Demenz: 45 Prozent der FĂ€lle sind durch Lebensstil vermeidbar
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 11:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die BewĂ€ltigung von Demenzerkrankungen erfordert ein Zusammenspiel aus medizinischer FrĂŒherkennung, gezielter PrĂ€vention und funktionierenden Versorgungsstrukturen im Alltag. Fachberichte und Analysen anlĂ€sslich des Welt-Alzheimertags beleuchten erfolgreiche kommunale AnsĂ€tze sowie wissenschaftliche ZusammenhĂ€nge zwischen Lebensstil, körperlichen Faktoren und kognitivem Abbau.
Medizinische Diagnostik und Verlangsamung des Verlaufs
In der Forschung gewinnen verbesserte Diagnosemethoden an Bedeutung. An der Med Uni Graz wird an der FrĂŒherkennung mittels Biomarkern in Blut und Nervenwasser sowie neuen Verfahren zur MRT-Auswertung gearbeitet.
Nach Angaben von Marisa Koini aus dem Bereich Neuropsychologie der Grazer Uniklinik fĂŒr Neurologie konnten Wissenschaftler einen Zusammenhang von Neurofilamenten mit der Hirnalterung nachweisen und ein Verfahren zur genaueren Messung des Hippocampus-Volumens entwickeln.
Zudem setzt die dortige GedĂ€chtnisambulanz bei Alzheimer im FrĂŒhstadium auf die Anti-Amyloid-Antikörper Lecanemab und Donanemab, beteiligt sich am internationalen Register InRAD und fĂŒhrt die Studie LETHE-AT durch.
Beide Antikörper sind in der EuropĂ€ischen Union zugelassen und setzen an Plaque-Ablagerungen an. Dr. med. JĂŒrgen Herzog, Ărztlicher Direktor der Schön Klinik MĂŒnchen Schwabing, betont, dass diese PrĂ€parate zwar keine Heilung bedeuten, aber erstmals das Fortschreiten der Erkrankung im frĂŒhen Stadium verzögern und Betroffenen einige Monate lĂ€ngeres selbststĂ€ndiges Leben ermöglichen können.
An der Klinik erhÀlt etwa ein 78-jÀhriger Patient seit vier Monaten entsprechende monatliche Infusionen ohne Nebenwirkungen und zeigt positive VerÀnderungen im Alltag.
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PrÀventionspotenziale und physische Risikofaktoren
Einflussbare Faktoren spielen bei der Vermeidung kognitiver EinbuĂen eine wesentliche Rolle. Nach EinschĂ€tzung von Ăgnes Eszter MelchernĂ© KĂĄzĂĄr von der ungarischen Stiftung Feledhetetlen könnten rund 45 Prozent der DemenzfĂ€lle verhindert oder verzögert werden, was sich mit den Erkenntnissen der Lancet-Kommission von 2024 zu 14 modifizierbaren Risikofaktoren deckt. Die Med Uni Graz fĂŒhrt hierbei Bewegung, Herz-Kreislauf-Gesundheit, ErnĂ€hrung, Schlaf und soziale Kontakte an.
Eine Studie der UniversitĂ€tsmedizin Greifswald unter Mitwirkung des Klinikdirektors Hans Jörgen Grabe verweist zudem auf körperliche ZusammenhĂ€nge: Untersucht wurde die Zahnfleischtaschentiefe als Marker fĂŒr die Schwere von Parodontitis, die mit einem Alzheimer-typischen Verlust von Gehirnsubstanz korrelierte.
Zugrunde liegt die Annahme, dass der Keim P. gingivalis die Blut-Hirn-Schranke ĂŒberwindet oder entlang von Nervenbahnen wandert. Bei Probanden normalisierte sich die Hirnalterung durch ein Zahnhygieneprogramm. Grabe hebt hervor, dass die Behandlung einer Parodontitis vor allem fĂŒr die Vorbeugung relevant sei, da fortgeschrittene SchĂ€digungen irreversibel sind.
Hinsichtlich der ErnĂ€hrung beobachtete eine im Fachjournal Nutrients veröffentlichte Untersuchung der Murdoch University an 185 Ă€lteren Erwachsenen ĂŒber 90 Monate, dass westliche Kost bei TrĂ€gern des Risikogens APOE-?4 mit einem rascheren Nachlassen der Aufmerksamkeit zusammenhing.
Die Autoren stuften die Analysen nach Genstatus jedoch als statistisch schwach abgesichert ein, da nach Ausschluss auffÀlliger Ausgangswerte keine Signifikanz mehr bestand und am Ende nur Daten von 36 Teilnehmenden vorlagen.
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Versorgungsstrukturen und kommunale Initiativen
Auf gesellschaftlicher Ebene wĂ€chst der Handlungsdruck. Laut Deutscher Gesellschaft fĂŒr Geriatrie (DGG) sowie Abrechnungsdaten der AOK leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Etwa 86 Prozent der PflegebedĂŒrftigen werden zu Hause versorgt.
Die DGG veröffentlichte eine Comic-BroschĂŒre zur AufklĂ€rung, wĂ€hrend Geriatrie-Expertin Dr. Beatrice Heck auf individuelle BehandlungsplĂ€ne mit Ergotherapie, kognitiver Stimulation und Sprachtraining verweist.
Im Projekt AnDem-RoSe erprobt die UniversitĂ€t Jena unter Leitung von Gabriele Wilz ein mit drei Millionen Euro gefördertes psychotherapeutisches UnterstĂŒtzungsangebot fĂŒr pflegende Angehörige.
In Ăsterreich leben laut dem Ăsterreichischen Demenzbericht 2025 etwa 170.000 Betroffene, davon zwei Drittel Frauen. Bis 2050 könnte die Zahl auf ĂŒber 290.000 steigen. Birgit Gerstorfer, PrĂ€sidentin des Pensionistenverbandes Ăsterreichs (PVĂ), fordert daher einen Rechtsanspruch auf demenzgerechte Versorgung, spezialisierte Bereiche in Heimen und finanzierte Entlastungstage.
Auf kommunaler Ebene setzen das Land KĂ€rnten und die Landespolizeidirektion auf Schulungen der EinsatzkrĂ€fte im Umgang mit Demenzerkrankten, wĂ€hrend das CaritasKlinikum SaarbrĂŒcken auf Delir-Screenings und das Modellprojekt SEBDem setzt, bei dem vertraute Betreuungspersonen Patienten im Krankenhaus begleiten.
