Deutscher Zukunftspreis 2026: Reverion-Energiespeicher, Advitos-Intensivsystem und KIT-Photonik nominiert
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 13:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDrei innovative Projekte aus Bayern und Baden-Württemberg sind für den Deutschen Zukunftspreis 2026 nominiert und verbinden medizinische, energetische und digitale Schlüsselthemen.
Drei Nominierungen aus Süddeutschland vorgestellt
Ein intelligenter Energiespeicher, neue Technik für hocheffiziente Mikrochips und ein System für die Intensivmedizin stehen in diesem Jahr im Fokus des Preises für Technik und Innovation. Die drei Projekte wurden am Mittwoch im Deutschen Museum in München vorgestellt und gelten als marktreif. Wer den mit 250.000 Euro dotierten Preis erhält, entscheidet eine Jury am 18. November; Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird die Auszeichnung in Berlin überreichen. Bereits die Nominierung für den renommierten Wissenschaftspreis gilt als besondere Anerkennung für die beteiligten Teams.
Reverion: reversibles Brennstoffzellenkraftwerk als Energiespeicher
Wind- und Solaranlagen speisen zunehmend Strom in die Netze ein, allerdings mit stark schwankender Erzeugung. Forschende der Technischen Universität München haben daher ein reversibles Brennstoffzellenkraftwerk entwickelt, das Strom aus Biogas, Erdgas oder Wasserstoff erzeugen und bei einem Überangebot an erneuerbaren Energien Wasserstoff oder synthetisches Methan herstellen kann. Die so gewonnene Energie lässt sich langfristig im bestehenden Gasnetz speichern und später wieder zur Stromerzeugung nutzen. Aus der Technologie entstand 2022 das Unternehmen Reverion, dessen erste Anlagen bereits kommerziell eingesetzt werden.
Advitos-System für Intensivpatienten mit Multiorganversagen
Das zweite nominierte Projekt stammt von der Münchner Advitos-Gesellschaft und richtet sich an schwerkranke Intensivpatienten. Bei schwerer Sepsis, Vergiftungen oder nach Operationen kann es zu einem Multiorganversagen kommen, das bislang schwer zu beherrschen ist. Das neue System unterstützt gleichzeitig mehrere lebenswichtige Funktionen, indem es wasserlösliche und proteingebundene Giftstoffe aus dem Blut entfernt, bei der Elimination von Kohlendioxid hilft und den Säure-Basen-Haushalt stabilisiert. Die Technologie geht auf Arbeiten des 2022 verstorbenen Nephrologen Bernhard Kreymann aus dem Jahr 1995 zurück und wird nach Angaben des Teams inzwischen an mehr als 30 Intensivstationen in Deutschland und Österreich eingesetzt. Mehr als 11.500 Behandlungen sind damit bereits durchgeführt worden; Multiorganversagen infolge einer Sepsis zählt in Deutschland zur dritthäufigsten Todesursache.
KIT: photonische Mikrochips für große Datenmengen
Das dritte Projekt stammt von Forscherteams am Karlsruher Institut für Technologie. Mit der fortschreitenden Digitalisierung und dem Einsatz von KI-Systemen wachsen die Datenmengen und damit die Anforderungen an Rechenzentren und Kommunikationsnetze. Herkömmliche elektrische Datenübertragung verursacht bei hohen Datenraten erheblichen Energieverbrauch, Wärmeentwicklung und Signalverluste. Die Forschenden haben eine Fertigungstechnologie für photonische Mikrochips entwickelt, bei der mithilfe hochauflösenden 3D-Drucks auf der Nanoskala Chips und Glasfasern automatisiert über winzige dreidimensionale Lichtleiter verbunden werden. Diese photonischen Wirebonds ersetzen aufwendige Verbindungstechniken und ermöglichen erstmals eine Serienfertigung solcher Systeme. Ziel ist eine wirtschaftliche Produktion photonischer Systeme für Rechenzentren und Anwendungen etwa in der Künstlichen Intelligenz in großen Stückzahlen.
Tradition des Preises für Technik und Innovation
Der Preis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation wird seit 1997 verliehen und zählt zu den wichtigsten Auszeichnungen für angewandte Forschung in Deutschland. Im vergangenen Jahr wurde ein Stuttgarter Projekt ausgezeichnet, bei dem Forschende des Unternehmens Bosch ein kompaktes Brennstoffzellen-Antriebssystem für schwere Lastwagen entwickelt hatten, das einen emissionsfreien Fernverkehr ermöglichen soll. Die aktuellen Nominierungen knüpfen an diese Tradition an, indem sie technologische Fortschritte mit konkreten Anwendungen in Energieversorgung, Gesundheitswesen und digitaler Infrastruktur verbinden.
Strategische Bedeutung für Energiewende und Klimaziele
Die Nominierung von Reverion unterstreicht, wie zentral flexible Speicherlösungen für das Gelingen der Energiewende sind. Kurzfristige Speicher wie Batterien und Pumpspeicher reichen allein nicht aus, um große Strommengen über längere Zeit zu sichern. Technologien, die erneuerbare Überschüsse in Wasserstoff oder synthetische Gase umwandeln und im bestehenden Gasnetz speichern, können Schwankungen aus Wind- und Solarstrom ausgleichen und fossile Energieträger schrittweise ersetzen. Dass erste Anlagen bereits kommerziell laufen, zeigt, dass es nicht nur um ein Forschungsprojekt, sondern um einen marktnahen Baustein der künftigen Energieinfrastruktur geht.
Medizinische Innovation für Intensivstationen
Das Projekt von Advitos greift ein drängendes gesundheitspolitisches Problem auf: Sepsis und daraus folgendes Multiorganversagen zählen in Deutschland zu den häufigsten Todesursachen. Gerade auf Intensivstationen steht das Personal oft vor der Herausforderung, mehrere Organfunktionen gleichzeitig zu stabilisieren. Ein System, das Giftstoffe entfernt, den Kohlendioxidhaushalt beeinflusst und den Säure-Basen-Haushalt reguliert, kann hier die Behandlungsmöglichkeiten erweitern. Die bereits hohe Zahl an Anwendungen in Kliniken zeigt, dass die Technologie im Versorgungsalltag angekommen ist und nicht nur eine theoretische Option bleibt. Für Patienten könnte dies bessere Überlebenschancen und verkürzte Intensivaufenthalte bedeuten.
Digitale Infrastruktur und KI-Anwendungen
Die photonischen Chips aus Karlsruhe adressieren eine zentrale Frage der Digitalisierung: Wie lassen sich ständig wachsende Datenströme effizient übertragen, ohne dass Energieverbrauch und Wärmeentwicklung in Rechenzentren explodieren? Optische Datenübertragung verspricht geringere Verluste und mehr Energieeffizienz, war bislang aber aufwendig zu fertigen. Eine automatisierte Verbindungstechnik auf Basis von 3D-Druck und photonischen Wirebonds könnte die Serienproduktion solcher Systeme ermöglichen. Dies würde nicht nur große Cloud-Rechenzentren entlasten, sondern auch Anwendungen der Künstlichen Intelligenz unterstützen, die hohe Datenraten und niedrige Latenzen benötigen. Der Zukunftspreis rückt damit die Schnittstelle von Grundlagenforschung und industrieller Nutzung ins Zentrum.
