Demenzversorgung: Ă–sterreich plant Rechtsanspruch auf spezialisierte Pflege
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 01:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Anlässlich des Welt-Alzheimertages plädieren Fachinstitutionen und Interessenvertretungen für eine grundlegende Neuausrichtung der Demenzversorgung. Im Zentrum der Debatte stehen Forderungen nach einem gesetzlich verankerten Rechtsanspruch auf spezialisierte Pflege sowie die Etablierung flächendeckender, ganzheitlicher Betreuungsmodelle, um der prognostizierten Zunahme an Erkrankungen zu begegnen.
Versorgungssituation und demografische Prognosen
Der Handlungsbedarf wird durch aktuelle Statistiken untermauert. Der Pensionistenverband Österreichs (PVÖ) verweist auf den Österreichischen Demenzbericht 2025, wonach derzeit rund 170.000 Menschen in Österreich mit einer Demenzerkrankung leben. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Bis zum Jahr 2050 könnte diese Zahl auf über 290.000 Personen ansteigen. Diese Einschätzung teilt auch der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP).
PVÖ-Präsidentin Birgit Gerstorfer fordert vor diesem Hintergrund erstmals einen Rechtsanspruch auf demenzgerechte Versorgung. Dies umfasse spezialisierte Demenzbereiche in Pflegeheimen, demenzfreundliche Krankenhäuser sowie österreichweit verbindliche Qualitätsstandards.
Zur Unterstützung der häuslichen Pflege verlangt die Organisation zudem regelmäßig finanzierte Entlastungstage inklusive Kostenübernahme für die Ersatzpflege sowie einen Angehörigenbonus ab der Pflegegeldstufe 3.
Defizite bei der Tagesbetreuung und psychologischen Begleitung
Die Diakonie Österreich identifiziert erhebliche Lücken bei der leistbaren Tagesbetreuung. Direktorin Maria Katharina Moser fordert den Ausbau von Zentren, die für alle Betroffenen zwei- bis dreimal wöchentlich zugänglich sein müssten.
Aktuell existieren in Ă–sterreich 260 solcher Einrichtungen, von denen die Diakonie elf Standorte betreibt. Eine Wirkstudie des Diakoniewerks Wels belegt den Nutzen dieser Angebote: 89 Prozent der Befragten berichteten von einer deutlichen zeitlichen und emotionalen Entlastung sowie positiven Effekten auf den Krankheitsverlauf.
Trotz dieser Ergebnisse nutzen derzeit nur zwei Prozent der Pflegegeldbezieher solche Tagesbetreuungszentren. Ein wesentliches Hindernis stellen die Kosten dar: Laut Bianca Friedrich-Hess liegen die Gesamtkosten der Tagesbetreuung bei fast 120 Euro täglich, wobei ein Großteil auf den Fahrtendienst entfällt.
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Je nach Wohnort zahlen Betroffene zwischen 25 und 80 Euro Selbstbehalt für nahezu identische Leistungen. Die Diakonie mahnt daher Kostenobergrenzen und den Übergang zu Demenz-Kompetenzzentren an. Während der Pflegevorsorgebericht des Sozialministeriums einen Ausbau des Angebots um 36 Prozent vorsieht, ist dessen Realisierung durch aktuelle Sparmaßnahmen gefährdet.
Parallel dazu fordert der BĂ–P den Ausbau gerontopsychologischer Angebote. Gefordert werden ein niederschwelliger Zugang zu kassenfinanzierter psychologischer Behandlung in allen Stadien der Erkrankung sowie fixe psychologische Stellen in Wohn- und Pflegeheimen sowie bei mobilen Diensten.
Ergänzende Therapieansätze und regionale Initiativen
Neben der pflegerischen Versorgung rücken künstlerisch-therapeutische Ansätze stärker in den Fokus. Die Bundesinitiative Musik & Demenz verweist auf eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2026, die bei 2.316 Teilnehmenden Verbesserungen der Lebensqualität und eine Verringerung von Angstzuständen durch Musiktherapie feststellte. Auch eine systematische Übersicht aus dem Jahr 2022 bestätigte kurzfristige Vorteile für die Kognition bei zuhause lebenden Personen.
Auf regionaler Ebene werden bereits spezifische Projekte umgesetzt. Das Land Burgenland zog eine Bilanz der im April gestarteten flächendeckenden mobilen Demenzbegleitung. In den ersten fünfeinhalb Monaten wurden bei 638 Hausbesuchen rund 530 Betreuungsstunden geleistet.
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Für die kommenden Jahre ist zudem der Ausbau stationärer Plätze geplant: In Rechnitz soll Ende kommenden Jahres ein Demenzzentrum mit 63 Plätzen den Betrieb aufnehmen, das auch eine spezialisierte Pflegeoase für schwere Demenzfälle umfasst.
In Niederösterreich, wo mehr als 22.000 Menschen betroffen sind, informiert der Demenzservice NÖ im Rahmen eines Demenztages im Oktober in Mistelbach über Unterstützungsmöglichkeiten.
Strategien und gesellschaftliche Teilhabe
Im internationalen Vergleich mahnt die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) die FortfĂĽhrung der Nationalen Demenzstrategie in Deutschland an. Die bisherige Strategie fĂĽr die rund 1,8 Millionen Betroffenen ist bis Ende dieses Jahres befristet; eine Fortsetzung wird ab 2027 in Aussicht gestellt.
Der Internationale Bund betont unterdessen die Bedeutung der gesellschaftlichen Teilhabe. Ein Beispiel für innovative Ansätze ist das Projekt „Ankerpunkte“ im Waldviertel, bei dem künstlerische Begegnungsräume für Menschen mit und ohne Demenz erprobt werden, um daraus ein Praxis-Handbuch für Gemeinden zu entwickeln.
