So bedroht die Klimakrise EisbÀren
13.02.2024 - 18:02:52Kaum ein Tier steht so fĂŒr die verheerenden Folgen der KlimaerwĂ€rmung wie der EisbĂ€r - und tatsĂ€chlich machen lĂ€ngere eisfreie Phasen in der Arktis den Raubtieren schwer zu schaffen. Das zeigt eine aufwendige Studie im Fachblatt «Nature Communications», fĂŒr die Forschende 20 EisbĂ€ren in Kanada ĂŒber mehrere Wochen sehr genau beobachtet haben. Dabei stellte das Team um Anthony Pagano vom Alaska Science Center fest, dass die EisbĂ€ren zwar auch an Land auf Futtersuche gehen, dabei aber weniger erfolgreich sind und an Gewicht verlieren.
Der fortschreitende Klimawandel fĂŒhrt in der Arktis zu einem RĂŒckgang des Meereises. FĂŒr die EisbĂ€ren ist das ein Problem, weil sie auf dem Eis vom spĂ€ten FrĂŒhling bis zum FrĂŒhsommer Robben jagen, die zu dieser Zeit ihre Jungtiere zur Welt bringen. Zieht sich das Meereis zurĂŒck, sind EisbĂ€ren gezwungen, an Land zu gehen. Durch die ErderwĂ€rmung haben sich die eisfreien Phasen erheblich verlĂ€ngert: Von 1979 bis 2015 schon um drei Wochen, sodass EisbĂ€ren mittlerweile 130 Tage im Jahr an Land verbringen.
22 bis 67 Prozent weniger Jungtiere
Zwar sind EisbĂ€ren anpassungsfĂ€hig und jagen vereinzelt auch Beute an Land. Doch sollte sich die eisfreie Zeit weiter verlĂ€ngern, befĂŒrchten Wissenschaftler, dass das Ăberleben der Tierart stark gefĂ€hrdet wird. So könnten bis 2050 laut SchĂ€tzungen 22 bis 67 Prozent weniger Jungtiere geboren werden. Andere Forschende gehen davon aus, dass ein Viertel der MĂ€nnchen verhungern wird, wenn das arktische Meer 180 Tage eisfrei bleibt.
Trotz dieser Vermutungen ist unklar, ob EisbĂ€ren wĂ€hrend der meereisfreien Zeit lĂ€nger ĂŒberleben könnten, wenn sie weniger Energie verbrauchen oder neue Nahrungsquellen erschlieĂen. Um das herauszufinden, untersuchte das Team um Pagano 20 EisbĂ€ren in der kanadischen Hudson Bay wĂ€hrend der meereisfreien Zeit.
Die Autoren ermittelten den tĂ€glichen Energieverbrauch der Tiere sowie VerĂ€nderungen ihrer Körpermasse. Ăber GPS-Tracker, die mit einer Kamera ausgestattet waren, konnten die Forschenden beobachten, wie sich die Tiere verhielten, was sie fraĂen und wie viel sie sich bewegten.
19 von 20 EisbÀren verloren Gewicht
«Wir beobachteten sehr unterschiedliche Verhaltensweisen bei den EisbĂ€ren», sagte Pagano laut einer Pressemitteilung der Washington State University. «Manche BĂ€ren legten sich einfach hin und verbrauchten Ă€hnlich wenig Energie wie beim Winterschlaf. Andere suchten aktiv nach Futter und ernĂ€hrten sich von Vogel- und Karibu-Kadavern, Seetang und Beeren. Drei Tiere schwammen sogar ĂŒber etliche Kilometer durchs Meer, um dort nach Nahrung zu suchen.»
Je nach AktivitĂ€t stellten die Forschenden auch groĂe Unterschiede im tĂ€glichen Energieverbrauch der Tiere fest. Insgesamt verloren aber 19 der 20 EisbĂ€ren an Gewicht: 0,4 bis 1,7 Kilogramm pro Tag und damit 8 bis 36 Kilogramm innerhalb des dreiwöchigen Beobachtungszeitraums. «Zwar konnten manche Tiere Nahrung finden. Doch verbrauchten sie fĂŒr die Futtersuche im Endeffekt mehr Energie, als sie ĂŒber die Nahrungsaufnahme wieder zurĂŒckgewinnen konnten», erklĂ€rt Pagano.
EisbÀren sind mit Grizzlys nicht zu vergleichen
Manche Fachleute hatten angenommen, dass EisbĂ€ren sich auf dem Festland so verhalten wĂŒrden wie ihre Verwandten, die Grizzly-BĂ€ren: Entweder gehen sie in den Ruhemodus oder suchen Nahrung an Land. Doch das ist offenbar nicht der Fall. «EisbĂ€ren sind keine Grizzlys mit weiĂem Fell. Sie unterscheiden sich sehr stark voneinander», sagte Co-Autor Charles Robbins, Direktor des Washington State University Bear Centers. «EisbĂ€ren sind gröĂer und wiegen auch wesentlich mehr. Um ihr Gewicht zu halten, fressen sie das energiereiche Fett von Robben â und die fangen sie ĂŒber das Meereis.»
Obwohl EisbĂ€ren ihr Verhalten sehr stark anpassen können, verdeutlichen die Ergebnisse, wie stark eine lĂ€ngere meereisfreie Phase das Risiko erhöht, dass die Tiere verhungern. «Dadurch, dass EisbĂ€ren sich frĂŒher aufs Festland zurĂŒckziehen mĂŒssen, haben sie auch weniger Zeit, um ĂŒberlebenswichtige Energiereserven aufzubauen», schildert Pagano. «Wir gehen davon aus, dass somit zukĂŒnftig mehr Tiere verhungern werden, insbesondere jĂŒngere EisbĂ€ren und Weibchen mit Jungtieren.»
Die Naturschutzorganisation WWF wies darauf hin, dass die Entwicklung auch Auswirkungen auf Menschen haben kann. «Je mehr Zeit EisbĂ€ren an Land verbringen, desto gröĂer ist das Risiko von Interaktionen und Konflikten mit den Menschen in den arktischen KĂŒstengemeinden», teilte die Organisation mit. «Als groĂes Raubtier stellen EisbĂ€ren eine erhebliche Gefahr fĂŒr das menschliche Leben dar, und Begegnungen können zu SachschĂ€den, Verletzungen und dem Verlust des Lebens sowohl von Menschen als auch von BĂ€ren fĂŒhren.»
Die EisbÀren in der westlichen Hudson Bay sind den Fachleuten um Pagano zufolge wahrscheinlich stÀrker von den Folgen des Klimawandels betroffen als jene in anderen Regionen in der Arktis.


