Warum wir 60-Stunden-Tage haben könnten
12.07.2023 - 05:04:43 | dpa.de
Die vom Mond verursachten Flutberge der Meere wirken wie Bremsbacken und verlangsamen die Rotation der Erde. WĂŒrde die Drehung unseres Planeten allein vom Erdtrabanten abhĂ€ngen, mĂŒsste ein Tag inzwischen 60 Stunden lang sein. Doch die Sonne hat die Verlangsamung der Erdrotation etwa anderthalb Milliarden Jahre lang zum Stillstand gebracht und so fĂŒr die heutige TageslĂ€nge von 24 Stunden gesorgt.
Zu diesem Schluss kommen Forscher aus Kanada und Frankreich durch geologische Untersuchungen von gezeitenabhĂ€ngigen Ablagerungen sowie mithilfe von Klimamodellen. Die globale ErwĂ€rmung, so folgern die Wissenschaftler im Fachblatt «Science Advances», könnte die Abbremsung kĂŒnftig jedoch verstĂ€rken.
TageslÀnge einst bei etwa 19,5 Stunden
Die junge Erde drehte sich vor 4,5 Milliarden Jahren erheblich schneller als heute. Ein Tag war damals deutlich kĂŒrzer als zehn Stunden. Zu jener Zeit umkreiste der frisch entstandene Mond die Erde noch auf einer wesentlich engeren Bahn und entsprechend waren die Gezeiten viel stĂ€rker als heute. Da die Flutberge als Bremse wirken, verlangsamte sich die Erdrotation stetig - bis vor etwa zwei Milliarden Jahren.
Wie die Untersuchungen von Norman Murray von der University of Toronto in Kanada und seinen Kollegen zeigen, kam dieser Prozess damals zum Stillstand - die TageslÀnge blieb 1,4 Milliarden Jahre lang konstant bei etwa 19,5 Stunden. Erst danach nahm sie bis heute weiter zu.
Mithilfe von Klimamodellen, wie sie auch fĂŒr die Vorhersage der derzeitigen globalen ErwĂ€rmung verwendet werden, kamen die Forscher jetzt der Ursache fĂŒr den Stillstand auf die Spur. «Die Strahlung der Sonne verursacht zusĂ€tzlich Gezeiten in der LufthĂŒlle der Erde», erlĂ€utert Murray. Diese atmosphĂ€rischen Gezeiten beschleunigen im Gegensatz zu den Mond-Gezeiten die Erddrehung, sind jedoch im Vergleich zu diesen erheblich geringer und daher zumeist ohne groĂe Bedeutung. Allerdings, wie die Forscher zeigen, nicht immer.
PhÀnomen wie bei einer Kinderschaukel
Denn die LufthĂŒlle der Erde kann Ă€hnlich einer Glocke schwingen. Die Schwingung hĂ€ngt dabei von der Temperatur der AtmosphĂ€re ab. Vor zwei Milliarden Jahren war die AtmosphĂ€re wĂ€rmer als heute - und es kam zu einer «Resonanz»: Die Schwingung der LufthĂŒlle war plötzlich in Ăbereinstimmung mit der Rotationsdauer - und damit auch mit den von der Sonnenstrahlung verursachten Gezeiten. Durch die Resonanz schaukelten sich die Sonnen-Gezeiten auf und ihr Einfluss auf die Erddrehung wurde so stark, dass er die Abbremsung durch den Mond ausglich.
Murray vergleicht das PhĂ€nomen mit einer Kinderschaukel: «Gibt man dem Kind unabhĂ€ngig von der Bewegung der Schaukel Anschub, so kommt die Schaukel nicht sehr hoch. StöĂt man jedoch im gleichen Rhythmus wie die Schaukel, also in Resonanz, so bewegt sich die Schaukel höher und höher. Ganz Ă€hnlich hat die atmosphĂ€rische Resonanz die Gezeiten der Sonne aufgeschaukelt.»
TageslÀnge nimmt derzeit minimal ab
Die Studie von Murray und seinen Kollegen zeigt aber nicht nur, warum der Tag auf der Erde heute 24 Stunden lang ist. Sie bietet auch einen Ausblick auf die Zukunft der Erde. Die Schwingung der ErdatmosphÀre dauert heute 22,8 Stunden - sie ist also zwar nicht in Resonanz mit der TageslÀnge, aber auch nicht allzu weit davon entfernt.
«Wenn sich die Temperatur der AtmosphĂ€re durch die globale ErwĂ€rmung weiter erhöht, wird dieser Unterschied jedoch gröĂer», sagt Murray. «Dadurch nimmt der Einfluss der Sonne auf die Erddrehung weiter ab - und die TageslĂ€nge nimmt schneller zu als ohne die ErwĂ€rmung.» Beunruhigend ist die Entwicklung allerdings nicht: Die TageslĂ€nge nimmt derzeit um 1,7 Tausendstel Sekunden pro Jahrhundert zu - selbst eine deutlich gröĂere Zunahme wĂ€re in menschlichen ZeitrĂ€umen betrachtet ohne Bedeutung.
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