Darmmikrobiom unter Antibiotika: 100 Gramm Zucker senken Vielfalt um 24,1 Prozent
Veröffentlicht am: 07.11.2026 um 16:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine im Fachjournal Nature veröffentlichte Untersuchung von Forschenden um Dai et al. vom 30. September 2026 zeigt, dass eine zuckerreiche ErnÀhrung die nachteiligen Folgen einer Antibiotikabehandlung auf das menschliche Darmmikrobiom deutlich verstÀrken könnte. Die wissenschaftliche Arbeit analysierte Daten von 173 erwachsenen Blutkrebspatienten, die sich zwischen 2017 und 2022 einer allogenen Stammzelltransplantation unterzogen hatten.
Deutlicher RĂŒckgang der bakteriellen Vielfalt
FĂŒr die Untersuchung wertete das Forschungsteam 9.419 Mahlzeiten mit 40.702 einzelnen Lebensmitteln sowie 1.009 Stuhlproben von 158 Patienten aus. Pro Patient wurden 8 bis 128 Mahlzeiten im Zeitraum von zwölf Tagen vor bis 49 Tage nach der Transplantation dokumentiert. Insgesamt 138 der 173 Patienten (80 Prozent) erhielten eine Behandlung mit Breitbandantibiotika.
Die Auswertung ergab, dass die sogenannte Alpha-DiversitĂ€t der Darmbakterien unter Breitbandantibiotika pro zusĂ€tzlich konsumierten 100 Gramm Zucker um 24,1 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall: 7,7 bis 38,1) zurĂŒckging. In einer ergĂ€nzenden MakronĂ€hrstoff-Analyse betrug der RĂŒckgang pro 100 Gramm Zucker 20,6 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall: 2 bis 35,6).
Insgesamt sank die Artenvielfalt der Darmbakterien bei gleichzeitiger Einnahme von Antibiotika um 24 Prozent je 100 Gramm zusÀtzlichem Zuckerkonsum. Zugleich breitete sich das potenziell schÀdliche Bakterium Enterococcus faecium, das mit Blutstrominfektionen in Verbindung gebracht wird, verstÀrkt aus.
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Bei Patienten mit einer Zuckeraufnahme ĂŒber dem Median stieg das Sterberisiko pro zusĂ€tzlichem Tag der Breitbandantibiotika-Gabe um 12 Prozent (Hazard Ratio: 1,12; 95-Prozent-Konfidenzintervall: 1,01 bis 1,23).
BestÀtigung der Mechanismen im Tierversuch
ErgĂ€nzende Versuche an gesunden MĂ€usen stĂŒtzten die klinischen Beobachtungen. WĂ€hrend Zucker allein oder Antibiotika allein das Mikrobiom nicht in gleichem MaĂe beeintrĂ€chtigten, fĂŒhrte die kombinierte Gabe von Antibiotika und Saccharose zu einer massiven Vermehrung von Enterokokken.
Die Saccharose steigerte die Ausbreitung der Enterokokken an Tag 3 um das 16,3-Fache und an Tag 6 um das 33,4-Fache. Ohne gleichzeitige Antibiotikagabe zeigte Saccharose hingegen keinen solchen Effekt.
Co-Autor Jonas Schluter von der NYU Grossman wies darauf hin, dass eine gezielte Reduktion von Zucker wĂ€hrend und nach einer Antibiotikatherapie hilfreich sein könnte. Die Studienautoren rieten dazu, wĂ€hrend der Einnahme von Antibiotika auf SĂŒĂgetrĂ€nke sowie zugesetzten Zucker zu verzichten und stattdessen Ballaststoffe zu bevorzugen.
Gleichzeitig schrĂ€nkten die Forschenden ein, dass die bisherigen Daten noch nicht fĂŒr eine allgemeine klinische Empfehlung ausreichten, eine zuckerĂ€rmere ErnĂ€hrung wĂ€hrend einer Antibiotikabehandlung jedoch individuell erprobt werden könne.
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Einordnung fĂŒr den medizinischen Alltag
Fachleute mahnen vor einer unkritischen Verallgemeinerung auf gesunde Personen. Malena GarcĂa Arredondo, Leiterin von MGA Healthy Digest, erklĂ€rte, dass die Ergebnisse von schwerkranken Krebspatienten nicht unmittelbar auf die Allgemeinbevölkerung ĂŒbertragbar seien.
Dennoch stĂŒtzten die Daten die Empfehlung, freie Zucker und ultraverarbeitete Lebensmittel wĂ€hrend einer Therapie einzuschrĂ€nken. Die Erholung des Mikrobioms dauere oft Wochen bis Monate, wobei sich auch bakterielle Resistenzgene verĂ€ndern könnten.
Nina Kisseleva, Leiterin der Pharmazie-Abteilung am Physik-Mathematik-Institut der Pirogow-UniversitĂ€tsklinik, betonte, dass Zucker die Wirksamkeit der Antibiotika selbst nicht verringere. Relevante Gefahren entstĂŒnden vor allem bei langfristigen Breitbandtherapien in Kombination mit exzessivem Zuckerkonsum.
Bei kurzen Behandlungen von fĂŒnf bis 14 Tagen seien bei gesunden Menschen und mĂ€Ăigem SĂŒĂkonsum kaum schwerwiegende Folgen zu erwarten. Werden einfache Kohlenhydrate jedoch im DĂŒnndarm nicht vollstĂ€ndig resorbiert und gelangen in den Dickdarm, können sie Bakterien wie Proteobacteria fördern und unspezifische EntzĂŒndungsprozesse begĂŒnstigen.
