Demenztherapie, Musik

Demenztherapie mit Musik: Gezielte Intervention senkt negative Äußerungen um 53 Prozent

Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 15:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Instrumentalunterricht verbesserte bei Senioren mit leichter kognitiver BeeintrĂ€chtigung WortflĂŒssigkeit und verbales KurzzeitgedĂ€chtnis.
Leere Stuhlreihen auf einer KonzertbĂŒhne bei natĂŒrlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

Musik aktiviert Wahrnehmung, GefĂŒhl, Erinnerung und Aufmerksamkeit zur gleichen Zeit. Wer Musik aufmerksam hört oder selbst ein Instrument spielt, fordert das Gehirn wie bei einem umfassenden Trainingsprogramm.

Diesen Zusammenhang zwischen klanglichen Reizen und neuronalen Prozessen beleuchtete der Rundfunk Berlin-Brandenburg unter dem Titel „Noten und Neuronen – Wie Musik unser GedĂ€chtnis stĂ€rkt“ auf radioeins sowie in einem Konzertformat in der Berliner Philharmonie.

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und therapeutische Projekte verdeutlichen zunehmend, ĂŒber welche Mechanismen akustische Reize kognitive FĂ€higkeiten stĂŒtzen.

Neuronale Netzwerke und Effekte des Musikhörens

Das Hören von Musik beschrĂ€nkt sich keineswegs auf passive Wahrnehmung, sondern setzt komplexe zerebrale Prozesse in Gang. Clara James von der UniversitĂ€t Genf legt dar, dass Musik die graue Substanz durch stĂ€rkere neuronale Verbindungen vergrĂ¶ĂŸern kann, wĂ€hrend aufmerksames Hören gezielt den Hippocampus anspricht.

Untersuchungen von Kiminobu Sugaya an der University of Central Florida dokumentierten bei lokalen Probanden eine 50-prozentige Verbesserung der Gehirnfunktion wĂ€hrend des Konsums klassischer StĂŒcke.

Auch spezifische Kompositionen stehen im Fokus der Neurowissenschaft: Eine in der Fachzeitschrift Interdisciplinary Science Reviews im Jahr 2022 erörterte Metaanalyse aus dem Jahr 2020 zeigte, dass das Hören der Mozart-Sonate KV 448 bei etwa 84 Prozent der Teilnehmenden mit einer deutlichen Reduktion epileptischer AktivitÀt einherging.

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Zusammen mit der Sonate KV 545 gilt sie als wissenschaftlich wiederholt bestÀtigte antiepileptische Komposition. Bereits in den 1990er-Jahren hatte eine Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Nature berichtet, dass Probanden nach dem Hören von Mozart-Werken im Schnitt etwa 10 Punkte besser bei Tests zum rÀumlichen Vorstellungsvermögen abschnitten.

Klinische Studien zu Instrumentenlernen und NeuroplastizitÀt

Besonders intensive Reize setzt das eigene Musizieren frei. Eine am 2. November 2026 in den Annals of the New York Academy of Sciences online veröffentlichte Untersuchung der Hochschule fĂŒr Angewandte Wissenschaften und Kunst Genf unter Leitung von C. E. James untersuchte Senioren mit leichter kognitiver BeeintrĂ€chtigung (MCI).

Bei einem Durchschnittsalter von 71,5 Jahren absolvierten die Teilnehmenden ĂŒber sechs Monate hinweg wöchentlich zwei Einheiten Ă  45 Minuten in Kleingruppen sowie tĂ€glich rund 20 Minuten Heimtraining.

Die Gruppe, die eine 13-Ton-Steel-Tongue-Drum erlernte (elf Probanden, durchschnittlich 35,9 von 40 Sitzungen absolviert), zeigte messbare Verbesserungen der WortflĂŒssigkeit und des verbalen KurzzeitgedĂ€chtnisses.

Eine Kontrollgruppe mit PsychomotorikĂŒbungen (acht Probanden, 34,3 Sitzungen) verbesserte demgegenĂŒber Handfertigkeit sowie Gleichgewicht, messbar an einem um zehn Sekunden verlĂ€ngerten linken Einbeinstand.

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WÀhrend das Volumen des Hippocampus unverÀndert blieb, blieb die funktionelle KonnektivitÀt des linken Hippocampus in beiden Interventionsgruppen stabil, wohingegen sie bei einer gesunden Kontrollgruppe von 14 Personen abnahm.

Dass musikalische Lerneffekte im Nervensystem extrem rasch einsetzen können, belegte eine Forschungsarbeit der UniversitÀt Nottingham in der Fachzeitschrift Imaging Neuroscience. Mittels eines tragbaren OPM-MEG-Scanners zeichneten Wissenschaftler um Matthew Brookes die Beta-Wellen-Oszillationen von 22 AnfÀngern auf.

Bereits nach einer einzigen Unterrichtsstunde auf einer metallfreien Barock-Geige bei Geiger Alan Kirby traten deutliche VerÀnderungen dieser Hirnwellen auf, die mit dem individuellen Lernfortschritt korrelierten.

Praktische AnsÀtze in Pflege und Musiktherapie

Da die fĂŒr musikalische Erinnerungen zustĂ€ndigen Hirnareale – darunter der anteriore cingulĂ€re Kortex und das prĂ€motorische supplementĂ€re Areal – laut einer Arbeit von Miranda, Hazard und Miranda aus dem Jahr 2017 bei Alzheimer erst spĂ€t degenerieren, gewinnt Musik in der Seniorenbetreuung an Bedeutung.

Die Kronberg Academy weitete interaktive, von der Reiss Stiftung geförderte GesprÀchskonzerte mit geschulten Musikern auf Frankfurter Pflegeheime aus.

Arthur Schall von der Goethe-UniversitÀt Frankfurt, die das Projekt wissenschaftlich begleitet, verweist darauf, dass musikalische Formate das emotionale Befinden von Demenzkranken durch direkte Einbindung und das Aufgreifen spontaner Reaktionen stabilisieren können.

In der therapeutischen Praxis zeigen sich vergleichbare Resultate: In der Pekinger Seniorenresidenz „Dajia de“ erfasste der Musiktherapeut Wang Hanlin bei betreuten Demenzpatienten nach gezielter Intervention einen RĂŒckgang negativer Äußerungen um 53 Prozent.

Zudem belegen Messungen des Pittsburgh-SchlafqualitÀtsindex bei sieben Teilnehmern zwischen 2023 und 2026 eine gesteigerte SchlafqualitÀt. Ob durch Chorgesang, der beide HirnhÀlften synchronisiert, aktives Instrumentalspiel oder rezeptives Hören: Musik erweist sich in Forschung und Praxis als nebenwirkungsfreies Mittel zur StÀrkung kognitiver Reserven.

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