Pflege, Koordinationschaos

Deutsche Pflege: Koordinationschaos trotz Digitalisierungsschub

12.05.2026 - 19:25:06 | boerse-global.de

Umfrage zeigt große Defizite bei Abstimmung zwischen Ärzten, Kliniken und Pflegediensten. Telemedizin startet trotz wachsender Cybergefahren.

Deutsche Pflege: Koordinationschaos trotz Digitalisierungsschub - Foto: ĂĽber boerse-global.de
Deutsche Pflege: Koordinationschaos trotz Digitalisierungsschub - Foto: ĂĽber boerse-global.de

Das deutsche Gesundheits- und Pflegesystem steckt in einem Dilemma: Während die Digitalisierung rasant voranschreitet, klaffen große Lücken in der Abstimmung zwischen Ärzten, Kliniken und Pflegediensten. Das zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse.

Strukturelle Defizite in der Versorgung

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 67 Prozent der Befragten beklagen mangelnde Koordination im Gesundheitswesen. Besonders betroffen ist der Pflegebereich – 38 Prozent erlebten in den vergangenen Monaten eine schlechte Zusammenarbeit zwischen Praxen, Krankenhäusern und Pflegediensten.

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Die Folgen für die Patienten sind gravierend. 65 Prozent klagen über lange Wartezeiten zwischen verschiedenen Terminen. 63 Prozent fühlen sich über die nächsten Behandlungsschritte unzureichend informiert. Und 61 Prozent erhalten nach eigenen Angaben unvollständige oder falsche Dokumente auf ihrem Behandlungsweg. Ein Teufelskreis, der vor allem Pflegebedürftige und ihre Angehörigen trifft.

Telemedizin startet im Juli – aber die Sicherheit hinkt hinterher

Trotz dieser Koordinationsprobleme treibt die Politik die Digitalisierung voran. Zum 1. Juli 2026 startet ein neues System für die assistierte Telemedizin in Apotheken. Patienten können dann in speziellen Räumen vor Ort per Video mit Fachärzten sprechen. Der Deutsche Apothekerverband (DAV) hat sich mit den Kassen auf eine Vergütung geeinigt – das Bundesgesundheitsministerium muss noch zustimmen.

Doch die digitale Offensive kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Der BSI Cybersicherheitsmonitor 2026 zeigt: Jeder neunte Internetnutzer wurde 2025 Opfer von Cyberkriminalität. Besonders perfide: Die Angriffe zielen gezielt auf ältere Menschen – also genau jene Gruppe, die am stärksten auf Pflege und medizinische Unterstützung angewiesen ist.

Die neue Bedrohungslage: KI-gesteuerte Betrugsmaschen

Die Methoden der Kriminellen werden immer raffinierter. 82,6 Prozent aller Phishing-Mails enthalten mittlerweile KI-generierte Inhalte. Spezielle Schadsoftware wie der TCLBanker-Trojaner zielt auf Dutzende Finanz-Apps ab.

Die Softwarefirma Bexio reagierte am 10. Mai 2026 mit einer drastischen Maßnahme: Für alle 100.000 Kunden wurde die Zwei-Faktor-Authentifizierung (2FA) zur Pflicht. Auslöser war eine Welle von Phishing-Angriffen mit manipulierten IBANs auf Rechnungen.

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Wenn der Enkeltrick digital wird

Aktuelle Kriminalfälle aus dem Mai 2026 zeigen die konkrete Gefahr für Senioren:

  • Ende April: Ein 75-Jähriger aus Esens verliert einen dreistelligen Betrag an falsche Microsoft-Mitarbeiter.
  • Anfang Mai: Ein 88-Jähriger in Rottweil wird Opfer von Schockanrufern, die sich als Polizisten ausgeben – Verlust: ein fĂĽnfstelliger Betrag.
  • 8. Mai: Ein 90-Jähriger in Bielefeld verliert ebenfalls einen fĂĽnfstelligen Betrag nach einem angeblichen Lotteriegewinn. Die Täter brachten ihn dazu, eine Fernwartungssoftware zu installieren.
  • 11. Mai: Eine 78-Jährige in Eisleben wird gleich zweimal betrogen – falsche Bankmitarbeiter erbeuten ihre TANs.

BSI-Präsidentin Claudia Plattner fordert einfachere Sicherheitslösungen und mehr Verantwortung der Hersteller. „Die Technik muss die Menschen schützen, nicht umgekehrt", so ihre Botschaft.

Europas Antwort auf Lieferengpässe

Parallel zur Digitalisierung setzt die EU auf mehr Unabhängigkeit bei Medikamenten. Ein neues Abkommen soll die Abhängigkeit von Importen aus Asien – derzeit 80 bis 90 Prozent – reduzieren. Öffentliche Aufträge sollen künftig europartige Produktion bevorzugen, strategische Projekte erhalten beschleunigte Genehmigungen.

Spardruck gefährdet Versorgung

Die Digitalisierungsoffensive steht unter keinem guten Stern. Das Bundesgesundheitsministerium plant Entlastungen von 16,3 Milliarden Euro für die gesetzliche Krankenversicherung bis 2027 – bei einem erwarteten Defizit von 15,3 Milliarden Euro. Die Maßnahmen: Deckelung von Vergütungen, höhere Zuzahlungen und mögliche Einschränkungen der beitragsfreien Familienversicherung.

Ärztepräsident Klaus Reinhardt schlägt Alarm: „Eine reine Sparpolitik wird zu massiven Versorgungsstörungen führen." Die strukturellen Probleme ließen sich nicht durch Kostensenkungen lösen.

Ausblick: Der Drahtseilakt zwischen Innovation und Sicherheit

Der Start der assistierten Telemedizin im Juli wird zum Lackmustest. Können Apotheken als digitale Knotenpunkte funktionieren? Die BSI-Daten zeigen: Ohne intuitive Sicherheitslösungen bleibt die digitale Teilhabe älterer Pflegebedürftiger ein Risiko.

Die Behörden setzen langfristig auf Post-Quanten-Kryptografie bis 2031. Kurzfristig aber geht es um die Basics: Werden die Koordinationslücken geschlossen, die die TK-Studie offengelegt hat? Nur wenn Pflegedienste, Kliniken und Praxen ihre Daten besser teilen, kann die Digitalisierung ihr Versprechen einlösen – und Patienten endlich die Informationen liefern, die sie für eine selbstbestimmte Behandlung brauchen.

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