Depressive Symptome: Zwei Belastungen können das Risiko mehr als verdoppeln
Veröffentlicht am: 11.10.2026 um 15:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und arbeitsmarktpolitische Analysen widmen sich verstärkt der Frage, wie unflexible Arbeitszeitsysteme und psychische Anforderungen das Wohlbefinden der Beschäftigten beeinträchtigen. Im Fokus stehen dabei gesundheitliche Belastungen durch abweichende Biorhythmen sowie die Folgen von Arbeitsverdichtung und unklaren Rollenerwartungen.
Belastungen des Biorhythmus durch Schicht- und Standardarbeitszeiten
Feste Arbeitszeitregelungen kollidieren häufig mit individuellen biologischen Leistungskurven. Berichten von t3n.de zufolge weisen Untersuchungen darauf hin, dass sogenannte Nachteulen in klassischen Nine-to-Five-Beschäftigungsverhältnissen früher erkranken.
Besonders gravierend stellen sich die Auswirkungen bei Nachtarbeit dar. Diese kann den zirkadianen Rhythmus stören und Schlaf, Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System sowie die Aufmerksamkeit belasten. Das biologische Leistungstief liegt dabei typischerweise zwischen 3 und 5 Uhr.
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft Nachtarbeit zudem als wahrscheinlich krebserregend ein. Als mögliche betriebliche und individuelle Gegenmaßnahmen gelten vorwärts rotierende Schichtmodelle, gezieltes Lichtmanagement, Schlafhygiene und leichte Kost.
In Deutschland existiert keine pauschale gesetzliche Altersgrenze für eine Befreiung von Nachtschichten, obgleich die Belastungen ab 45 bis 50 Jahren deutlich zunehmen.
Nach § 6 des Arbeitszeitgesetzes (ArbZG) können gesundheitlich gefährdete Nachtarbeitnehmer arbeitsmedizinisch untersucht und bei betrieblicher Machbarkeit auf Tagesarbeitsplätze umgesetzt werden. Tarifverträge sehen mitunter ab einem Alter von 55 oder 60 Jahren freiwillige Ausstiegsoptionen vor.
Psychische Risiken durch Verdichtung und Rollenunsicherheit
Neben zeitlichen Faktoren wirken sich Arbeitsorganisation und Aufgabenprofile direkt auf die mentale Verfassung aus. Das dänische Nationale Forschungszentrum für Arbeitsumwelt (NFA) untersuchte in einer am 9. Oktober 2026 veröffentlichten Studie mehr als 18.000 Beschäftigte auf Grundlage selbstberichteter Arbeitsumfelddaten.
Hohe Arbeitsmengen und starker Zeitdruck in Verbindung mit hohen emotionalen Anforderungen gingen demnach mit dem höchsten Risiko für depressive Symptome einher, gemessen an einem MDI-Wert von mindestens 21. Bei mehreren Kombinationen zweier Belastungsarten war das Risiko in einigen Fällen mehr als doppelt so hoch wie ohne diese Anforderungen.
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Eine Untersuchung der Universität Bielefeld zeigte zudem, dass sowohl die Zunahme als auch die Abnahme von Aufgaben, die als illegitim und rollenfremd empfunden werden, mit höherer emotionaler Erschöpfung verbunden ist als ein stabiles Aufgabenniveau. Die Forschenden begründen dies mit Verunsicherungen über künftige Rollenerwartungen und raten Betrieben zu einer transparenten Kommunikation bei Aufgabenveränderungen.
Steigende Fehlzeiten und finanzielle Folgen
Die dokumentierten Belastungsmuster spiegeln sich in den Kennzahlen der Krankenversicherungen wider. Demnach stiegen die psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeitstage bei AOK-versicherten Beschäftigten von 284 je 100 Mitglieder im Jahr 2016 auf 403 im Jahr 2025, was einem Anstieg von knapp 42 Prozent entspricht.
Erhebungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) belegen, dass die auf Burnout zurückgehenden Ausfalltage im selben Zeitraum von 11 auf 19,5 je 100 Mitglieder kletterten, ein Zuwachs von 77 Prozent.
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Psychische Diagnosen zogen 2025 eine durchschnittliche Falldauer von 28,5 Tagen nach sich, während Atemwegserkrankungen im Schnitt 5,7 Tage dauerten. Bei 23,3 Ausfalltagen je Mitglied im Jahr 2025 waren Berufe im Dialogmarketing mit 39,0 psychischen Ausfallfällen je 100 Mitglieder am stärksten betroffen, gefolgt von der Familien- und Altenpflege.
Parallel stiegen die vorläufigen Krankengeldausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 2025 auf 21,6 Milliarden Euro (6,1 Prozent der Gesamtausgaben), verglichen mit 11,2 Milliarden Euro (5,2 Prozent) vor zehn Jahren.
Die Fälle psychisch bedingten Krankengelds nahmen von 2021 bis 2025 um knapp 25 Prozent zu, die entsprechenden Ausgaben um 54 Prozent. Angesichts dieser Entwicklung mahnte der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) anlässlich des Welttags der seelischen Gesundheit mehr Prävention, planbare Arbeitszeiten und lebensphasenorientierte Modelle an.

