spiegel von ValeriansĂ€ure vor Therapiebeginn korrelierten mit einem erhöhten Progressionsrisiko, wĂ€hrend eine therapeutische Gabe die CAR-T-Funktion in humanen und murinen Modellen verbesserte. Erhöhte Konzentrationen von Indol-3-Carboxaldehyd und Indol-3-EssigsĂ€ure gingen dagegen mit ungĂŒnstigeren VerlĂ€ufen einher, IsovaleriansĂ€ure wirkte ambivalent.
Auf Basis dieser Metaboliten entwickelten die Autoren einen Risiko-Score, der das klinische Ansprechen vorhersagen konnte. Eine klinische Studie namens CARBiome zum Mikrobiota-Transfer bei multiplem Myelom befindet sich laut den Autoren in Vorbereitung.
Indol-produzierende Darmbakterien und Schlaganfallfolgen
Ein Forschungsteam der LMU um Delgado Jiménez untersuchte in einer ebenfalls in Cell publizierten Arbeit, wie Darmbakterien mit dem sogenannten tnaA-Gen bei MÀusen mit schwerem Schlaganfall vermehrt auftraten.
Diese Bakterien wandeln Tryptophan in Indol um, das ĂŒber den AHR-Rezeptor in dendritischen Zellen wirkt und die HirnschĂ€digung verschlimmerte; eine Ausschaltung des AHR-Rezeptors schĂŒtzte die Tiere.
In einer Kohorte von Schlaganfallpatienten war eine höhere HĂ€ufigkeit des tnaA-Gens mit einem schlechteren funktionellen Ergebnis verbunden, wobei die entsprechenden Bakterien hĂ€ufiger bei Menschen mit Risikofaktoren wie Ăbergewicht und Typ-2-Diabetes auftraten. Die untersuchten Proben stammten von Teams aus Barcelona und Lausanne, gefördert durch den DFG-Transregio TRR 355.
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ErnÀhrung bei seltenen und chronischen Darmerkrankungen
Eine prĂ€klinische Studie des Children's Hospital of Philadelphia zeigte an Mausmodellen fĂŒr Morbus Hirschsprung, dass eine schĂŒtzende Standardnahrung die Ăberlebenszeit verdreifachte im Vergleich zu einer ungĂŒnstigen KontrolldiĂ€t.
Die ungĂŒnstige ErnĂ€hrung senkte das Butyrat im Stuhl signifikant, verursachte Mitochondrien-Fehlfunktionen und begĂŒnstigte das Wachstum von Enterobacteriaceae, was zu schwerer Kolitis fĂŒhrte. Dr. Robert Heuckeroth vom CHOP sieht darin Parallelen zu Mechanismen chronisch-entzĂŒndlicher Darmerkrankungen.
Bei Zöliakie gilt laut Prof. Peter Hasselblatt vom UniversitĂ€tsklinikum Freiburg eine lebenslange, streng glutenfreie ErnĂ€hrung als essenziell, da sonst DĂŒnndarmentzĂŒndungen, Malabsorption und ein erhöhtes Krebsrisiko drohen. Bei WeizensensitivitĂ€t seien dagegen oft weniger Gluten als die sogenannten Amylase-Trypsin-Inhibitoren fĂŒr Beschwerden verantwortlich; hier könne Hafer statt Weizen helfen.
FĂŒr gesunde Menschen ohne Symptome ĂŒberwiegen laut Hasselblatt die Nachteile einer glutenfreien DiĂ€t: Sie fĂŒhre hĂ€ufig zu einseitiger ErnĂ€hrung, glutenfreie Produkte enthielten oft mehr ungesunde Fette und Zucker, und es bestehe statistisch ein möglicherweise leicht erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko, vermutlich durch den Verzicht auf Vollkorn, sowie eine erhöhte Schwermetallbelastung durch vermehrten Reisverzehr. Vor jeder DiĂ€t empfiehlt er einen serologischen Ausschluss einer Zöliakie.
Helicobacter pylori und die Entstehung von Magenkrebs
Ein Team der Charité um Prof. Michael Sigal und Dr. Manqiang Lin untersuchte per Einzelzell-Sequenzierung zehntausende Zellen der durch Helicobacter pylori erkrankten Magenschleimhaut und veröffentlichte die Ergebnisse in Nature Communications.
Demnach setzt das Bakterium das Schutzsystem der Schleimhaut auĂer Kraft, Immunzellen produzieren daraufhin Interleukin-1?, das auf Bindegewebe wirkt und die Schleimhaut in einen dauerhaften Reparaturmodus versetzt â mit der Folge unkontrollierten Zellwachstums.
Die Forscher empfehlen bei erhöhtem Risiko, etwa durch familiĂ€re Vorbelastung oder bekannte Infektion, einen test auf den Magenkeim und bei positivem Befund eine antibiotische Behandlung. Marker zur FrĂŒherkennung von Krebsvorstufen befinden sich in Entwicklung, an der CharitĂ© entsteht zudem eine Cancer Prevention Clinic.
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Mikrobiom unter extremen Bedingungen
Auch auĂerhalb klinischer Settings liefert die Mikrobiomforschung neue Erkenntnisse. Eine Studie der UniversitĂ€t Kopenhagen mit der NASA, veröffentlicht in Nature Communications, analysierte Blutproben von 52 ISS-Besatzungsmitgliedern aus Missionen zwischen 2006 und 2018 mit einer Dauer von zwei bis neun Monaten.
Die fehlende Schwerkraft verlangsamt demnach die Peristaltik und verlĂ€ngert die Darmtransitzeit, wodurch Bakterien auf Proteinfermentation umstellen. Die Marker p-Kresolsulfat und Phenylacetylglutamin stiegen bereits wenige Wochen nach Ankunft auf der ISS an und normalisierten sich erst nach der RĂŒckkehr zur Erde.
P-Kresolsulfat wird mit NierenschĂ€den in Verbindung gebracht; ĂŒber die Darm-Hirn-Achse seien laut Prof. Lars Ove Dragsted Folgen von reduzierter KonzentrationsfĂ€higkeit bis zu BeeintrĂ€chtigungen der psychischen Verfassung möglich.
Als GegenmaĂnahmen nennen die Forscher PrĂ€biotika, einen höheren Ballaststoffanteil und Peristaltik-fördernde Therapien â AnsĂ€tze, die auch fĂŒr bettlĂ€gerige Patienten auf der Erde relevant sein könnten.
Verbraucherwahrnehmung und Industrieinitiativen
Die Lebensmittelbranche reagiert ebenfalls auf das wachsende Interesse am Mikrobiom. Der Anbieter Ja! NatĂŒrlich startete eine Forschungskooperation und unterstĂŒtzt die Mikrobiomforscherin Univ.-Prof. Gabriele Berg, vorgestellt in Wien.
Eine vom Unternehmen beauftragte Befragung ergab, dass 71 Prozent der Befragten noch nie von der Empfehlung gehört hatten, rund 30 verschiedene pflanzliche Lebensmittel pro Woche zu essen, wĂ€hrend 86 Prozent eine gute Auswahl an GemĂŒse und Obst im Handel wichtig ist.
Der Schweizer GFS-ErnĂ€hrungsmonitor zeigt zudem ein verĂ€ndertes gesellschaftliches Bewusstsein: Ăber 70 Prozent der Befragten erwarten von Herstellern proaktiv gesĂŒndere Rezepturen, mehr als 90 Prozent fordern den Verzicht auf unnötigen versteckten Zuckerzusatz in Fertigprodukten.
Eine Sonderabgabe auf stark zucker-, salz- oder fetthaltige Lebensmittel lehnen jedoch 68 Prozent ab, wĂ€hrend 82 Prozent ein Verbot an Kinder gerichteter Werbung fĂŒr ungesunde Lebensmittel befĂŒrworten.
Begleitend widmet sich auch das ThĂŒnen-Institut mit einem neuen Themenschwerpunkt dem One-Health-Ansatz, der menschliche, tierische und ökologische Gesundheit als Teile eines gemeinsamen Systems begreift â ein Hinweis darauf, dass die Mikrobiomforschung zunehmend fĂ€cherĂŒbergreifend gedacht wird.
