Demenz, HörgerÀteversorgung

Demenz: HörgerÀteversorgung bremst kognitiven Abbau bei Risikogruppe um 48 Prozent

Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 09:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Studien untersuchen, wie geistige AktivitÀt, Singen und HörgerÀte mit kognitiven FÀhigkeiten und Alzheimer zusammenhÀngen.

Demenzforschung: Lesen, Musik und Hörtechnik im Fokus
Ein sonnendurchfluteter, ruhiger Bibliotheksraum mit hohen BĂŒcherregalen aus Holz und einfallendem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Projekte widmen sich verstÀrkt der Frage, wie alltÀgliche FreizeitaktivitÀten und technische Hilfsmittel den Verlauf von Demenzerkrankungen sowie kognitiven BeeintrÀchtigungen verÀndern können.

Angesichts einer alternden Gesellschaft gewinnen sowohl prÀventive AnsÀtze als auch gezielte Interventionen im Alltag an Bedeutung. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, wobei jÀhrlich etwa 360.000 Neuerkrankungen registriert werden.

Rund 60 Prozent davon entfallen auf die Alzheimer-Krankheit. Ohne therapeutische oder prĂ€ventive DurchbrĂŒche könnte die Betroffenenzahl bis 2050 auf 2,3 bis 2,6 Millionen steigen. Vor diesem Hintergrund rĂŒcken nicht-medikamentöse Maßnahmen und medizintechnische Hilfen in den Fokus der Forschung.

Kognitive Reserve durch Lesen und musikalische AktivitÀt

Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass geistige AktivitÀt neuronale Netzwerke stÀrken und kognitive Reserven aufbauen kann. So zeigte die Forschung um Falk Huettig, dass Lesen kognitive FÀhigkeiten schult und Hirnstrukturen verÀndert; selbst bei Frauen in Indien, die erst im Erwachsenenalter lesen lernten, verbesserten sich visuelle Erkennung und Denkvermögen.

Ein gut vernetztes Gehirn könne den Ausbruch von Alzheimer-Symptomen möglicherweise hinauszögern. Gleichzeitig zeigen Erhebungen der UniversitĂ€t Basel, dass 18 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz nie ein Buch lesen und 62 Prozent zu den Nicht- oder Seltenlesern zĂ€hlen. Zudem ergab die jĂŒngste Pisa-Studie, dass ein Drittel der Schweizer Jugendlichen Texte nicht ausreichend versteht, um deren Hauptaussage zu erfassen.

Neben dem Lesen gilt Musik als potenzieller Ansatzpunkt. Eine 2015 in der Fachzeitschrift Brain veröffentlichte Untersuchung unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts Leipzig ergab, dass Hirnareale des musikalischen LangzeitgedÀchtnisses bei Alzheimer vergleichsweise geringe Gewebeschwunde und Stoffwechselminderungen aufweisen.

Auf diesen Erkenntnissen baut das von 2025 bis 2029 angelegte Forschungsprojekt „Musik fĂŒr das GedĂ€chtnis“ auf, das vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert und von einer Psychologin der UniversitĂ€t Wien geleitet wird. Dabei erhalten 100 musikalisch unerfahrene Testpersonen ĂŒber 65 Jahren mit und ohne Alzheimer-Demenz ein Jahr lang Gesangsunterricht in Wien, Norwegen und Argentinien. Mittels EEG- und MRT-Messungen wird im Vergleich mit gesunden Kontrollpersonen analysiert, inwieweit das Singen die GedĂ€chtnisleistung beeinflusst.

Hörhilfen und technische UnterstĂŒtzung

Einen weiteren zentralen Faktor stellt die Sinneswahrnehmung dar. Laut einem Bericht des SWR sind in Deutschland rund 70 bis 80 Prozent der Menschen ĂŒber 60 Jahren schwerhörig.

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Die betreuende FachĂ€rztin Serena Preyer hĂ€lt Medikamente zur Regeneration von Innenohr-Sinneszellen innerhalb der nĂ€chsten zehn Jahre fĂŒr denkbar. Bis dahin bilden HörgerĂ€te und Cochlea-Implantate, die Frequenzbereiche verstĂ€rken und StörgerĂ€usche filtern, die wichtigste Versorgungsform.

Welche Rolle die HörgerĂ€teversorgung fĂŒr die geistige Fitness spielt, analysierte die randomisierte ACHIEVE-Studie von Lin und Kollegen aus dem Jahr 2023: Bei Personen mit einem erhöhten Risiko fĂŒr kognitiven Abbau reduzierte sich dieser ĂŒber einen Zeitraum von drei Jahren um 48 Prozent, wenngleich der Effekt in der Gesamtstudienpopulation statistisch nicht signifikant ausfiel.

Moderne KI-gestĂŒtzte HörgerĂ€te, wie sie von Herstellern wie Oticon, Phonak, ReSound und Signia angeboten werden, erfassen die akustische Umgebung automatisch, was laut Studien das Sprachverstehen im HintergrundlĂ€rm verbessert und die Höranstrengung verringert. Die neuesten Entwicklungen auf diesem Sektor werden Mitte Oktober auf der EUHA-Messe in Hannover prĂ€sentiert.

Praxisorientierte Angebote und fachlicher Diskurs

Neben klinischen und technischen Studien entstehen praktische Initiativen zur Sensibilisierung und Betreuung. So veranstaltet die Deutsche Radio Philharmonie am 11. Oktober 2026 im SWR Studio Kaiserslautern das 45-minĂŒtige Demenzkonzert „ErinnerungsklĂ€nge“, das auf Interaktion und bekannte MusikstĂŒcke setzt.

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In Traunstein initiierten das Quartiersmanagement und der Verein IDA im Rahmen der bayerischen Demenzwoche einen Demenzparcours mit 13 Stationen, der kĂŒnftig vierteljĂ€hrlich angeboten werden soll, um AlltagseinschrĂ€nkungen bei Orientierung und Konzentration nachvollziehbar zu machen.

Auf Fachebene widmet sich die Deutsche Alzheimer Gesellschaft ab dem 15. Oktober 2026 in der Messe Magdeburg den aktuellen Entwicklungen. Auf dem 13. Kongress der Organisation werden unter dem Motto „Zusammen Zukunft gestalten“ mehr als 700 Teilnehmende zu rund 70 FachvortrĂ€gen und Workshops erwartet.

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