Demenzrisiko: 14 beeinflussbare Faktoren machen rund 45 Prozent aus
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 07:24 Uhr | Redaktion boerse-global.deKognitiver Abbau im Alter entwickelt sich zunehmend zu einer Belastungsprobe fĂŒr die medizinische Versorgung. Nach EinschĂ€tzung von SĂČnia Abilleira, Direktorin der Barcelona Brain Health Initiative, sind die bestehenden Gesundheitssysteme unzureichend auf die wachsende Zahl kognitiver BeeintrĂ€chtigungen vorbereitet. Dabei eröffnen wissenschaftliche Erkenntnisse erhebliche SpielrĂ€ume fĂŒr die Vorbeugung: Laut Erhebungen der Lancet-Kommission lassen sich rund 45 Prozent des Demenzrisikos auf 14 modifizierbare Risikofaktoren im Lebensverlauf zurĂŒckfĂŒhren.
Zugleich weisen epidemiologische Daten darauf hin, dass die Demenzinzidenz bei jĂŒngeren Geburtskohorten pro Dekade um 13 bis 15 Prozent niedriger ausfĂ€llt. Abilleira ordnet diese Entwicklungen am 26. Oktober im Rahmen einer Fachveranstaltung im CaixaForum Palma ein.
Risikofaktoren und VerhaltensprÀvention im Fokus
Dass der geistige Leistungsabfall nicht als unausweichlicher Bestandteil des Alterns hingenommen werden muss, betonen Mediziner und Fachgesellschaften ĂŒbereinstimmend.
Vladimira Vuleti?, Neurologin am KBC Rijeka, weist darauf hin, dass gezielte MaĂnahmen wie regelmĂ€Ăige Bewegung, ausgewogene ErnĂ€hrung, erholsamer Schlaf, soziale Kontakte sowie die medizinische Kontrolle von Blutdruck-, Blutfett- und Blutzuckerwerten das Risiko verringern können. Auch die frĂŒhzeitige Behandlung von Hörproblemen spiele eine zentrale Rolle.
Auf neurobiologischer Ebene ist ein gewisses MaĂ an Vergesslichkeit Teil der regulĂ€ren Hirnfunktion. Hannah Monyer vom UniversitĂ€tsklinikum Heidelberg erklĂ€rt, dass die Hirnsubstanz zwar ab etwa dem 50. Lebensjahr schwinde, rund 15 bis 20 Prozent der 60- bis 90-JĂ€hrigen jedoch als auĂergewöhnlich leistungsfĂ€hige Personen mit intaktem GedĂ€chtnis gelten.
Zwar sei Demenz gegenwĂ€rtig nicht heilbar, Monyer rechne jedoch innerhalb der kommenden 15 Jahre mit therapeutischen Fortschritten. Neurologin Elena Konnova hebt ergĂ€nzend hervor, dass kontinuierliche kognitive Beanspruchung â etwa durch Sprachenlernen oder Lesen â und mediterrane Kost den Erhalt geistiger FĂ€higkeiten unterstĂŒtzen.
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Bedeutung frĂŒher Warnsignale und exakter Differenzierung
FĂŒr Betroffene und Angehörige ist das frĂŒhzeitige Erkennen von VerĂ€nderungen entscheidend. Neurologische Fachzentren zĂ€hlen wiederholtes Nachfragen, Orientierungslosigkeit sowie Schwierigkeiten bei vertrauten Alltagsaufgaben zu den typischen Anzeichen. Konnova verweist zudem auf weniger beachtete FrĂŒhsymptome wie ein nachlassendes Geruchsunterscheidungsvermögen oder unklare Schlafstörungen.
Zugleich warnen Fachleute davor, kognitive Störungen vorschnell als irreversible Demenz einzustufen. Vuleti? erinnert daran, dass auch behandelbare ZustĂ€nde wie ein Mangel an Vitamin B12, Fehlfunktionen der SchilddrĂŒse oder depressive Episoden vergleichbare Symptome hervorrufen können.
FĂŒr eine strukturierte AbklĂ€rung stehen Medizinern standardisierte Instrumente zur VerfĂŒgung; die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Neurologie (DGN) und die Gesellschaft fĂŒr Neuropsychologie (GNP) legten hierzu unter FederfĂŒhrung von Dr. Angelika Thöne-Otto eine grundlegend ĂŒberarbeitete S2e-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von GedĂ€chtnisstörungen vor.
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VersorgungslĂŒcken und regionale Unterschiede
Trotz verbesserter diagnostischer AnsÀtze offenbart die Praxis erhebliche Versorgungsdefizite. Eine Untersuchung von Altems Advisory in Italien zeigt beispielhaft, dass rund 75 Prozent der Demenzpatienten keinen Zugang zu einem strukturierten Versorgungspfad haben.
Zudem bestehen ausgeprĂ€gte regionale Unterschiede: WĂ€hrend spezialisierte Zentren im Norden Italiens eine Abdeckung von 76 Prozent erreichen, liegt der Wert im SĂŒden bei 49 Prozent. Patrizia Spadin von der italienischen Alzheimer-Vereinigung Aima berichtet, dass weniger als die HĂ€lfte der diagnostizierten Personen eine kontinuierliche Betreuung in entsprechenden Facheinrichtungen erhalte.
Auf europĂ€ischer Ebene verschĂ€rft sich die Problematik zusehends. Im Rahmen einer Fachveranstaltung im EU-Parlament unter Leitung der Abgeordneten Nina Carberry wurde betont, dass derzeit ĂŒber 9 Millionen Menschen in der EuropĂ€ischen Union mit Demenz leben. Prognosen gehen bis zum Jahr 2050 von einem Anstieg um fast 60 Prozent auf rund 14 Millionen Betroffene aus.
Laura Campo vom Pharmaverband EFPIA warnte vor einem RĂŒckstand Europas bei Forschung und Investitionen. Um Versorgungsdefizite abzubauen, fördern Institutionen wie das Bundesministerium fĂŒr Forschung regionale Initiativen: So berĂ€t das mit rund 1,3 Millionen Euro geförderte Projekt DECIDE-2 der UniversitĂ€t Siegen Betroffene mit beginnenden GedĂ€chtnisstörungen direkt im hĂ€uslichen Umfeld.
