Hohe Kosten: Invasive Arten sind massives Problem
04.09.2023 - 14:18:01Sie verdrĂ€ngen einheimische Tiere und Pflanzen, zerstören ganze Ăkosysteme und verursachen jedes Jahr Hunderte Milliarden Euro an SchĂ€den: Sogenannte invasive Arten sind einem internationalen Bericht zufolge ein bisher massiv unterschĂ€tztes Problem.
So gelten die eingeschleppten oder absichtlich angesiedelten Spezies als eine der Hauptursachen fĂŒr den weltweiten ArtenrĂŒckgang. Und da immer mehr Menschen reisen und immer gröĂere Warenströme ausgetauscht werden, dĂŒrfte das Problem in Zukunft noch zunehmen.
Der Bericht wurde von dem in Bonn angesiedelten WeltbiodiversitÀtsrat (IPBES) veröffentlicht. 86 Expertinnen und Experten aus 49 LÀndern haben daran vier Jahre gearbeitet.
«Es ist der erste Bericht, der das Problem so global und umfassend behandelt», sagte Sven Bacher, Professor fĂŒr Ăkologie und Evolution an der schweizerischen UniversitĂ€t Freiburg, der Deutschen Presse-Agentur. «Jetzt haben wir endlich eine Datengrundlage, mit der wir zeigen können, wie groĂ das AusmaĂ dieses PhĂ€nomens ist.»
Etwa 3500 invasive Arten - und eine hohe Dunkelziffer
Insgesamt sind vorsichtigen SchĂ€tzungen zufolge mittlerweile 37.000 gebietsfremde Arten durch das Einwirken des Menschen aus ihrem natĂŒrlichen Verbreitungsgebiet in andere Regionen gebracht worden. Etwa 3500 dieser Arten richten SchĂ€den an - sie sind die invasiven Arten. Die jĂ€hrlichen wirtschaftlichen Kosten betrugen dem Bericht zufolge im Jahr 2019 423 Milliarden Dollar (392 Milliarden Euro).
FĂŒr Deutschland gibt das Bundesamt fĂŒr Naturschutz (BfN) 900 gebietsfremde Arten an, von denen etwa 90 invasiv sind. «Diese Zahlen sind sehr zurĂŒckhaltend», sagt dazu der IPBES-Experte Hanno Seebens. «Nach unseren Datenbanken haben wir in Deutschland mindestens 2600 etablierte gebietsfremde Arten, von denen ein Teil invasiv ist.» All diese Zahlen bezögen sich nur auf dokumentierte Arten - es gebe mit Sicherheit eine hohe Dunkelziffer.
Eine invasive Art kann ganze Ăkosysteme verĂ€ndern
Eine invasive Art ist zum Beispiel ein Pilz mit dem Namen Salamanderpest, der tödlich fĂŒr Feuersalamander-Populationen ist. Er hat sich von den Niederlanden aus nach Deutschland verbreitet. «In den letzten Jahren haben wir den auch schon in Bayern gefunden, und jetzt haben wir groĂe Angst, dass er sich noch weiter ausbreitet», erlĂ€utert Bacher.
Es gebe aber auch invasive Arten, die ganze Ăkosysteme verĂ€nderten. «Da könnte man die Pazifische Auster anfĂŒhren, die in der Nordsee groĂe AusternbĂ€nke bildet und dadurch sogar die StrömungsverhĂ€ltnisse im Wattenmeer verĂ€ndert. So wird der Lebensraum als Ganzes durch eine einzige invasive Art stark beeinflusst.»
Neben diesen NaturschĂ€den gibt es aber auch starke wirtschaftliche SchĂ€den. So zerstören Bisamratten - ursprĂŒnglich wegen ihres Pelzes eingefĂŒhrt - vielfach Uferbefestigungen. Der JapankĂ€fer wiederum fĂ€llt wie eine biblische Plage ĂŒber Felder her und frisst alles kahl. In der Schweiz wird dagegen mit Pestiziden auch in privaten GĂ€rten vorgegangen.
Verpflanzt vom Menschen
Seebens ist es wichtig zu betonen, dass nicht die invasiven Arten selbst diese Entwicklung auslösen, sondern der Mensch, der sie von einem Kontinent auf den anderen verpflanzt. Seit den 1950er Jahren nimmt die Verbreitung gebietsfremder Arten weltweit zu - und das immer schneller. «Aktuell erreichen wir eine Dimension von etwa 200 neuen Arten weltweit jĂ€hrlich», so Seebens. Die dahinter liegenden TriebkrĂ€fte wie etwa der internationale Handel, aber auch die Zerstörung von Habitaten nĂ€hmen immer weiter zu. «Es gibt keinerlei Anzeichen dafĂŒr, dass sich dieser Trend irgendwie abschwĂ€chen wird - im Gegenteil.»
Die positive Nachricht ist, dass es nach dem einhelligen Urteil der Wissenschaftler erprobte und effiziente MaĂnahmen zum Gegensteuern gibt. «Am besten ist es natĂŒrlich, die Verbreitung solcher Arten von vornherein zu verhindern - durch PrĂ€vention», betont Bacher. «Es gibt schon internationale Abkommen, etwa fĂŒr Schifffahrt, fĂŒr Ballastwasser, aber das Problem ist, dass sie nicht richtig eingehalten werden.» Die Wissenschaftler fordern deshalb strengere Kontrollen. Auch sei ein koordinierteres Vorgehen wichtig. Es mache wenig Sinn, nur auf lokaler Ebene gegen das Problem anzukĂ€mpfen, denn invasive Arten halten sich natĂŒrlich nicht an Verwaltungs- und LĂ€ndergrenzen.
Auch der Einzelne ist gefragt. «Viele von uns haben zum Beispiel gebietsfremde, vielleicht sogar invasive exotische Pflanzen im Garten stehen», so Bacher. «Oder ein anderes Beispiel: Wir bereisen immer entlegenere Gebiete, fliegen dann zurĂŒck und benutzen hier die Wanderschuhe, an denen sich noch Erde vom anderen Ende der Welt befindet. Auf diese Weise tragen wir unter UmstĂ€nden selbst dazu bei, völlig fremde Arten hier anzusiedeln.»


