Diabetes-Implantat, Blutzucker

Diabetes-Implantat: Blutzucker senkt sich innerhalb einer Stunde

Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 23:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das ECHO-Implantat senkte bei MĂ€usen den Blutzucker, doch Wirksamkeit und Sicherheit beim Menschen sind noch ungeprĂŒft.
Symbolbild: Smartwatch neben einem Glas Wasser Illustration mit AI erstellt.

Ein Forschungsteam der ETH ZĂŒrich um Martin Fussenegger vom Departement Biosysteme in Basel hat ein elektronisches Implantat zur Behandlung von Diabetes entwickelt. Das System konnte in Tierversuchen bei MĂ€usen den Blutzuckerspiegel erfolgreich senken und weckt Hoffnungen auf neue Formen der Blutzuckerkontrolle.

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit mit dem Titel „Wireless electrocatalytic closed-loop system for drug-free management of diabesity“ von Debasis Maity, Preetam Guha Ray, Peter Buchmann, Ghislaine Charpin-El Hamri und Martin Fussenegger wurden im Fachjournal Science veröffentlicht.

Laut dem Abstract der Studie betreffen typbedingter Typ-2-Diabetes und die damit verbundene Adipositas weltweit 2,5 Milliarden Menschen und fĂŒhren zu jĂ€hrlichen Gesundheitskosten von nahezu 3 Billionen US-Dollar.

Elektrokatalytischer Abbau ohne Insulin

Das System trĂ€gt den Namen ECHO, was fĂŒr Electrocatalytic Closed-Loop Health Optimization steht, und lĂ€sst sich subkutan unter die Haut implantieren. Anders als bisherige therapeutische AnsĂ€tze benötigt das GerĂ€t weder biologische Zellen noch Enzyme oder Medikamente wie Insulin.

ÜberschĂŒssige Glukose wird stattdessen auf elektrokatalytischem Weg chemisch in Glukonat beziehungsweise GlukonsĂ€ure umgewandelt, die der Körper anschließend ĂŒber die Nieren mit dem Urin ausscheiden kann.

Das HerzstĂŒck der Vorrichtung bildet ein anorganischer Katalysator aus Graphitfilz, der mit Gold-Nanoclustern beziehungsweise Gold-Nanopartikeln und Platinpartikeln versehen ist.

Die Steuereinheit ist in einem GehĂ€use aus dem 3D-Drucker untergebracht. Die Energieversorgung funktioniert drahtlos ĂŒber eine Frequenz von 13,56 Megahertz, wobei der regulĂ€re Betrieb bei einer Spannung von 0,75 Volt und einer StromstĂ€rke von 10 Milliampere erfolgt.

Das System arbeitet im Verbund mit einem handelsĂŒblichen Glukosesensor am Oberarm, der Blutzuckerdaten per Bluetooth an ein Smartphone oder eine Smartwatch ĂŒbertrĂ€gt. Registriert das System erhöhte Werte, aktiviert das Smartphone das Implantat; ist der Zielwert erreicht, schaltet sich die Vorrichtung automatisch ab.

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Erfolgreiche Versuche im Tiermodell

In Versuchen mit an Typ-2-Diabetes erkrankten MĂ€usen normalisierten sich die Blutzuckerwerte innerhalb einer Stunde nach der drahtlosen Aktivierung. Über sechswöchige Testphasen hinweg sank der Blutzuckerspiegel wiederholt und blieb ohne gefĂ€hrliche Unterzuckerungen stabil.

Die Versuchstiere vertrugen das Implantat ĂŒber die Dauer von 6 Wochen gut, wobei weder thermische noch elektrische GewebeschĂ€den auftraten. Zudem verloren die behandelten MĂ€use an Gewicht und verbrannten Fettreserven; wĂ€hrend die Triglyceride sanken, stiegen freie FettsĂ€uren und Ketonkörper an.

Fussenegger erklĂ€rte gegenĂŒber dem Schweizer Radio und Fernsehen, dass keine Unterzuckerungsgefahr bestehe, da der Katalysator beim Erreichen des festgelegten Zielwerts die Arbeit stoppe. In Labortests mit einer 5-Liter-NĂ€hrlösung, was dem Blutvolumen eines erwachsenen Menschen entspricht, wies der Katalysator seine Funktion zur Glukoseumwandlung ebenfalls nach.

Offene Fragen und klinische Einordnung

Trotz der positiven Laborresultate steht das Verfahren noch am Anfang. Bislang wurde das Implantat ausschließlich an MĂ€usen sowie in In-vitro-Tests erprobt; klinische Studien am Menschen stehen noch aus. Zu den bestehenden EinschrĂ€nkungen gehört, dass der automatische Regelkreis bislang nur ĂŒber einen Zeitraum von 12 Tagen validiert wurde, wĂ€hrend die Behandlungsdauer 6 Wochen umfasste.

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Zudem bleiben Fragen zur LangzeitstabilitÀt, BiokompatibilitÀt, der Eignung bei Niereninsuffizienz sowie zu potenziellen Nebenprodukten und Langzeitfolgen erhöhter Konzentrationen von Glukonat oder Ketonen offen.

Fachleute mahnen deshalb zur Vorsicht. Andreas Birkenfeld vom Uniklinikum TĂŒbingen und dem Helmholtz Zentrum MĂŒnchen bezeichnete die elektronische Steuerung als innovativ, verwies jedoch auf ungeklĂ€rte Punkte hinsichtlich der Übertragbarkeit auf den menschlichen Organismus und der dauerhaften Funktion.

Michael Roden vom Deutschen Diabetes-Zentrum nannte potenzielle Risiken wie Infektionen, technische Fehlfunktionen sowie die Gefahr einer Ketoazidose bei gefĂ€hrdeten Personen. Siegfried Ussar vom Helmholtz Zentrum MĂŒnchen hielt fest, dass sich das Risikoprofil derzeit noch nicht seriös beurteilen lasse.

Die Forschenden der ETH ZĂŒrich beabsichtigen nun, den Katalysator schrittweise zu einem zertifizierten Medizinprodukt weiterzuentwickeln, wobei viele der verwendeten Komponenten bereits kommerziell erhĂ€ltlich sind. Allein in der Schweiz leben derzeit knapp eine halbe Million Menschen mit der Diagnose Typ-2-Diabetes.

Mehr zum Thema bei Frankfurter Rundschau: „Neues Diabetes-Implantat senkt Zucker in einer Stunde“

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