Apotheken, Tiefstand

Deutsche Apotheken auf Tiefstand wie seit 1977 nicht mehr

05.05.2026 - 17:52:31 | boerse-global.de

Die Zahl der Apotheken in Deutschland fĂ€llt auf den tiefsten Stand seit 50 Jahren. BranchenverbĂ€nde fordern eine Anpassung der VergĂŒtung.

Deutsche Apotheken auf Tiefstand wie seit 1977 nicht mehr - Bild: ĂŒber boerse-global.de
Deutsche Apotheken auf Tiefstand wie seit 1977 nicht mehr - Bild: ĂŒber boerse-global.de

Ende MĂ€rz 2026 zĂ€hlte der Markt nur noch 16.541 Standorte – ein alarmierender Trend, der die Versorgung chronisch Kranker gefĂ€hrdet.

Wirtschaftlicher Druck und immer mehr Schließungen

Der AbwĂ€rtstrend hat sich im ersten Quartal 2026 noch einmal verschĂ€rft. Zwischen Januar und Ende MĂ€rz meldeten 79 Apotheken ihre Schließung, wĂ€hrend nur 19 Neueröffnungen zu verzeichnen waren. Per Saldo verschwanden damit 60 Standorte allein in den ersten drei Monaten des Jahres.

Bereits 2025 hatte die Branche wirtschaftlich schwer zu kĂ€mpfen. Die durchschnittliche Nettogewinnmarge fiel auf 4,2 Prozent – ein deutlicher RĂŒckgang gegenĂŒber 6,5 Prozent vor zehn Jahren. Zwar stiegen die Gesamterlöse der Branche 2025 auf 74,2 Milliarden Euro (nach 70,3 Milliarden im Vorjahr), doch die Situation der einzelnen Betriebe erzĂ€hlt eine andere Geschichte.

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Das durchschnittliche Betriebsergebnis einer deutschen Apotheke lag 2025 bei 168.000 Euro. Doch rund ein Drittel aller Apotheken erwirtschaftete weniger als 100.000 Euro – eine Schwelle, die Experten als kritisch fĂŒr die wirtschaftliche StabilitĂ€t betrachten. Etwa sieben Prozent der Apotheken arbeiteten sogar defizitĂ€r.

Der Bundesverband Deutscher ApothekerverbÀnde (ABDA) warnt vor einer strukturellen Schieflage: Die Personalkosten sind seit 2013 um 39 Prozent gestiegen, die gesamten Betriebskosten sogar um 71 Prozent. Die Fixpauschale von 8,35 Euro pro Rezept wurde seit Jahren nicht an die Inflation angepasst.

„Das System leidet unter chronischer Unterfinanzierung“, kritisiert DAV-Vorsitzender Hans-Peter Hubmann. Die VerbĂ€nde fordern eine Erhöhung der Fixpauschale auf 9,50 Euro – idealerweise zum 1. Juli 2026. Die Analysten von Treuhand Hannover warnen: Ohne Gegensteuern könnte der Anteil defizitĂ€rer Apotheken von 6,9 auf 7,5 Prozent steigen. In den kommenden Jahren droht der Verlust von bis zu zehn Prozent des bestehenden Netzes.

Apotheken als SchlĂŒssel bei chronischen Schmerzen

Der RĂŒckgang lokaler Apotheken trifft das Gesundheitssystem zu einem denkbar ungĂŒnstigen Zeitpunkt. Am 4. Mai 2026 veröffentlichten der AOK-Bundesverband und das aQua-Institut den neuen QISA-Band C5. Er fĂŒhrt 13 QualitĂ€tsindikatoren fĂŒr die Behandlung chronischer, nichttumorbedingter Schmerzen in der PrimĂ€rversorgung ein.

Entwickelt von der UniversitĂ€t Heidelberg im Rahmen des RELIEF-Projekts, zielen diese Indikatoren auf ProzessqualitĂ€t und die Vermeidung von Behandlungsfehlern. Apotheken kommt dabei eine zentrale Rolle zu – insbesondere bei der Überwachung von Opioidverschreibungen und der Langzeitbetreuung von Patienten.

„Langfristige, strukturierte UnterstĂŒtzung ist fĂŒr Patienten mit anhaltenden Schmerzen unverzichtbar“, betont Dr. Carola Reimann vom AOK-Bundesverband. Das QISA-System umfasst mittlerweile 16 BĂ€nde mit ĂŒber 200 Indikatoren.

Die lokale Apotheke bleibt die erste Anlaufstelle fĂŒr Patienten mit komplexen BedĂŒrfnissen – etwa jene, die transdermale Fentanyl- oder Buprenorphin-Pflaster benötigen. Schließen weiterhin Apotheken, besonders in lĂ€ndlichen Regionen, drohen logistische EngpĂ€sse bei der Umsetzung dieser QualitĂ€tsstandards.

Spezialisierte Versorgung bei EntzĂŒndungskrankheiten

Die Bedeutung eines dichten Apothekennetzes zeigt sich auch bei Patienten mit systemischem Lupus erythematodes (SLE) und anderen rheumatischen Erkrankungen. AnlĂ€sslich des Welt-Lupus-Tages am 10. Mai 2026 wies die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Rheumatologie (DGRh) auf erhebliche therapeutische Fortschritte hin – darunter CAR-T-Zell-Therapien fĂŒr schwere FĂ€lle.

SchĂ€tzungen zufolge leben in Deutschland zwischen 39.000 und 49.800 Menschen mit SLE. 90 Prozent von ihnen leiden unter Muskel- und Gelenkschmerzen. Hinzu kommen hĂ€ufig Depressionen, Angststörungen und Schlafprobleme. Die DGRh fordert eine bessere FrĂŒherkennung und verbesserten Zugang zu spezialisierter Versorgung.

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Doch genau dieser Zugang wird schwieriger: Die Zahl der BeschĂ€ftigten im Apothekensektor sank 2025 auf 159.484 – ein RĂŒckgang von ĂŒber 162.180 im Vorjahr. Dabei erfordern spezialisierte Medikamente intensive Beratung und prĂ€zise Abgabe.

Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Schmerzmedizin (DGS) unterstĂŒtzt zudem eine Petition zur Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Arzneimittel. Derzeit fließen jĂ€hrlich acht bis neun Milliarden Euro aus dem gesetzlichen Krankenversicherungssystem allein durch den 19-prozentigen Steuersatz ab. Eine Senkung könnte die Kosten fĂŒr Patienten reduzieren und die finanzielle Basis der Anbieter stabilisieren.

Analyse: GegensĂ€tzliche Positionen zur VergĂŒtung

Die Arbeit um die Zukunft der Apotheken ist von einem tiefen Graben zwischen Leistungserbringern und KostentrĂ€gern geprĂ€gt. Der GKV-Spitzenverband hĂ€lt die finanzielle Lage der Branche fĂŒr relativ stabil. Die GesamtvergĂŒtung der Apotheken stieg von 5,6 Milliarden Euro (2013) auf 7,1 Milliarden Euro (2024). Aus Sicht der Krankenkassen funktioniert das Versorgungsnetz.

Die Apotheker sehen das anders: Ihr Anteil an den gesamten Gesundheitsausgaben sei geschrumpft, wĂ€hrend ihre Aufgaben wuchsen. Das von der aktuellen Bundesregierung eingebrachte Spargesetz sieht höhere Pflichtrabatte vor, die Apotheken an die Krankenkassen abfĂŒhren mĂŒssen. Branchenberechnungen zufolge belastet dies jede Apotheke mit durchschnittlich 14.000 Euro pro Jahr.

Der wachsende Versandhandel mit Arzneimitteln – beschleunigt durch die EinfĂŒhrung des E-Rezepts – setzt die traditionellen Vor-Ort-Apotheken zusĂ€tzlich unter Druck. Zwar bieten Versanddienste Bequemlichkeit, doch sie können die pharmazeutischen Dienstleistungen nicht ersetzen, die seit 2022 vergĂŒtet werden: etwa Inhalationstrainings oder Blutdruckmessungen.

Ausblick: Gesetzesreform und regionale Versorgung

Die Bundesregierung hat Handlungsbedarf erkannt, doch Details und Zeitplan bleiben umstritten. Bundesgesundheitsminister Warken hat einen Gesetzentwurf zur Erhöhung der ApothekenvergĂŒtung angekĂŒndigt. Die Vorstellung ist fĂŒr Mitte Mai 2026 geplant. Wann die geforderte Erhöhung der Fixpauschale auf 9,50 Euro tatsĂ€chlich in Kraft treten könnte, bleibt offen.

Die regionalen Unterschiede in der Apothekendichte werden immer deutlicher. WĂ€hrend GroßstĂ€dte oft gut versorgt sind, hat etwa Worms seit 2020 jede fĂŒnfte Apotheke verloren. Das Iges-Institut stellt fest: Zwar erreicht die Mehrheit der Bevölkerung eine Apotheke noch innerhalb von 15 Minuten mit dem Auto, doch der Verlust fußlĂ€ufig erreichbarer Standorte wird fĂŒr Ă€ltere und mobilitĂ€tseingeschrĂ€nkte Patienten zunehmend zum Problem.

Bis zur Vorlage des Gesetzentwurfs im Mai bleibt die entscheidende Frage: Lassen sich die SparzwĂ€nge der gesetzlichen Krankenversicherung mit dem Erhalt eines flĂ€chendeckenden Apothekennetzes vereinbaren? Die Antwort wird darĂŒber entscheiden, ob die neuen QualitĂ€tsstandards fĂŒr die Schmerztherapie und der Zugang zu spezialisierten Behandlungen fĂŒr EntzĂŒndungskrankheiten in ganz Deutschland gesichert werden können.

de | wissenschaft | 69282571 |