Darmzellen: Entzündungen hinterlassen molekulare Narben
18.06.2026 - 05:05:24 | boerse-global.de
Forscher sprechen von einem „epigenetischen Gedächtnis“ in Stammzellen.
Ein Team um Dr. Nagaraja veröffentlichte im Fachjournal Nature eine Studie, die diesen Mechanismus belegt. Demnach hinterlässt eine chronische Kolitis noch mehr als 100 Tage nach Ende der akuten Entzündung molekulare Veränderungen. Konkret bleiben der Transkriptionsfaktor AP-1 dauerhaft hochreguliert und die Chromatin-Zugänglichkeit verändert.
Die Folge: Das Gewebe neigt nach Auftreten onkogener Mutationen verstärkt zu Tumorwachstum. Dauer und Schwere einer Colitis ulcerosa korrelieren direkt mit dem späteren Risiko für kolorektale Karzinome (CRC). Die Forscher sehen hier einen neuen Ansatzpunkt: Künftige Behandlungen könnten sich auf das Chromatin-Remodelling konzentrieren, statt nur die akute Entzündung zu bekämpfen.
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Molekulare Narben in Darmzellen
Eine Kooperation des Wellcome Sanger Instituts mit Open Targets lieferte Mitte Juni 2026 weitere Erkenntnisse. Die Analyse von über einer Million einzelner Darmzellen von 111 Morbus-Crohn-Patienten und 232 Gesunden wies eine sogenannte molekulare Narbe in den Stammzellen der Darmschleimhaut nach. Die in Nature Genetics dokumentierte Studie identifizierte zudem ITGA4-positive Makrophagen als wesentliche Treiber der Entzündung über den JAK/STAT-Signalweg.
Parallel dazu untersuchten Forscher der MedUni Wien unter der Leitung von Sibilia den Einfluss des Epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptors (EGFR) in myeloiden Immunzellen. Ihre Veröffentlichung vom 17. Juni 2026 zeigt: EGFR steuert in diesen Zellen die Tumormikroumgebung bei metastasiertem Darmkrebs. Das Ausschalten von EGFR in myeloiden Zellen verlangsamte in Versuchsmodellen das Tumorwachstum. Als potenzieller Biomarker wurde das Protein THBS1 identifiziert – eine hohe Expression geht mit ungünstigerer Prognose einher.
Genetische Risikomarker für schwere Verläufe
Mitte Juni 2026 konkretisierten zwei Studien die genetische Grundlage für besonders schwere CED-Verläufe. In The Lancet Gastroenterology & Hepatology berichteten Forscher, dass die Genvariante HLA-DRB1*01:03 bei etwa jedem zwanzigsten Patienten mit erhöhtem Risiko für Darmoperationen und perianale Erkrankungen einhergeht. Die bisher größte genetische CED-Studie basierte auf Daten von über 43.000 Patienten.
Ein britisches und dänisches Team legte im New England Journal of Medicine (NEJM) dar, dass diese Variante bei rund 3,5 Prozent der Betroffenen zur Bildung von Antikörpern führt. Diese greifen den entzündungshemmenden Botenstoff IL-10 an. Bei gesunden Probanden ließen sich die Antikörper nicht nachweisen. Das erklärt womöglich, warum bei bestimmten Patientengruppen die natürliche Entzündungshemmung versagt.
Schutz der Darmbarriere und Umweltfaktoren
Neue Perspektiven zur Aufrechterhaltung der Darmbarriere lieferte eine am 16. Juni 2026 in PNAS veröffentlichte Untersuchung der Northwestern University. Das Team um Summa und Cong entdeckte eine schützende Kommunikationsschleife zwischen Eosinophilen und ILC3-Zellen. Eosinophile schützen die Darmbarriere demnach über das Enzym COX-2 (PTGS2-Gen). Fiel diese Funktion aus, führte das in den Modellen zu früheren und schwereren Krankheitsverläufen.
Hinsichtlich externer Einflussfaktoren wiesen Wissenschaftler in einer Studie vom 16. Juni 2026 auf die Auswirkungen des Insektizids Bifenthrin hin. Der Stoff kann Colitis ulcerosa durch Immunotoxizität verschlimmern: Er stört das Gleichgewicht von Treg- und Th17-Zellen und beeinflusst Signalwege wie NF-?B und JAK/STAT.
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Therapie und Diagnostik im Wandel
Auf dem DGIM-Kongress 2026 wurden aktuelle Behandlungsstrategien diskutiert. Sie sehen eine Kombination aus medikamentöser Therapie und Ernährungsanpassungen vor. Mesalazin bleibt für leichte bis mäßige Fälle von Colitis ulcerosa empfohlen. Bei Morbus Crohn kann gezielte Ernährung die Symptomlast lindern.
Im Bereich der Diagnostik meldete das Unternehmen Castle Biosciences am 16. Juni 2026 eine Marke von 100.000 klinischen Aufträgen für einen KI-basierten Gewebetest. Dieser dient der Prognose des Progressionsrisikos bei Barrett-Ösophagus – einer weiteren präkanzerösen Veränderung im Verdauungstrakt. Der Trend zu präzisionsmedizinischen Verfahren in der Gastroenterologie wird damit unterstrichen.
