Diabetes und Krebs: Frauen tragen 22% höheres Risiko
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 05:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine auf der EASD-Jahrestagung in Mailand (28. September bis 2. Oktober 2026) vorgestellte Langzeitstudie des Steno Diabetes Center Aarhus rĂŒckt den Zusammenhang zwischen Typ-2-Diabetes und Krebserkrankungen erneut in den Fokus.
Die 27-Jahres-Untersuchung, die Daten von 1996 bis 2022 umfasst, kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes im Zeitraum 2010 bis 2022 ein um 12 Prozent (MÀnner) beziehungsweise 22 Prozent (Frauen) höheres Krebsrisiko aufwiesen als Menschen ohne Diabetes.
Im frĂŒheren Beobachtungszeitraum 1996 bis 2009 lagen diese Werte noch bei 9 beziehungsweise 15 Prozent â ein Hinweis darauf, dass sich der Risikoabstand ĂŒber die Jahre vergröĂert hat.
Adipositas-assoziierte Krebsarten im Anstieg
Besonders deutlich zeigt sich der Trend bei adipositas-assoziierten Tumoren wie Nieren-, BauchspeicheldrĂŒsen- und Leberkrebs. Hier verzeichnete die Studie fĂŒr 2010 bis 2022 einen Anstieg um 45 Prozent bei MĂ€nnern und 30 Prozent bei Frauen mit Typ-2-Diabetes, verglichen mit 34 beziehungsweise 23 Prozent im Zeitraum 1996 bis 2009. Auch bei einzelnen Krebsarten zeigen sich Verschiebungen: Postmenopausaler Brustkrebs trat bei Frauen mit Typ-2-Diabetes im aktuelleren Zeitraum um 8 Prozent hĂ€ufiger auf, Kolorektalkarzinome um 17 Prozent (MĂ€nner) beziehungsweise 14 Prozent (Frauen) hĂ€ufiger.
Beim Lungenkrebs lag der Anstieg bei 23 Prozent (MĂ€nner) und 25 Prozent (Frauen) â bemerkenswert, da im frĂŒheren Zeitraum bei Frauen noch ein RĂŒckgang um 12 Prozent verzeichnet wurde. Eine Ausnahme bildet Prostatakrebs: Bei MĂ€nnern mit Typ-2-Diabetes fiel das Risiko um 19 Prozent niedriger aus.
Grundlage der Auswertung sind Daten von 75.540 Erstdiagnosen bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und 635.323 bei Menschen ohne Diabetes ĂŒber einen Beobachtungszeitraum von 27 Jahren.
Studienleiterin Dr. Tinne Laurberg vom Steno Diabetes Center Aarhus wies jedoch darauf hin, dass die Studie lediglich eine Assoziation zeige, keine KausalitĂ€t belege. Faktoren wie Körpergewicht, Rauchen, Alkoholkonsum und körperliche AktivitĂ€t wurden in der Auswertung nicht separat berĂŒcksichtigt.
Ăbergewicht als unterschĂ€tzter Risikofaktor
Diese Befunde fĂŒgen sich in ein breiteres Bild, das eine Auswertung der UK Biobank zeichnet. Die Studie von Adhikari und Kollegen, veröffentlicht in Cancer Communications, untersuchte 458.543 Teilnehmer ĂŒber einen medianen Beobachtungszeitraum von rund 12 Jahren und registrierte mehr als 50.000 neue Krebserkrankungen.
Werden neben dem Body-Mass-Index auch Taillenumfang und Taille-HĂŒfte-VerhĂ€ltnis berĂŒcksichtigt, steigt der geschĂ€tzte Anteil ĂŒbergewichtsbedingter KrebsfĂ€lle demnach von rund 5,5 Prozent auf bis zu 11,5 Prozent â deutlich höher als frĂŒhere SchĂ€tzungen von 2 bis 8 Prozent nahelegten.
Der Effekt fiel bei Frauen und bei Erwachsenen unter 60 Jahren stÀrker aus. Auch hier handelt es sich um eine Beobachtungsstudie ohne KausalitÀtsnachweis.
PrÀvention und Versorgungslage in Deutschland
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) verweist darauf, dass in Deutschland mehr als 9 Millionen Menschen von Typ-2-Diabetes betroffen sind â laut Deutschem Gesundheitsbericht Diabetes 2026 mindestens 9,3 Millionen. DDG-PrĂ€sidentin Julia Szendrödi vom UniversitĂ€tsklinikum Heidelberg forderte in diesem Zusammenhang eine stĂ€rker individualisierte, sogenannte PrĂ€zisionsprĂ€vention.
Hintergrund ist unter anderem die PLIS-Studie, wonach eine herkömmliche LebensstilÀnderung das Leberfett bei Menschen mit hohem PrÀdiabetes-Risiko relativ um 24 Prozent senkte, eine intensivere Intervention sogar um 37 Prozent.
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Wer dabei Gewicht verlor und normale Blutzuckerwerte erreichte, hatte zwei Jahre spĂ€ter ein um 73 Prozent geringeres Risiko, tatsĂ€chlich an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Eine 2020 in Nature Medicine veröffentlichte Arbeit von Wagner und Kollegen unterscheidet zudem sechs verschiedene PrĂ€diabetes-Typen mit stark unterschiedlichem Risikoprofil fĂŒr Diabetes und FolgeschĂ€den.
Im deutschen Gesundheitssystem haben gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren alle drei Jahre Anspruch auf einen Gesundheits-Check mit NĂŒchternblutzuckermessung, im Alter zwischen 18 und 35 Jahren einmalig. Die diabetesbezogenen Ausgaben werden fĂŒr 2024 auf rund 36 Milliarden Euro geschĂ€tzt; die direkten medizinischen Kosten bei diagnostiziertem Diabetes liegen laut DDG etwa doppelt so hoch wie bei Menschen ohne die Erkrankung.
KrebsfrĂŒherkennung bleibt lĂŒckenhaft
Der Zusammenhang zwischen Diabetes, Ăbergewicht und Krebsrisiko erhĂ€lt zusĂ€tzliche Relevanz durch die Nationale KrebsprĂ€ventionswoche vom 21. bis 27. September 2026 unter dem Motto âLass mal checkenâ, initiiert von Deutscher Krebshilfe, DKFZ und Deutscher Krebsgesellschaft.
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Laut den Organisationen erkranken in Deutschland jĂ€hrlich mehr als 500.000 Menschen neu an Krebs, etwa ein Drittel davon im erwerbsfĂ€higen Alter. Gesetzlich Versicherte haben Anspruch auf FrĂŒherkennungsuntersuchungen zu Brust-, Darm-, GebĂ€rmutterhals-, Haut- und Prostatakrebs; fĂŒr starke Raucherinnen und Raucher wurde in diesem Jahr zusĂ€tzlich ein Anspruch auf Lungenkrebs-FrĂŒherkennung eingefĂŒhrt.
Dennoch nehmen laut den Angaben nur rund 50 Prozent der berechtigten Frauen am Mammographie-Screening teil, bei der Darmkrebs-FrĂŒherkennung liegt die Quote ebenfalls unter 50 Prozent.
Bundesforschungsministerin Dorothee BÀr (CSU) erklÀrte anlÀsslich der PrÀventionswoche, jeder zweite Mensch erkranke im Laufe seines Lebens an Krebs. Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) betonte, Krebsvorsorge könne Leben retten.
DKFZ-Vorstandsvorsitzender Michael Baumann verwies darauf, dass die Effizienz jedes FrĂŒherkennungsprogramms mit der Beteiligung stehe und falle, und forderte, besonders gefĂ€hrdete Menschen gezielter anzusprechen.
Das DKFZ bietet inzwischen ein CT-Screening fĂŒr langjĂ€hrige Raucherinnen und Raucher an; der Epidemiologe Prof. Rudolf Kaaks wies darauf hin, dass viele Berechtigte dieses Angebot noch nicht kennen, obwohl eine regelmĂ€Ăige Teilnahme wichtig sei.
Das DKFZ beschĂ€ftigt mehr als 3.500 Mitarbeitende und wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium fĂŒr Forschung, Technologie und Raumfahrt sowie zu 10 Prozent vom Land Baden-WĂŒrttemberg finanziert.
Konkrete Vorsorgeangebote der Krankenkassen
Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland bieten ein gestaffeltes FrĂŒherkennungsprogramm: Hautkrebs-Screening ab 35 Jahren alle zwei Jahre, Darmkrebsvorsorge mittels Stuhltests ab 50 Jahren sowie Koloskopie fĂŒr MĂ€nner ab 50 und Frauen ab 55 Jahren, Mammographie-Screening fĂŒr Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre sowie jĂ€hrlicher Tastbefund ab 30 Jahren, jĂ€hrliche Abstriche zur GebĂ€rmutterhalskrebs-Vorsorge ab 20 Jahren, ab 35 Jahren ergĂ€nzt um einen HPV-Test, sowie eine jĂ€hrliche Tastuntersuchung zur Prostatakrebs-FrĂŒherkennung fĂŒr MĂ€nner ab 45 Jahren.
Strukturelle PrÀvention als politisches Thema
Beim 2. Nationalen KrebsprÀventionsgipfel von Deutscher Krebshilfe und DKFZ, an dem rund 50 Fachleute teilnahmen, wurde festgehalten, dass vier von zehn Krebserkrankungen in Deutschland als vermeidbar gelten.
Die Teilnehmer benannten sechs Handlungsfelder, darunter höhere Tabak- und Alkoholsteuern sowie eine bundesweite âPrĂ€ventionsdekadeâ mit ressortĂŒbergreifender Verankerung. Der Sucht- und Drogenbeauftragte Prof. Hendrik Streeck bezifferte die durch Tabakkonsum verursachten Kosten im Gesundheitswesen auf 30 Milliarden Euro pro Jahr.
Ende Juni 2026 grĂŒndete der Bundestag zudem einen fraktionsĂŒbergreifenden âParlamentskreis PrĂ€ventionâ. Deutsche-Krebshilfe-PrĂ€sidentin Prof. Rita Schmutzler mahnte dabei mehr Verbindlichkeit an, wĂ€hrend DKFZ-Vorstandschef Prof. Michael Baumann erneut eine âPrĂ€ventionsdekadeâ forderte.
Medikamentöse AnsÀtze im Blick
Auf medikamentöser Ebene rĂŒckt zudem eine systematische Ăbersichtsarbeit der Southwest Medical University in China ins Bild, veröffentlicht im Fachjournal Metabolism: Clinical and Experimental. Die Auswertung von 18 randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 97.800 Patienten zeigte, dass GLP-1-Rezeptoragonisten das Risiko fĂŒr den untersuchten Endpunkt signifikant senkten.
GLP-1-Rezeptoragonisten und Tirzepatid reduzierten zudem die Gesamtsterblichkeit sowie die kardiovaskulĂ€re Sterblichkeit signifikant. Bei Herzinsuffizienz-Hospitalisierungen zeigte sich im Gesamtkollektiv kein signifikanter Effekt, jedoch ein möglicher Nutzen bei adipösen Patienten. Die Autoren attestierten den untersuchten Wirkstoffen insgesamt ein gĂŒnstiges Sicherheitsprofil.
Insgesamt verdichten sich damit Hinweise aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen, dass Diabetes, Ăbergewicht und Krebsrisiko enger miteinander verknĂŒpft sind als bislang angenommen â wĂ€hrend gleichzeitig die tatsĂ€chliche Inanspruchnahme bestehender FrĂŒherkennungsangebote in Deutschland deutlich hinter den vorhandenen Möglichkeiten zurĂŒckbleibt.
